Ein Blick auf den Campus und dazwischen 50 Jahre

1961 und 2011 dazwischen liegen 50 Jahre und an der Universität etliche Generationen von Studierenden. Zu ihnen gehören Lothar Mörl und Karsten Rätze.

1961 sitzt Lothar Mörl das erste Mal im Hörsaal, beginnt im Jahr des Mauerbaus sein Diplomstudium „Chemisches Apparatewesen“ an der Technischen Hochschule Magdeburg. Sein Studium startet, wie in der DDR üblich, mit einem mehrwöchigen Ernteeinsatz. „Das war gar nicht so verkehrt“, erinnert er sich. „Damals waren wir in Seminargruppen eingeteilt und wir hatten Gelegenheit, uns abseits vom Studienstress kennenzulernen. So viel Kartoffeln, wie ich damals vom Feld gelesen habe, habe ich in meinem ganzen Leben nicht gegessen.“

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Die Seminargruppe begleitet den jungen Studenten durch sein gesamtes Studium, geht mit ihm durch dick und dünn. Das schweißt zusammen. Noch heute treffen sich die Studienfreunde einmal im Jahr, um in Erinnerungen zu schwelgen und das eine oder andere Lied aus Studienzeiten zu singen. „Wir haben damals viel gesungen“, denkt Lothar Mörl zurück.

2011 beginnt Karsten Rätze das Bachelorstudium Verfahrenstechnik an der Universität Magdeburg. Ein Umweg führt ihn an die Magdeburger Uni. Da er Chemie studieren will, um später einmal in der chemischen Industrie zu arbeiten, besucht er an der Uni Göttingen eine Schnuppervorlesung. Der Professor dort gibt ihm einen wichtigen Rat: „Falls ihr die Natur studieren möchtet, dann wählt eine Naturwissenschaft. Falls ihr jedoch mit dem erworbenen Wissen etwas bauen oder erfinden wollt, dann seid ihr bei den Ingenieuren besser aufgehoben.“

Nichts ist so beständig wie die Interimslösung

Bis dahin hat der Abiturient noch nie in Betracht gezogen, Ingenieur zu werden. Eine große Suchmaschine im Web macht Karsten Rätze auf Studienrichtungen wie Chemieingenieurwesen und Verfahrenstechnik aufmerksam, für deren interdisziplinäre Ausrichtung er sich sofort begeistert. Sein Vater, der beruflich in Magdeburg unterwegs ist, empfiehlt ihm die OVGU. Um sich ein bisschen umzuschauen, meldet er sich zum MINT-Praktikum an, ist begeistert von der Uni und dem Brennstoffzellenlabor, in dem er während des Praktikums arbeitet.

Vor 50 Jahren ist der Campus noch ein ganz anderer, weiß Lothar Mörl. Seine Vorlesungen finden hauptsächlich im Lehrgebäude Am Krökentor statt. Das Gebäude 15 ist gerade fertiggestellt. Dort ist für den inzwischen emeritierten Professor viele Jahre lang sein Arbeitsplatz. Dort hat er noch heute ein Büro, betreut er Doktoranden und Masterstudierende, ist seine Expertise in Sachen Wirbelschicht gefragt. Und die Baracke ist damals nur für den Übergang eröffnet worden. „Nichts ist so beständig und so langlebig wie die Interimslösung“, schmunzelt Professor Mörl. Gewohnt hat der Student Mörl im Studentenwohnheim gleich hinter dem Campus. Im Dreibett-Zimmer. „Für ein viertes Bett wäre in dem kleinen Zimmer gar kein Platz mehr gewesen“, meint er. „Die Duschen sind im Keller gewesen und Damenbesuch ist nicht erlaubt.“ Als ein Kommilitone doch einmal seine Freundin mit aufs Zimmer nimmt, hat das schlimme Folgen für die junge Frau, sie wird exmatrikuliert.

