Sommerkurs „Science and Culture in Japan"

Im höflichsten Land der Erde zu Gast

Das Glück, in das Haus eines Japaners eingeladen zu werden, wird nicht vielen Ausländern zuteil. Ist man aber bei einem Japaner zu Gast, wird man wie ein König behandelt. Wir hatten das Glück, über die Universität von Niigata Gastfamilien vermittelt zu bekommen. So wurde es uns ermöglicht, innerhalb von gut drei Wochen bereits einen relativ umfassenden Einblick in die japanische Kultur und Lebensart zu gewinnen. Immer waren die Familienmitglieder sehr offen und fast unvorstellbar gastfreundlich.

Der Weg zur Uni

Die japanische Kultur ist so verschieden von der deutschen, dass es unerlässlich war, sich vor Reiseantritt in diese einzulesen. Aber auch die Gastfamilien halfen uns schnell, das Vermeiden der gröbsten Fehler zu erlernen. Nach der Reise nehmen wir jetzt wohl alle die Reisschale zum Essen in die Hand und würden niemals mehr auf die Idee kommen, Stäbchen darin stecken zu lassen. Auch den Weg zur Universität mussten die Gastfamilien am ersten Tag mit uns gemeinsam antreten, da die japanischen Zeichen und Kanji (chinesische Zeichen) einen Deutschen eher verwirren, als ihm den Weg zu weisen. Nach ein paar Tagen konnten wir uns aber beispielsweise das Kanji für Nii=Neu aus Niigata merken, was die Richtungsbestimmung enorm vereinfachte.

In der Universität nahmen wir vormittags an einem Japanisch-Sprachkurs teil und wiederholten hier nur, was wir bereits am ersten Tag bei den Familien gelernt hatten. Nachmittags ging es dann zur wissenschaftlichen Arbeit in die Labore. Beispielsweise sucht man nach Wegen, die Solarenergie für Japan nutzbar zu machen. Die Energiegewinnung aus Sonnenlicht ist im so genannten „Sunbelt" am effizientesten. Da Japan aber nicht in dieser sonnenbegünstigten Zone liegt, müssen Wege gefunden werden, die Energie zu speichern und nach Japan zu transportieren. Einer ist die Gewinnung von Wasserstoff aus Wasser und diesen dann wieder mit Sauerstoff zu Wasser reagieren zu lassen. Geforscht wird an Methoden, die nötige Temperatur zur Aufspaltung von Wasser (4500°C) durch Katalysatoren zu senken, da Sonnenkollektoren bisher maximal 2500°C erzeugen können.

In der zweiten Woche unternahmen wir Exkursionen mit japanischen Studenten zu einer Highschool, nach Tochio oder zu einem Community Center, welches wir schon kritischer betrachteten, da wir lieber bei dem schönen Wetter mit schwülen 33°C zum Strand gegangen wären. Auch unsere Gastfamilien machten an den Wochenenden Ausflüge mit uns. So waren das Northern Culture Museum, der Shimizuen Garden oder auch Niigatas Aussichtspunkte wundervolle Ziele. Aber wo wir auch hinkamen, waren wir die Attraktion. Am eindrucksvollsten wurde dies auf dem Kameda Festival als Tänzer aus dem Festumzug zu uns kamen und uns beschenkten oder als zwei Zahnarzthelferinnen mich um ein gemeinsames Photo baten. Auch waren mehrmals Artikel über unsere Gruppe in der Zeitung.

Die letzten vier Tage hatten wir zur freien Verfügung. Wir besuchten Nikko, eines der wichtigsten religiösen Zentren Japans. Der Shogun Ieyasu errichtete dort die wohl schönsten buddhistischen Tempel und shintoistischen Schreine Japans, um selbst als Gott verehrt zu werden. Nikko ist eine kleine Stadt, die von sehr schöner Natur umgeben ist. Dieses ist leider inzwischen sehr selten in Japan, da die Hauptinsel Honshu „voll" ist.

Am besten ist dieses selbstverständlich in Tokio zu sehen. Hier geht man teilweise sechs Geschosse unter die Erde, bis man bei der U-Bahn ist, da die darüber liegenden Etagen alle noch genutzt werden. Auch in Tokio findet man überall Tempel und Schreine, was einen sehr interessanten Gegensatz zu den 250 Meter hohen Skycrapern darstellt. Tokio besteht aus mehreren großen Städten, die mit all ihren Geschäften und verschiedenen Vierteln für jeden etwas zu bieten haben. Besonders im Bereich Elektronik kann man sehen, was in zwei Jahren in Deutschland im Schaufenster stehen wird. Und auch hier erfuhren wir wieder die japanische Höflichkeit: Ein Polizist bot sich an, einer Kommilitonin von uns den Koffer die Treppe hinauf zu tragen. Japan ist halt das höflichste Land der Erde, und ich freue mich sehr, dass ich dieses Land kennen lernen durfte.   Christoph Wappler