Ein Campus für alle

Was macht unseren Campus aus? Welche Chancen sind mit der Lage im Herzen der Stadt verbunden? Vor welche Herausforderungen stellt dieses besondere „Betriebsgelände“ Studierende, Mitarbeitende und Forschende? Pressesprecherin Katharina Vorwerk hat darüber mit dem Rektor, Prof. Dr.-Ing. Jens Strackeljan, gesprochen und erfahren, warum ein Stau auf der A2 der Uni guttut und wo sich der Lieblingsort des Maschinenbauprofessors auf dem Campus befindet.

Rektor Jens Strackeljan im Gespräch mit Katharina Vorwerk (c) Harald Krieg
Rektor Prof. Dr.-Ing. Jens Strackeljan auf dem Campus im Gespräch mit Katharina Vorwerk.

 

Herr Professor Strackeljan, erinnern Sie sich an Gedanken oder Gefühle, als Sie auf dem Campus der Universität Magdeburg ankamen?

Daran erinnere ich mich sogar noch sehr genau. Ich musste in den Senatssaal, denn dort fand mein Berufungsgespräch statt. Und eigenartigerweise werde ich diesen Aufgang, das Treppenhaus mit dem besonderen Geruch nie vergessen. Ich kannte die Uni ja schon durch mehrere Besuche. Aber alles vor diesem Tag war kein bewusstes Betreten des Campus.

 

Was bedeutet der Unicampus für Sie als täglicher Arbeitsort?

Es ist ein Ort, an dem ich mich, wie die meisten von uns, viele Stunden des Tages aufhalte. Man sollte sich hier also schon wohlfühlen. Ich glaube, dass das Erleben des Campus eine große Rolle für jeden Einzelnen spielt. Der Campus ist wichtig für das tägliche Miteinander, er sollte immer auch ein Ort sein, an dem Kreativität wächst, sonst macht er die Uni nicht aus.

 

Quasi ein Betriebsgelände mit Mehrwert: als Arbeitsplatz, Wohnraum, Forschungsstätte. Kann unsere Campus­uni allen gerecht werden?

Das ist in der Tat schwierig. Die Entwicklung gerade der Universitäten mit einem technisch-naturwissenschaftlichem Profil geht schon in die Richtung, dass man aus Platzgründen neue Gebäude einige Kilometer abseits des Hauptcampus konzipiert und baut. Wir haben da nicht sehr viel Gestaltungsspielraum. Dazu kommt, dass der Campus in den Planungen 1953 bis 55 entstand, und das wird jetzt schon ein bisschen eng. Letztendlich überwiegen aber die Vorteile, die uns eine zusammenhängende Uni-Welt liefert, vor allem für unsere Studierenden. Denn die Lage in der Stadt hat unzweifelhaft einen hohen Wert und sorgt nicht zuletzt dafür, dass Nicht-Angehörige, egal ob Magdeburger oder Auswärtige, die Universität wahrnehmen. Vor allem, wenn auf der A2 Stau ist und die B1 zur Umleitungsstrecke wird. Dann fahren tausende Autos auf dem Weg von oder nach Berlin an unserer Bibliothek vorbei. Die ist hell erleuchtet und man wird unweigerlich darauf aufmerksam: Magdeburg ist eine Universitätsstadt.

 

Seit der Gründung der OVGU haben sich die drei Standorte stark verändert. Investitionen flossen in Gebäude, In­frastruktur, Großgeräte und Technik. Ist alles bereitet und bestellt für künftige Generationen von Forschenden und Lehrenden?

Der Wissenschaft ist eine ungeheure Dynamik immanent und deshalb kann man nie sagen, dass in diesem oder jenem Gebäude auch in den nächsten 25 Jahren Wissenschaft auf höchstem Niveau betrieben werden kann. Das gilt für die Geistes- oder Wirtschaftswissenschaft schon eher. Da braucht man natürlich auch moderne Lehrräume und Rechnerkapazitäten, aber im Großen und Ganzen ist man unabhängiger von aktuellen technologischen Entwicklungen oder Großgeräten. Die Sanierung der Fakultät für Humanwissenschaften inklusive des Hörsaalneubaus 6 zeigt, dass dort für die nächsten Jahre eine sehr vernünftige Infrastruktur vorhanden ist, die selbstverständlich an der einen oder anderen Stelle noch ergänzt werden kann. Wir haben dort auch die modernen Sporthallen mit einer fantastischen Ausstattung, mit Laborräumen, in denen im Bereich der Sportwissenschaft und der Sportingenieure auch Start-ups entstehen und u.a. die Zusammenhänge zwischen Gesundheitssport, Bewegung und Kognition erforscht werden.

