Technische Bildung neu denken

07.02.2018 -  

Technische Bildung am beruflichen Gymnasium neu gedacht haben Professor Klaus Jenewein, Lehrstuhlinhaber „Ingenieurpädagogik und gewerblich-technische Fachdidaktiken“ und sein Team. Mit Blick auf die Ingenieurwissenschaften fordert er eine breiter aufgestellte gymnasiale Technikbildung: „Wir können in den technischen Bereichen des beruflichen Gymnasiums nicht mehr so kleinteilig wie bisher weitermachen. Die technische Bildung muss zukunftsfähig ausgerichtet werden.“ Für den länderübergreifenden Modellversuch „Berufliches Gymnasium Ingenieurwissenschaften“ in Nordrhein-Westfalen, Sachsen-Anhalt und Hamburg übernehmen der Pädagoge und sein Team die Entwicklung einer inhaltlichen Neukonzeption, die curriculare Umsetzung und die wissenschaftliche Begleitforschung.

Die Idee dahinter: Schülerinnen und Schüler sollen die breite Palette der ingenieurwissenschaftlichen Disziplinen kennenlernen. Beim Wechsel auf ein berufliches Gymnasium können viele der jungen Leute oft noch nicht einschätzen, wo ihre Interessen wirklich liegen – während sie sich bei beruflichen Gymnasien mit technischen Schwerpunkten bislang konkret für eine Disziplin, beispielsweise Bautechnik, Elektrotechnik oder Metalltechnik, entscheiden mussten. Im vergangenen Jahrzehnt war zudem zu beobachten, dass disziplinär geprägte Bildungsgänge aufgrund zurückgehender Nachfrage nicht mehr zustande kommen; zuletzt konnte bspw. in Sachsen-Anhalt in diesen ingenieurwissenschaftlichen Disziplinen keine einzige Gymnasialklasse mehr eingerichtet werden. Und noch ein anderer Trend ist zu beobachten: Die Universitäten und Hochschulen bieten vermehrt hybride Studiengänge an, wie Sport und Technik, Computermathematik oder Ingenieurinformatik, die bei jungen Menschen gut nachgefragt werden.

Mit einem Disziplinen übergreifenden Ansatz wurden durch das Wissenschaftler-Team zusammen mit dem Bildungsministerium Sachsen-Anhalt und Arbeitsgruppen aus beruflichen Gymnasien die Lehrpläne für ein „berufliches Gymnasium für Ingenieurwissenschaften“ theoretisch fundiert und neu ausgerichtet. Die Wissenschaftler begleiten die Erprobung des neuen Konzepts, evaluieren es und konkretisieren stetig.

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Schon früh für technische Fächer begeistern

Ein Hauptanliegen des beruflichen Gymnasiums Ingenieurwissenschaften ist es, eine positive Einstellung der Schülerinnen und Schüler zur Technik und zu technischen Berufen zu schaffen. Dabei geht es weniger um den reinen Kenntniserwerb, als vielmehr um den Erwerb von Kompetenzen. Neben fachlichen Grundkenntnissen der einzelnen Disziplinen werden Aspekte der Nachhaltigkeit, der Technikbewertung und Technikfolgenabschätzung, technisches Handeln in seinen Wechselbeziehungen zum Menschen, zu ökologischen, ökonomischen oder gesellschaftlichen Zielsetzungen und ethische Fragen thematisiert, um technische Entwicklungen und ingenieurwissenschaftliches Handeln begreifen, bewerten und reflektieren zu können. Dabei wurde die VDI-Richtlinie 3780 zur Technikbewertung für die Lehrplanentwicklung zugrunde gelegt.

Die Notwendigkeit einer Bildungsreform an beruflichen Gymnasien sieht auch Lars Funk, Leiter des VDI-Bereichs Beruf und Gesellschaft, vor dem Hintergrund der sehr hohen Studienabbrecherquoten von zum Teil über 40 Prozent in den Ingenieurwissenschaften. In den VDI-Nachrichten lobt er, dass sich nach dem neuen Ansatz die Schülerinnen und Schüler eine Orientierung verschaffen, um „dann eine wesentlich qualifiziertere Studiengangsentscheidung“ treffen zu können.

Doch nicht nur die Gymnasiasten haben die Wissenschaftler im Fokus. Sie geben auch den Lehrkräften Unterstützung, arbeiten an Lehrerfortbildungen zur Lernaufgabenentwicklung mit. Zudem erfolgt im Modellversuch die Modellierung eines Aufgabensystems zu Lernerfolgs- und Abiturprüfungen mit dem Ziel, landeseinheitliche Abiturprüfungen im Rahmen des Zentralabiturs zu unterstützen. An einigen Schulstandorten erfolgt die Einbindung ingenieurwissenschaftlicher Laboreinrichtungen von Universitäten und Fachhochschulen in den Unterricht als eine orientierende Vorbereitung auf den Übergang vom Gymnasium in ein Studium.

„Nach den bislang vorliegenden Erfahrungen ist eine sehr gute Akzeptanz des Bildungsgangs zu verzeichnen“, resümiert Professor Jenewein. „Beispiel Sachsen-Anhalt: Hier entwickelt sich dieser Bildungsgang landesweit an sechs Standorten, an denen in Zukunft etwa 300 Schüler und Schülerinnen im beruflichen Gymnasium das Profilfach Ingenieurwissenschaften auf dem Niveau eines Leistungskurses in der gymnasialen Oberstufe absolvieren werden.“

Zudem: Berufliche Komponenten stärker auszuprägen als dies derzeit viele allgemeinbildende Gymnasien praktizieren, ist ein Anspruch des beruflichen Gymnasiums für Ingenieurwissenschaften. „Wir brauchen junge Menschen, die sich mit ihrem technischen Sachverstand, ihren reflektierenden Kompetenzen und ihrem Denken in sozio-technischen Systemen neuen Entwicklungen und Herausforderungen stellen“, unterstreicht Professor Jenewein. „Wenn dabei mehr junge Menschen in die Hochschule wechseln, eigene biografische Erfahrungen aus beruflichen Schulen mitbringen und für ein ingenieurpädagogisches Studium gewonnen werden können, haben wir auch etwas gegen den gravierenden Lehrermangel in den ingenieurpädagogischen Fachrichtungen getan.