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Die Baracke kennt Karsten Rätze natürlich auch, auch wenn er nicht zu den häufigsten Gästen gehört. Den Campus lernt er als einen sehr modernen, mit vielen sanierten Gebäuden, ausgezeichneten Studien- und Arbeitsbedingungen und vor allem mit supernetten Menschen kennen. Im dritten Semester seines Bachelorstudiums bietet sich die Gelegenheit, programmieren zu lernen. Er entdeckt seine Leidenschaft dafür und fühlt sich für ein Industriepraktikum bei BASF und die Optimierungsaufgaben auf der Basis stochastischer Simulationen durch den Kurs an der Uni gut gerüstet. „Nun ja, ich merkte schnell, dass ich doch nicht so viel konnte“, erinnert sich Karsten Rätze. Aber er kniet sich rein und wird besser und besser, sodass ihm BASF anbietet, seine Bachelorarbeit zu betreuen. Dieser Praxisbezug ist genau nach seinem Geschmack.

Praxisbezug wird auch während des Studiums von Lothar Mörl großgeschrieben, schließlich bildet die Uni ganz nach Bedarf der Industrieriesen SKET, SKL, Armaturenwerk oder Fahlberg-List in der Metropole des Schwermaschinenbaus aus. Nach dem Studium eine Arbeitsstelle zu finden, ist für die Absolventen der damaligen Technischen Hochschule Magdeburg kein Problem. Nur ist diese eben nicht immer da, wo junge Menschen gern leben wollen; Buna, Leuna, Schwedt sind nicht unbedingt die Traumstädte.

In den USA die Masterarbeit geschrieben

Lothar Mörl kann in Magdeburg bleiben, ist den akademischen Karriereweg gegangen: von Studium, Assistenz und Promotion über Oberassistenz, Habilitation und Auszeit in der Forschungs- und Entwicklungsabteilung des SKET bis hin zur zweimaligen Berufung zum Professor; einmal vor und einmal nach der politischen Wende. Lothar Mörl ist eher für die anwendungsorientierte Forschung. „Am Ende muss da eine Apparatur stehen und aus dieser etwas herauskommen“, fasst er zusammen. Die Wirbelschicht hat es ihm angetan. Im Laufe seiner wissenschaftlichen Arbeit hat er Kaffee geröstet, Waschmittel granuliert und Zucker getrocknet; kurz über 600 verschiedene Stoffe getrocknet, pelletiert oder zu Granulat verarbeitet. Und das nicht nur in Magdeburg, sondern gern auch mit Partnern in Bulgarien, Ungarn, der Ukraine, Russland oder Tschechien.

Auch Karsten Rätze zieht es während seines Studiums ins Ausland, genauer gesagt in die USA an die Carnegie Mellon University in Pittsburgh. Dort soll sein Auslandspraktikum sein, aber er nutzt es auch gleich, um seine Masterarbeit zu schreiben. „Das war sehr arbeitsintensiv“, ruft sich Karsten Rätze ins Gedächtnis, „aber ich hatte die Gelegenheit, mit dem Professor für dynamische Optimierung zu arbeiten, eine neue Programmiersprache zu lernen und viele neue Kontakte zu knüpfen, von denen ich noch heute profitiere.“ Arbeitsintensiv geht es weiter, denn direkt nach seiner Rückkehr aus den Staaten verteidigt er seine Masterarbeit und beginnt mit seiner Promotion, in der sich wieder alles um die Optimierung dreht. Prozesssimulationen, -optimierung und -regelung sind die Instrumente, die der junge Promovend im Wissenschaftlerteam eines Sonderforschungsbereichs nutzt, um neue, innovative Reaktorkonzepte zu entwerfen und zu steuern. Mathematik, Chemie, Programmierung von allem ist etwas dabei, die perfekte Mischung für Karsten Rätze.

 

Ines Perl

Letzte Änderung: 30.01.2019 - Ansprechpartner: Webmaster