Editorial

Detlef Garz/Sandra Tiefel/Fritz Schütze

„An alle, die Deutschland vor und während Hitler gut kennen“ - Autobiographische Beiträge deutscher Emigranten zum wissenschaftlichen Preisausschreiben der Harvard University
aus dem Jahr 1939

Seit sie im 18. und 19. Jahrhundert von den europäischen Akademien eingesetzt wurden, bilden philosophische bzw. akademische Preisausschreiben eine Form der Gewinnung von Erkenntnis sowie von Aufklärung, um Fragen, die für eine breite Öffentlichkeit von Bedeutung waren, zu diskutieren. Am bekanntesten ist wohl nach wie vor die Preisfrage der Akademie Dijon aus dem Jahr 1749, ob ‚Wissenschaften und Künste zur Verfeinerung der Sitten‘ beigetragen haben, die von Rousseau abschlägig beantwortet wurde. Mit der Ausbildung von erfahrungsbezogenen wissenschaftlich orientierten Disziplinen gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts und deren Etablierung an den Universitäten konnte diese Tradition zugleich aufgenommen und modifiziert werden. Wissenschaftliche Preisausschreiben stellten nun ein Medium der Gewinnung von Daten dar, d.h. eine Art und Weise der ‚wissenschaftlichen Materialsammlung‘. Zu Beginn der 1920er Jahre wurden diese Preisausschreiben sowohl in Polen, in den USA (die Chicago-School der Soziologie) und – in geringerem Maße – auch in Deutschland eingesetzt und wandten sich an unterschiedliche Personengruppen, zunächst an Arbeiter und Landwirte, später an so genannte Randgruppen, mit dem Versuch, deren alltäglichen Lebensbedingungen zu rekonstruieren (vgl. Fuchs 1984; Lindner 2004; Paul 1979; Szczepanski 1962).

Die Beiträge dieses thematischen Schwerpunktes zur historischen Biographieforschung beschäftigen sich mit autobiographischen Aufzeichnungen aus einem wissenschaftlichen Preisausschreiben, das von drei Mitgliedern der Harvard University, dem Psychologen Gordon W. Allport, dem Historiker Sidney B. Fay und dem Soziologen E.Y. Hartshorne, im Jahr 1939 durchgeführt wurde. Die Wissenschaftler griffen dabei bewusst in die methodologische und methodische Debatte zu ‚human and personal documents‘, wie sie z.B. Tagebücher und Briefe darstellen, ein (vgl. Allport 1942; Gottschalk et al. 1945) und schlossen sich zugleich unmittelbar an das von Theodore Abel bereits 1934 in Deutschland mit Unterstützung durch das ‚Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda‘ veranstaltete Preisausschreiben ‚Für die beste persönliche Lebensgeschichte eines Anhängers der Hitler Bewegung‘ an (vgl. Abel 1938/1986; Merkl 1975; Fehlhaber et al. 2007). In einem im August 1939 publizierten Aufruf wandten sie sich ‚An alle, die Deutschland vor und während Hitler gut kennen‘, und baten, bis zum 1. April 1940 eine Lebensgeschichte unter dem Titel „Mein Leben in Deutschland vor und nach dem 30. Januar 1933“ einzureichen; als Preisgelder standen insgesamt 1.000 $ zu Verfügung.

Auch in der Harvard-Ausschreibung wurde auf die Absicht der „rein wissenschaftlichen Materialsammlung“ verwiesen, und es wurden zum Teil sehr genaue Vorgaben zur Abfassung der Manuskripte erlassen, wovon sicher die wichtigste den Seitenumfang betrifft: Erwartet wurden als Minimum 20.000 Worte, was, wie einer der Teilnehmer, der nach Japan emigrierte Philosoph Karl Löwith (1986/2007), ausrechnete, etwa ‚80 Tippseiten‘ ergibt. Damit war eine bedeutsame Vorentscheidung in dem Sinne getroffen, dass sich in erster Linie eine bestimmte Gruppe von Emigranten angesprochen fühlte, nämlich jene, die sich in der Lage sah, einen umfangreichen Text innerhalb einer vergleichsweise knappen Zeitspanne zu verfassen. – Was lässt sich über das Preisausschreiben und dessen Teilnehmer und Teilnehmerinnen sagen?

