Lehre in Zeiten der Coronakrise

11.05.2020 -  

Als Erziehungswissenschaftler forscht Dan Verständig zu Fragen der Bildung in einer digitalen Welt, was digitale Technologien mit uns als Menschen machen und wie sie unser Leben und Lernen beeinflussen. Für seine Vorlesungen hat er schon vor der Corona-Krise mit digitalen Tools experimentiert und sich und seine Lehre damit regelmäßig neu erfunden. Im Interview gibt er Tipps, wie sich welche Lehrinhalte digitalisieren lassen und wie es mit der Online-Lehre auch nach der Krise weitergehen sollte.

Dan Verständig im Home Office (c) Dan VerständigDan Verständig bei der digitalen Lehre im Homeoffice (Foto: Dan Verständig)

 

Welche Tools nutzen Sie wofür?

Das ist breit gefächert und fängt schon bei der Organisation des beruflichen Alltags an. Für Besprechungen nutze ich beispielsweise calendly, damit können die Studierenden einfach Besprechungstermine mit mir vereinbaren. Das funktioniert aktuell auch sehr gut mit dem Homeoffice, da es nicht nur mit meinem Kalender arbeitet, sondern eine direkte Integration in gängige Videokonferenztools gibt. Das macht es für alle Beteiligten leichter.

Wer das nicht möchte, kann mich auch über etliche andere Wege kontaktieren. Beispielsweise über den datenschutzfreundlichen Messenger Wire oder über den Microblogging-Dienst Twitter. Letzteres ist für mich derzeit auch eine wichtige und schnelle Informationsquelle, denn der Austausch über Distanzlehre funktioniert auf Twitter unter den Hashtags #coronacampus oder #twittercampus ziemlich gut.

In der Lehre nutze ich neben Moodle seit einiger Zeit verschiedene Dienste, um auch innovative und alternative Formate kennenzulernen und zu etablieren. Dazu zählt das gemeinsame Erarbeiten von Inhalten durch das kollaborative Schreiben. Ein Beispiel ist Cryptpad beziehungsweise CryptDrive, wenn man neben Text auch Präsentationen und andere Inhalte teilen möchte. Daneben nutzen wir in einem Seminar nun Mattermost, ein freier webbasierter Instant-Messaging-Dienst, bei dem wir Inhalte und Materialien teilen und uns gemeinsam über verschiedene Themen des Seminars sowie Texte und mediale Beispiele austauschen können.

Es gibt wohl keine Software, die alles abdeckt und das muss es auch gar nicht. Man muss nur manchmal etwas genauer schauen und überlegen, was man eigentlich mit welchem Tool erreichen will. Das ist aber prinzipiell immer so. Einen Nagel will ich ja auch nicht mit einer Bohrmaschine in die Wand schlagen.

 

Lässt sich die gesamte Lehre digitalisieren?

Ich denke keineswegs, dass sich die gesamte Lehre sinnvoll digitalisieren lässt. Wenn man beispielsweise an Laborpraktika denkt, dann wird das schon schwierig. Lehre ist immer auch eine soziale Beziehung zwischen Lehrenden und Lernenden und dementsprechend sind gerade zwischenmenschliche Aspekte, Erfahrungsräume und informelle Gesprächsanlässe besonders wichtig. So etwas kann man zwar über vermittelte Kommunikation auch zu einem gewissen Grad herstellen, doch es ist unheimlich schwer ein Gefühl der „vermittelten Unvermitteltheit“ herzustellen. Fehldeutungen und Missverständnisse können durch die vermittelte Kommunikation länger unbemerkt bleiben. Dafür muss man als Lehrperson erstmal ein Gespür entwickeln. Gleichzeitig erfordert die Digitalisierung der Lehre auch hohe Selbstlern- und Selbstorganisationskompetenz bei den Lernenden.

