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Neue Ansätze für Behandlung von Depression

22.12.2014 -  

Wissenschaftler der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg (OVGU) haben die Ursache von paradoxen Wirkungsmechanismen des Botenstoffes Serotonin entdeckt. Sie fanden heraus, warum die Gabe von Antidepressiva erst nach mehreren Wochen den gewünschten Effekt zeigt und bis dahin eher zu einer Verschlechterung von Depressionen führen kann.

Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI), z.B. Prozac oder Zoloft, sind die am häufigsten verschriebenen Antidepressiva weltweit. Sie wirken, indem sie die Konzentration des Botenstoffes Serotonin im Gehirn erhöhen. Obwohl diese Erhöhung innerhalb kurzer Zeit nach Einnahme des Medikaments eintritt, dauert es bei betroffenen Patienten in der Regel mehrere Wochen bis das Medikament wirkt. Während dieser unwirksamen Anfangsphase können SSRI sogar die Depression verschlimmern, schlimmstenfalls sogar das Risiko für Suizid erhöhen, aber der Grund hierfür ist bislang unbekannt.

Das Team um den Professor für Neuropsychologie Markus Ullsperger fand nun heraus, dass das Serotonin den Zellen im Gehirn ein Doppelsignal übermittelt. Das besteht aus der gleichzeitigen Ausschüttung von Serotonin und von Glutamat, einem weiteren Botenstoff im Gehirn. Die Wissenschaftler haben ihre Hypothese in der renommierten Fachzeitschrift Trends in Cognitive Sciences veröffentlicht.

„Bei der Gabe eines SSRI wird einerseits die Serotoninkomponente des Doppelsignals direkt verstärkt, andererseits wird die Glutamatkomponente gehemmt bis sie sich nach zwei bis vier Wochen wieder normalisiert, was dem beobachteten Zeitrahmen bis zum Einsetzen des antidepressiven Effekts entspricht. Da die Serotoninkomponente des Doppelsignals eng mit Motivation und die Glutamatkomponente mit dem Erleben von Belohnung zusammenzuhängen scheint, kann diese Hypothese die bisher paradoxen Effekte bei der Therapie mit SSRI gut erklären“, so Prof. Ullsperger.

Tierversuche bestätigen diese Hypothese. Sie haben gezeigt, dass das Serotoninsystem im Gehirn ausschlaggebend für die Fähigkeit ist, sich flexibel an Veränderungen in der Umwelt anzupassen. Die Einnahme eines bestimmten selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmers führte bei Menschen allerdings zum umgekehrten Ergebnis. Die Doppelsignal-Hypothese kann diese Unterschiede erklären und neue Ideen für zukünftige Forschungsfragen liefern. Zusätzlich hilft die Hypothese auch dabei, zu verstehen, warum andere Antidepressiva, die direkter auf das Glutamatsystem einwirken, keinen verzögerten Wirkungseintritt aufweisen.

„Ein genaueres Verständnis dieser Mechanismen könnte nicht nur die Behandlung der Depression, sondern auch das Verständnis über die Entstehung der Depression verbessern. Außerdem ist weitere Forschung dazu, welche geistigen Prozesse von welcher Komponente des Doppelsignals abhängen, dringend notwendig, um genauer zu verstehen, wie Antidepressiva sich akut und langfristig auf das geistige Erleben auswirken“, so Adrian Fischer, der Erstautor der Studie.

 

Hintergrund

Laut Studien des Robert-Koch-Instituts litten in Deutschland über sechs Prozent der Befragten im letzten Jahr an einer Depression, das sind über 4,5 Millionen Menschen. Depressionen sind der häufigste Grund für die mehr als 9.000 Suizide im Jahr in Deutschland. Nach Schätzungen der Allianz-Versicherung betragen die volkswirtschaftlichen Kosten durch Depression allein in Deutschland jährlich mehr als 20 Milliarden Euro, denn krankhafte Depressionen sind die Hauptursache für Arbeitsunfähigkeit und Frühverrentung.

SSRI sind die am häufigsten eingesetzten Antidepressiva. Laut Arzneiverordnungsreport von 2013 nahmen Deutsche 553 Millionen Mal im Jahr ein Antidepressivum aus der SSRI-Gruppe ein. Das waren 4,7 Prozent mehr als im Vorjahr und damit kommen im Durchschnitt auf jeden Deutschen pro Jahr mehr als sieben SSRI-Tabletten.

Ansprechpartner:
Prof. Dr. med. Markus Ullsperger, Institut für Psychologie II, Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, Tel.: 0391 67-18475, E-Mail: markus.ullsperger@ovgu.de
Adrian G. Fischer, Institut für Psychologie II, Otto-von-Guericke-Universität Magde-burg, Tel.: 0391 67-18479, E-Mail: adrian.fischer@ovgu.de

 

 

Letzte Änderung: 30.03.2016 - Ansprechpartner:

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