Ansonsten merken wir schon, dass wir veränderte Randbedingungen haben, unter anderem bei einem wesentlich höheren Bedarf an Kälte für unsere Labore und Rechner. Dazu brauchen wir neues Equipment. Wir haben unseren Vierrad-Prüfstand, auf den wir komplette Autos testen können. Aber, der brauchte auch ein eigenes Gebäude. In der Medizin steht der 7-Tesla-MRT und künftig ein Zyklotron, um Tracer herzustellen. So entstehen Gebäude, die manchmal die Einhausungen für ein einziges Gerät darstellen, das hatten wir in der Vergangenheit so nicht. Und ich bin ganz sicher, dass diese Entwicklung unseren Campus auch weiter verändern wird.

 

Wachsen also nur durch Verdichtung?

In der Fläche zu wachsen, ist für uns schwierig, denn in drei Himmelsrichtungen geht gar nichts. Aber es gibt Maßnahmen für eine Campuserweiterung in Richtung Wissenschaftshafen. Wir werden den Forschungscampus STIMULATE in einem alten Speicher unterbringen. Das wird attraktiv für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, aber auch für Studierende, Start-ups und Unternehmen der Region, die vom Technologietransfer profitieren. Es entsteht eine Start-up-Kultur, die sich auch in der Architektur ausdrücken wird. Das zentrale Element für mich bildet eine Brücke, die auch sinnbildlich den Bogen spannt vom Campus in den Wissenschaftshafen. Für Fußgänger, Radfahrer und vielleicht auch kleine, selbstfahrende Autos. In 10Minuten können die Studis von den Vorlesungen in die Forschungshallen gelangen oder Praktika bei Start-ups machen. Ein kreativer Ort mit großem Potenzial für die Stadt, an dem sich die Wissenschaft und Wirtschaft verzahnen.

Ein Entwurf für den Wissenschafthafen der Zukunft Vision des Magdeburger Wissenschaftshafens Quelle: Stefan Haberkorn

 

Auf dem Medizinercampus entsteht ein neues Herzzentrum. Ausgerechnet im Jubiläumsjahr der Moderne reißt die Uni ein denkmalgeschütztes Ge­bäude ab

Auch für den Medizincampus gilt: Wir können Gebäude nicht beliebig verdichten. Die Funktionalität muss gegeben sein, gerade, wenn es um Patientenwohl und Effizienz geht. Die Nähe verschiedener Versorgungsbereiche ist oft dringend erforderlich, ansonsten kann man die Medizin, die wir da bieten wollen, nicht leisten. Wir haben uns schweren Herzens dazu durchgerungen, ein Gebäude, das architektonisch für eine Blütezeit Magdeburgs steht, abzureißen. Aber wir haben immer noch eine Anzahl ähnlicher Bauten und ich glaube, die Entscheidung zur Erteilung der Abrissgenehmigung ist vertretbar. Ich weiß natürlich, dass das Ganze kontrovers diskutiert wird. Aber ein Herzzentrum hat einen Grundflächenbedarf, der so groß ist, dass ein Bau ohne den Verlust anderer Bausubstanz unmöglich wäre. So ein Abriss muss die absolute Ausnahme bleiben.

 

Sie haben vor sich einen Kalender mit alten Fotos des Areals, das heute den Campus am Uniplatz ausmacht. Berühren Sie diese Aufnahmen, spüren Sie im Alltag an manchen Orten noch die Vergangenheit oder ist das für Sie abgeschlossene Historie?

Wenn ich diese alten Aufnahmen sehe wird deutlich, dass unser heutiger Campus vor 100 Jahren in der Alten Neustadt durch einen Mix von Wohnbebauung und öffentlichen Gebäuden geprägt war und hinter meinem Büro, wo jetzt die Mathematik untergebracht ist, eine Kirche stand und der Senatssaal vielleicht mal Lehrerzimmer einer Schule war, dann ist es für mich ein gutes Gefühl zu wissen: Diese Universität ist an einer Stelle entstanden, wo Magdeburg einmal lebte und wuchs. Andererseits konnte sie nur hier entstehen, weil es die fürchterliche Zerstörung im Jahr 1945 gab. Das spürt man noch, wenn man die Bilder im Kopf hat. Wir wollen in Zukunft auf dem Campus auf Schautafeln alte und neue Ansichten nebeneinander präsentieren. Das wäre ein Projekt, das mir am Herzen liegt.