Das Studium lebt maßgeblich vom sozialen Austausch der Studierenden untereinander. Gerade dieser Raum wird gerade eingeschränkt. Umso wichtiger ist es, dass Angebote des Austauschs auch über digitale Technologien im universitären Kontext zur Verfügung gestellt werden. Hier unterstützt das Rechenzentrum durch verschiedene Angebote der Vernetzung über Lernmanagementsysteme hinausgehend ganz direkt.

Für unsere interdisziplinäre Ringvorlesung "Autonomie im digitalen Zeitalter?! Suchbewegungen zwischen Freiheit und Kontrolle" haben wir uns dazu entschieden, einen Podcast begleitend zur Veranstaltung zu produzieren. Damit wollen wir nicht nur ein alternatives Format der Dokumentation nutzen, sondern auch Interessierte erreichen, denen es nun in Zeiten von Covid-19 nicht mehr möglich ist, den von uns eingeladenen Referentinnen und Referenten im Hörsaal zu folgen. Gleichzeitig können wir somit einen kleinen Beitrag zur Wissenschaftskommunikation leisten. Wir haben uns bewusst zu diesem Format entschieden, weil wir wissen, dass die synchronen Inhalte der Distanzlehre auch eine hohe Aufmerksamkeit bei allen Beteiligten erfordert.

Lehre in Zeiten von so hoher Unbestimmtheit, wie gerade heute, erfordert kreatives und flexibles Nachdenken darüber, wie Dozenten die Studierenden beim Erreichen der Studienziele unterstützen können. Ich denke nicht, dass digitale Lehre von heute auf morgen von 0 auf 1 zu umzustellen geht. Es erfordert sehr viel Erfahrung, Expertise und Routine, um qualitativ hochwertige Lern- und Lehrmaterialien zu erstellen. Aus den genannten Grenzen, die sich nur schwer verschieben lassen, ist eine ausgewogene Balance zwischen digitalen Formaten und Präsenzlehre wohl der goldene Weg.

Digitale Lehre an der Uni Magdeburg (c) Dan Verständig

Der Mix an Tools macht die digitale Lehre von Dan Verständig aus (Foto: Dan Verständig)

 

Kennen Sie Best Practice Beispiele?

Wir befinden uns in einer Situation, in der wir aufgefordert sind, Lehr- und Lerninhalte didaktisch in vielleicht andere und teilweise ungewohnte Formte zu überführen und dennoch die Qualität der Lehre zu gewährleisten. Daher ist Austausch auf verschiedenen Ebenen wichtig. An der Uni empfinde ich den Austausch über digitale Lehre, insbesondere durch die AG eLearning sehr gut.

Oder der Kollege Dr. Christoph Damm berichtet auf seinem Blog beispielsweise ausführlich über seine Erfahrungen in der Lehre. Das ist unheimlich hilfreich und eine absolute Leseempfehlung. Daneben gibt es einige zentrale Anlaufstellen zu Tools und Howtos. Das funktioniert aus meiner Sicht bislang ziemlich gut. Gute Lehre ist aber nicht nur vom Engagement der Lehrenden abhängig, sondern vom ganzen Hochschulbetrieb. Ohne die schnellen Reaktionen und die großartige Unterstützung der Kolleg*innen aus der Universitätsbibliothek wäre meine Vorbereitung des Semesters ganz anders gelaufen.

Als ein spannendes Good Practice Beispiel außerhalb der Uni fällt mir ein Kollege ein, der den Messenger Signal nutzt, um Fragen von den Studierenden zu sammeln und dise dann per Sprachnachrichten beantwortet. Das ist praktisch, effizient und zeitgemäß. Eine Kollegin nutzt den Internet Relay Chat und reagiert damit ganz direkt auf die Wünsche und Interessen ihrer Studierenden.

