Magdeburger Literaturgeschichte zwischen Weimarer Republik und sozialistischer Planwirtschaft

18.12.2020 -  

Literaturwissenschaftler der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg haben mit der Erstveröffentlichung eines bisher unbekannten Romans des Magdeburger Schriftstellers Oskar Schönberg neue Erkenntnisse der regionalen Literatur- und Kulturgeschichte gewonnen. Prof. Dr. Thorsten Unger, Inhaber des Lehrstuhls Germanistische Kulturwissenschaft, hat den über weite Strecken in Magdeburg spielenden Roman „Das unsterbliche Luderleben“ im Rahmen eines Forschungsprojekts unter regionalgeschichtlichen Gesichtspunkten analysiert, kulturgeschichtlich eingeordnet und, mit einem umfangreichen Nachwort versehen, erstmals veröffentlicht.

Oskar Schönberg wurde 1892 in Magdeburg geboren. Nach dem 2. Weltkrieg als Verfolgter des Nazi-Regimes rehabilitiert und Mitglied des Schriftstellerverbandes der DDR, überarbeitete und erweiterte er den Roman „Das unsterbliche Luderleben“ unter dem Titel „Ich bin einer von Vielen“ im sozialistischen Sinne und veranstaltete in Magdeburg Lesungen.

„Wir hätten diesen unbekannten Roman nicht aus der Versenkung geholt, wenn er nicht literarhistorisch interessant wäre“, so der Literaturwissenschaftler Unger. „Er spielt und wurde verfasst in der Zeit der Weltwirtschaftskrise der späten 1920er und frühen 1930er Jahre. Der Protagonist ist ein arbeitsloser Landstreicher.“ In den wenigen Veröffentlichungen über Oskar Schönberg werde der Roman „Das unsterbliche Luderleben“ zuweilen als sogenannter Arbeitslosenroman bezeichnet, so Unger weiter. Die bekannten Arbeitslosenromane, von denen bis 1933 in Deutschland über 50 erschienen sind, zeigen Protagonisten, die händeringend Arbeit suchen, so dass die Arbeitssuche selbst zur täglichen Arbeit wird. „Bemerkenswert sind an dem Text aber gerade deutliche Unterschiede zu den vielen Arbeitslosenerzählungen der späten zwanziger und frühen dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts.“ Der wichtigste Unterschied sei, dass Schönbergs Protagonist Leberecht Schneege die meiste Zeit nicht deshalb arbeitslos ist, weil er keine Arbeit findet, sondern weil er einem Leben als Tippelbruder auf der Landstraße mehr abgewinnen kann als einer geregelten Erwerbstätigkeit in einem Sägewerk bei Magdeburg. Da habe Schönbergs Roman literaturhistorisch eher Berührungspunkte mit der Vagabundenliteratur des frühen 20. Jahrhunderts. „Mit so einem ‚arbeitsscheuen Element’ als Hauptfigur kann man sich gut vorstellen, dass der Roman weder in der Nazi-Zeit noch in der frühen DDR Publikationschancen haben konnte. Das Thema der Arbeitsverweigerung macht den Roman zugleich aber für die Gegenwart des 21. Jahrhunderts anschlussfähig“, ordnet Literaturwissenschaftler Unger ein.

Der Lebenslauf des Magdeburger Regionalautors habe darüber hinaus auf nicht alltägliche Weise sehr unterschiedliche Phasen der deutschen Geschichte berührt, führt Unger aus, vom Kaiserreich über den Ersten Weltkrieg, die Weimarer Republik bis hin zur Nazi-Zeit, Nachkriegszeit und anschließend der DDR. „Sein Leben wies aber auch eine ganze Reihe von weißen Flecken auf“, sagt der Literaturwissenschaftler, der für seine Forschung biographisches Material aus dem Bundes- und Landesarchiv, von der Akademie der Künste, der Stasiunterlagenbehörde sowie aus dem im Literaturhaus Magdeburg liegenden Nachlass Schönbergs recherchiert und ausgewertet hat. So entstand ein vielschichtiges Bild des Schriftstellers, von der eigenen Arbeitslosigkeit in den 1920er Jahren über seine Beteiligung am antifaschistischen Widerstand in den 1930er Jahren bis hin zu seiner Stellung zur frühen DDR.

„Die Zusammenarbeit mit dem Literaturhaus betrachte ich unter dem Aspekt der gesellschaftlichen Verantwortung, die wir als Wissenschaftler haben, als besonders wichtig“, bekräftigt Unger. „Das Magdeburger Literaturhaus hat in seinem Archiv diverse Nachlässe, die wissenschaftlich noch wenig aufgearbeitet sind. Für eine intensivere Beforschung des eigenen Archivs ist das Literaturhaus nicht aufgestellt. Wir können mit unserer Expertise helfen und mit dem vorliegenden Projekt einen Mosaikstein zur Magdeburger Literatur- und Kulturgeschichte beitragen – auch wenn es mit der Kulturhauptstadt 2025 nun leider nichts wird.“

Der Roman „Das unsterbliche Luderleben“ von Oskar Schönberg mit einem Nachwort von Prof. Thorsten Unger erschien im November 2020 im Mitteldeutschen Verlag Halle mit der ISBN 978-3-96311-442-7 und kostet 16,- €.

 

Bilder zum Download:

Bild 1 // Quelle: Mitteldeutscher Verlag Halle // Bildunterschrift: Buchcover „Das unsterbliche Luderleben“

Letzte Änderung: 05.03.2021 - Ansprechpartner: Katharina Vorwerk