Die frühere Falkenbergstraße - heute befindet sich hier der UniversitätscampusDie Falkenbergstraße um 1905. Im Vordergund das heutige Gebäude 05 mit dem Senatssaal. Foto aus dem Archiv von Heiko Schmietendorf

 

Es gibt auch noch eine Menge alter Bausubstanz. Inwieweit reifen in Hüllen aus den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts tragfähige Ideen für die Zukunft? Sollten alte Gebäude nicht moderneren Platz machen?

Wir haben ja in Teilen Gebäude, die aus Bombentrümmern entstanden sind. Da stecken Steine drin, die nach der Zerstörung Magdeburgs zum Wiederaufbau der Stadt genutzt wurden. Wir sollten gut überlegen, ob man an dieser Stelle mit der Abrissbirne kommt. Und ich finde es wunderschön, an dem bereits sanierten Teil des Gebäudes 12 zu sehen, dass es sehr wohl möglich ist, Forschungshallen, Seminarräume und Labore in alter Hülle hervorragend und adäquat zu gestalten.

 

Die Universität Magdeburg hat eine Nachhaltigkeitsstrategie. Kennen Sie den ökologischen Fußabdruck der OVGU?

Ich befürchte, der ist noch sehr groß. Aber eine Uni mit unserem Profil hat die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass der Fußabdruck der gesamten Gesellschaft kleiner wird. Deswegen ist das ganze Thema natürlich auch ambivalent: Wir haben einen eventuell hohen Stromverbrauch auf dem Campus für Versuche, die am Ende außerhalb zu weniger Stromverbrauch führen werden. Diesen Spagat müssen wir hinkriegen. Deshalb können wir den Erfolg der Uni nicht nur daran messen, ob Stromverbrauch oder CO-Bilanz in jedem Jahr weniger werden. Das wäre zu kurz gesprungen. Wir wollen ein neues Energienetz aufbauen. Unsere Leitungen sind nach 50 Jahren marode und es ist nicht vertretbar, dass wir den Boden heizen und die Wärme nicht an die Stellen bringen, wo wir sie brauchen. Der Unicampus muss Vorreiter beim Einsatz dieser neuen Technologien sein. In diesem Zuge wird bald auch Photovoltaik auf die Dächer kommen.

 

Die Flächenberechnung der Uni, ihr Bedarf an Raum bildet die Grundlage für die Finanzierung vom Land. Das wirft der Universität vor, über mehr Fläche zu verfügen, als ihr zusteht. Wie ist Ihre Sicht auf die Dinge?

Die Berechnung des Landes für die Universität stammt aus dem Jahr 2003. Sie besagt, dass die Uni etwa 10Prozent zu viel Fläche bewirtschaftet. Aber: Wir haben deutlich mehr Drittmittelbeschäftigte als vor 15 Jahren, wir haben neue Gebäude, die Großgeräte beherbergen. Es entstanden 11 Gründerwerkstätten und so addieren sich die Flächen auf diesen Bedarf und ich finde schon, dass man uns an dieser Stelle durch die Vorgabe von Zielzahlen sehr stark einschränkt. Im Rahmen der Hochschulautonomie sollte man über die Flächen gar nicht groß diskutieren. Wir müssen aus unserem Budget das Personal bezahlen, die Versorgung mit Strom, Wasser und Wärme und wenn wir mehr Flächen haben, ist uns klar, dass deren Bewirtschaftung etwas kostet. Ich sehe es als Aufgabe einer Hochschulleitung, das hinzubekommen. Klar ist: Jeder Quadratmeter verlangt am Ende auch eine klare Kalkulation der Folgekosten. Aber, wenn wir ein neues Gebäude errichten, haben wir doch auch ureigenes Interesse daran, dass dieses Gebäude viele Jahre nutzbar ist. Also die Sorge, dass wir unsere Forscherinnen und Forscher im Kalten sitzen oder Gebäude zerbröseln lassen, könnten wir dem Land nehmen.

 

Rektor Jens Strackeljan im Gespräch mit Katharina Vorwerk (c) Harald Krieg

 

Zum Schluss noch eine persönliche Frage: Haben Sie einen Lieblingsort auf dem Campus?

Wenn ich Gäste habe, führe ich sie immer in die Bibliothek. Sie ist das schönste Gebäude für mich auf dem Campus. Ich würde hier gern öfter ein bisschen sitzen und stöbern, aber dazu komme ich leider im Moment nicht. Einen Platz zwischen den Bücherregalen mit dem Ausblick auf den Mensavorplatz würde ich schon als einen solchen Ort bezeichnen. Wenn es real nicht klappt, kann man sich ja auch manchmal an seinen Lieblingsort träumen.

 

Herr Professor Strackeljan, vielen Dank für das Gespräch.

 

Katharina Vorwerk

Letzte Änderung: 17.01.2019 - Ansprechpartner: Webmaster