Insgesamt trafen 263 Beiträge bis zum festgesetzten Zeitpunkt ein (als Überblick vgl. Liebersohn/Schneider 2001). Darunter befanden sich annähernd 220 Einsendungen, die den vorgegebenen Kriterien für ein autobiographisches Manuskript entsprachen, wobei der Seitenumfang schwankte und zwischen etwa 40 und 400 Seiten lag; die übrigen Texte bestanden aus kurzen Berichten, Mitteilungen in Briefform, schriftstellerischen Versuchen sowie Beobachtungen, die von US-Amerikanern stammten, die Deutschland besucht hatten.

Es haben sich über 150 Männer (annähernd 70%) und 66 Frauen mit autobiographischen Beiträgen beteiligt; der hohe Anteil der Frauen, deren Quote ja ansonsten sowohl als Forschende als auch als ‚Erforschte‘ zu dieser Zeit eher gering war, macht neben der Tatsache, dass es sich um Zeitzeugenaufzeichnungen und nicht um Erinnerungen aus den Jahren und Jahrzehnten nach 1945 handelt, eine Besonderheit dieser autobiographischen Manuskripte aus. Das Alter der Teilnehmerinnen und Teilnehmer lag zwischen 20 und 72 Jahren; über die Hälfte war zwischen 40 und 60 Jahre alt.


Die in der Ausschreibung geforderten und auf der ersten Seite des Manuskripts festzuhaltenden Angaben zur ‚Religion des Verfassers‘ lassen erkennen, dass etwa zwei Drittel der Verfasser jüdisch, knapp 15% evangelisch und 10% katholisch waren; bei etwa 10% der Einsendungen unterblieb eine Angabe. Diese Notate sind insgesamt, wie bei dieser schwierigen Materie zu erwarten, mit großer Vorsicht zu betrachten, wie verschiedene Hinweise und vor allem die autobiographischen Erzählungen in den Manuskripten erkennen lassen. So finden sich zum Beispiel folgende Hinweise, die verdeutlichen, dass kontextfreie Zu- bzw. Einordnungen der Komplexität des biographischen Sachverhalts nicht angemessen sind: ‚Jüdisch, aber nicht religiös‘ bzw. ‚Meine Eltern und Großeltern sind getauft‘ oder auch ‚Dissident‘, d.h. keiner Religion angehörend. Die Berufsangaben der Emigranten und Emigrantinnen zeigen, wie schon angedeutet, dass sich in erster Linie solche Personen an dem Preisausschreiben beteiligten, die sich aufgrund ihrer Ausbildung in der Lage fühlten, ein autobiographisches

Manuskript im Umfang von 80 Seiten zu erstellen. So finden sich neben den Professionen der Juristen, Lehrer und Ärzte auch Künstler, Journalisten sowie Firmeninhaber und Angestellte; auch Frauen sind unter diesen Kategorien, mit Ausnahme der Juristen, vertreten; von den 13 Frauen, die als Beruf Hausfrau angegeben haben, verfügen die meisten über einen Hochschulabschluss. Insgesamt sind mehr als 50 der Teilnehmer promoviert.

Die autobiographischen Manuskripte wurden mehrheitlich aus den USA eingereicht, auf die mehr als 135 der Beiträge – darunter wiederum über 50 aus New York City – entfallen, was sicher darauf zurückzuführen ist, dass von den Wissenschaftlern innerhalb des eigenen Landes die größte Personengruppe angesprochen werden konnte. Von den übrigen Manuskripten stammen 25 aus England, 20 aus Palästina und 11 aus der Schweiz. Die Emigrationsziele der übrigen Teilnehmer verteilen sich auf eine Reihe von Ländern, unter anderem auf Frankreich, auf Shanghai, Schweden und Australien.