Es gibt aber noch mehr bemerkenswerte Beispiele: Eines ist der bundesweite Online-Hackathon zu dem das Hochschulforum Digitalisierung, der DAAD und KI-Campus kürzlich eingeladen haben. Interessierte konnten sich in unterschiedlichen Rollen anmelden, um in interdisziplinären Teams an Challenges zur Gestaltung von Studium und Lehre im digitalen Sommersemester beteiligen. Solche Initiativen bringen Menschen zusammen und fördern nicht nur kreative Ideen, sie schaffen auch ein Gefühl der Zugehörigkeit und stärken somit das Miteinander in einer Zeit der sozialen Distanzierung.

 

Was sind absolute No-Gos?

Ein No-Go wäre es zum Beispiel, die Studierenden in dieser Situation allein zu lassen. Gute Kommunikation ist gerade in Krisenzeiten von hoher Bedeutung, sie gibt Sicherheit und schafft Vertrauen. Das gilt andererseits auch für viele Lehrenden, die ebenso dankbar über den offenen und gemeinsamen Austausch gerade im Umgang mit neuen Tools sind.

Ein anderes No-Go wäre aus meiner Sicht, zu erwarten, dass die geplanten Lehrveranstaltungen nun 1:1 in synchrone Videomeetings überführt werden. Das kann im Einzelnen sogar mal funktionieren, aber es gibt viele didaktische Fallstricke, die einem da begegnen können. Digitale Lehre ohne die Vielfalt von synchronen und asynchronen Formaten umzusetzen und auf die verschiedenen Möglichkeiten zurückzugreifen, halte ich für schwierig.

 

Fehlt aus Ihrer Sicht etwas an der Uni?

Es ist Frühling. Die Menschen fehlen auf den Wiesen vor den Fakultäten und auf dem Campus. Davon abgesehen, haben sich verschiedene Akteure aus meiner Sicht in den letzten Monaten ausgezeichnet vernetzt, um auf die Situation zu reagieren.

Perspektivisch müsste man sich nun darüber austauschen, wie es in einigen Monaten bzw. nach der Krise weitergehen wird. Mit Covid-19 haben wir gesehen, welche Herausforderungen uns erwarten können und wie wir diese mit digitalen Technologien meistern können.

Gerade mit Blick in die Zukunft scheint es mir wichtig, digitale Lehr- und Lernsettings so umzusetzen und institutionell zu integrieren, dass sie nicht nur als Prävention für zukünftige Krisen dienen, sondern sich vor allem auch an den Anforderungen des lebenslangen Lernens messen lassen. Diese Anforderungen werden nicht nur an eine bestimmte Gruppe von Menschen gestellt, sondern sollten als gesamtgesellschaftliche Herausforderung von Wissenschaft verstanden werden.

 

Welche Vorteile haben Lehrende, wenn sie digitale Lehre anbieten?

Als Erziehungswissenschaftler möchte ich ja sofort antworten, dass Lehrende unter den Bedingungen des Digitalen die Gelegenheit haben, sich selbst neu zu entdecken und ihre Inhalte in unterschiedlichen Formen aufzubereiten. So können auch mal andere Formate, wie Flipped Classroom genutzt und ausprobiert werden. Im Moment haben Lehrende aber wohl erstmal den Vorteil, dass sie durch digitale Technologien überhaupt Lehre realisieren können.

 

Welche Vorteile haben Studierende, wenn die Lehre digital ist?

Digitales Lernen kann das individuelle Lerntempo berücksichtigen und schafft zugleich räumliche, zeitliche und organisatorische Flexibilität. Je nach Wahl der Kommunikationswerkzeuge kann jede*r zu Wort kommen. Diskussionen müssen nicht an einem zeitlichen Format festgemacht werden, sondern können in digitalen Räumen weitergeführt werden.

 

Können sich Lehrende an Sie wenden, wenn Fragen aufkommen?

Ja, sehr gerne! Entweder hier, über Twitter oder per Mail. Man kann mich auch über Ring-a-Scientist erreichen.

 

Das Gespräch führte Ina Götze.

Letzte Änderung: 12.05.2020 - Ansprechpartner: Webmaster