Die Idee, die Bedeutung des allen Verfassern gemeinsamen Merkmals ,Emigration‘ aus biographietheoretischer Perspektive zu erforschen, markierte den Beginn des nunmehr seit über zehn Jahren bestehenden Projektzusammenhanges ,Mein Leben in Deutschland vor und nach dem 30. Januar 1933‘ (für einen Überblick vgl. Garz/Lee 2003 und Garz 2005). Aus einer Reihe von Forschungsprojekten gingen Einzelfallstudien (u.a. Garz/Knuth 2004; Garz/Janssen 2006; Lohfeld 2003; Vordtriede 1999/2000; Wysbar 2000; Samuel 2001; Weiss 2006) hervor, aber z.B. auch thematisch fokussierte Untersuchungen zu Aberkennungsprozessen (Blömer 2004; Garz 2003, 2006, 2007a, 2007b), zur Entwicklung biographischer Ressourcen (Bartmann 2006), von Moral (Lohfeld 1998; Garz/Lee 2002) und ,moral voices‘ (Garz/Tappan 2001) im Lebensverlauf sowie zu Identitätsentwicklung und Krisenverarbeitung in der zweiten Emigrantengeneration (vgl. Kirsch, in diesem Band).

Die nachfolgenden Beiträge beziehen sich auf dieses Projekt, umfassen aber unterschiedliche Zeiträume, stehen in Verbindung zu unterschiedlichen Theorietraditionen únd setzen verschiedene, jedoch überwiegend rekonstruktive Forschungsmethoden ein. Nicole Welter geht stärker theorieorientiert vor und stützt sich dabei auf die Überlegungen zur Dialogizität des russischen Philosophen Michael Bachtin. Unter Einbeziehung des von Bachtin entwickelten Konzepts der ‚Stimmen‘ analysiert sie die 'frühe‘ biographische Entwicklung der aus einem wohlhabenden Elternhaus stammenden Hilda Weiss im Hinblick auf die Entwicklung eines moralischen Selbst. Das Interesse von Detlef Garz ist auf die objektiv-hermeneutische Rekonstruktion der so genannten objektiven Daten einer Biographie ausgerichtet. Am Beispiel des Lebensverlaufs von Olga Lang-Wittfogel, geb. Joffe, geht er der Frage nach, inwieweit allein die Rekonstruktion dieser Daten zu triftigen Aussagen über die Wahrnehmung der Bewährungsaufgaben im Übergang zum Erwachsenenalter führen kann. Wiebke Lohfeld wiederum diskutiert in ihrem Beitrag vor dem Hintergrund der Konzepte von An- und Aberkennung den biographischen Wandlungsprozess der Emigrantin Alice Bärwald. Dabei rekonstruiert sie die sich innerhalb unterschiedlicher sozialer und zeitlicher Kontexte vollziehenden ‚Wellenbewegungen‘ von Anerkennung, Aberkennung und Wiederanerkennung. Sylke Bartmann rekonstruiert anhand von mehreren Biographien in vergleichender Absicht, welche Ressourcen von Emigranten eingesetzt werden (können), um in einer sich feindlich gerierenden (entsolidarisierten) sozialen Umwelt einen sinnhaften Entwicklungsprozess aufrecht erhalten bzw. gestalten zu können. Im Rahmen der Herausarbeitung dieses Musters entdeckt und formuliert sie eine Reihe von Haltungen zum Nationalsozialismus und skizziert deren biographische Herausbildung. Sandra Kirsch beschäftigt sich mit der Biographie einer Frau, deren Mutter an dem in der Einleitung skizzierten Preisausschreiben der Harvard University teilgenommen hatte. Sie stützt sich dabei u.a. auf ein narratives Interview mit der nach (Ost)-Deutschland zurückgekehrten Person, das objektiv-hermeneutisch ausgewertet wurde, und fragt danach, welche Auswirkungen die frühe Emigration für deren weiteres Leben hatte.

Im Anschluss an die Einführung in den thematischen Teil im engeren Sinne obliegt es uns noch, auf einen Beitrag im freien Teil hinzuweisen, der in wissenschaftshistorischer, methodischer und grundlagentheoretischer Hinsicht viele Vergleichspunkte zu den gerade skizzierten Texten des thematischen Teils des Heftes aufweist und der länger ausgefallen ist, als das für gewöhnlich die ständigen Herausgeber der ZQF akzeptieren würden. Auch hier handelt es sich um die (Re-)Analyse eines historischen persönlichen Dokumentes – eines Tagebuch-Textes, der erstmalig in einer der klassischen Monographien der Chicago Soziologie, nämlich derjenigen von Ruth Shonle Cavan: „Suicide“ (1928), teilweise abgedruckt und untersucht worden war. Es erschien dem Autor Gerhard Riemann und auch den Herausgebern viel versprechend zu untersuchen, was Ruth Cavan damals in der Hochblüte der Chicago-Soziologie aus einem persönlichen Dokument herausarbeiten konnte und was eine Reanalyse des Gesamtdokuments mit heutigen Methoden der Biographieforschung, insbesondere derjenigen zur soziolinguistischen Erfassung der Darstellungsformen von Prozessstrukturen des Lebensablaufs, wie sie auf der empirischen Basis von autobiographisch-narrativen Interviews grundlagentheoretisch identifiziert worden sind, zusätzlich erreichen kann. Die Genauigkeit der modernen, auf die Rekonstruktion von biographischen Prozessstrukturen bezogenen, Reanalyse bei Beachtung der biographischen Entfaltungszüge des Gesamtdokuments erzwang entsprechend einen größeren Platzbedarf.

Das vorliegende Heft bietet insgesamt einen instruktiven Einblick in die Praxis der sozialwissenschaftlichen Analyse geschriebener persönlicher Dokumente bzw. „Auto-Texte“ (dies auch im Vergleich mit der Analyse narrativer Interviews – wie im Falle des Beitrags von Sandra Kirsch im thematischen Teil, für dessen Datenbasis-Erstellung freilich ebenfalls ein solcher geschriebener Auto-Text konstitutiv war). Gerade im Vollzug konkreter Analysen und Reanalysen schlägt das vorliegende Heft einen produktiven Betrachtungsbogen von den so beeindruckenden historischen Anfängen der sozialwissenschaftlichen Biographieanalyse in Chicago und Harvard zur heutigen sozialwissenschaftlichen Biographieforschung mit ihrem relativ ausgefeilten Theorie- und Methodeninstrumentarium. Die heutige sehr lebendige sozialwissenschaftliche Biographieforschung in Deutschland und in Österreich musste den gesellschaftskonkreten Praxis- und Geschichtsbezug, für den die Chicago-Soziologie (vgl. Kohli 1981; Schütze 1987; Bohnsack 2005) und die Harvard-Analytiker der personal documents so vorbildlich waren, erst mühsam lernen und dabei ein Betrachtungsniveau (wieder-) erreichen, das für die Chicago- und Harvard-Analytiker der personal documents Ende der 1930er Jahre schon ganz selbstverständlich gewesen war: (a) die auf die Ganzheitlichkeit der Lebensgeschichte bezogene Betrachtungsweise, (b) die prozessuale, auf die biographische Identitätsentfaltung bzw. auch Identitätsbedrohung und -retardierung bezogene Sichtweise, (c) die Fragestellung, die Bezug nimmt auf die lebensgeschichtlich – anfänglich mehr oder weniger automatische sozialisatorische Inkorporierung von kollektiven Identitätskulturen, d.h. wir-gemeinschaftlichen, insbesondere nationalkulturellen, elementaren Orientierungsmustern und entsprechenden habituellen Praxismustern in die individualbiographische Identität und auf die lebensgeschichtlich spätere biographische Arbeit der Auseinandersetzung der individualbiographischen Identitäten mit jenen Kollektivitätsfolien („kollektive Repräsentationen“ in der Durkheim-Sprache) (vgl. Strauss 1993, Kap. 6 und 9 ), (d) die Fragestellung der Mischung von verschiedenen kollektiven Identitätskulturen im Medium von individualbiographischen Identitätsentfaltungen im Sinne von Marginalität (vgl. Stonequist 1937/1961), – bzw. wie wir heute sagen würden: Hybridität –, (e) die Fragestellung des Schicksals abweichender und stigmatisierter individualbiographischer Identitätsentfaltungen (vgl. Shaw 1930, 1966; Cavan 1928) sowie (f) die methodische Fragestellung, wie denn die Textvalidität (Glaubwürdigkeit für den Ausdruck biographischer und sozialer Prozesse) der verschiedenen Passagen der personal documents einzuschätzen und in der analytisch sozialwissenschaftlichen Rekonstruktion der in ihnen zum Ausdruck kommenden soziobiographischen Prozesse zu behandeln sei (vgl. Shaw 1930/1966). Die Erarbeitung des gesellschaftskonkreten Praxis- und Geschichtsbezugs der sozialwissenschaftlichen Biographieforschung in Österreich und Deutschland geschah aus naheliegenden Gründen im Wesentlichen im Medium der Auseinandersetzungen mit den Verbrechen der Nazizeit und im Versuch der Beantwortung der Frage, welche Mentalitätsbedingungen einen erneuten Zivilisationsbruch (Elias 1989) dieses Ausmaßes verhindern können; stellvertretend sei hier nur auf die Arbeiten der Forschergruppe um Gabriele Rosenthal (1997) und die Forschungen von Lena Inowlocki (2002) hingewiesen. Die Preisausschreiben zur Generierung persönlicher Dokumente und auch andere Formen der Anregung und Erstellung persönlicher Dokumente (wie z.B. die Ermutigung von Insassen von Jugendstrafanstalten, ihre Lebensgeschichte aufzuschreiben – vgl. Shaw 1930/1966) wurden über den Chicago Soziologen und Begründer der polnischen Soziologie Florian Znaniecki dann auch für die biographieanalytische Arbeitsweise der polnischen Zwischenkriegs- und Nachkriegssoziologie stilprägend (vgl. Szczepanski 1962) und regten dann auch die deutsche sozialwissenschaftliche Biographieforschung mit ihrem Beginn in den Siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts an (vgl. Kohli 1981). Ein allgemeines Kennzeichen dieser biographieanalytischen Arbeitsweise ist,

– dass Themen von aktueller Relevanz für den gesellschaftlichen Gesamtzusammenhang einer Nation aufgegriffen und diesbezüglich Daten mit autobiographischem Gesamtzusammenhangs Anspruch generiert werden;

– dass in der Auswertung dann die Verflechtung von biographischen und kollektiven Veränderungsprozessen beleuchtet wird (vgl. Strauss 1993, Kap. 6 und 9) – wie z.B. solcher der Entwicklung der spannungsreichen Beziehung zwischen individuell erworbener und geleisteter Moral einerseits und durch gesellschaftliche Diskurse erzeugten bzw. veränderten kollektiven Modellen bzw. kollektiven Repräsentationen (vgl. Durkheim 1897/1983, S. 363f.; Durkheim/Mauss 1901/2 bzw. 1993, S. 171-178, S. 249-256; Lukes 1985, S. 6-8, S. 434-449) von Moral bzw. auch der ideologischen oder ideologiekritischen Bekämpfung von Moral andererseits;

– dass dabei tiefer liegende Wechselwirkungen herausgearbeitet werden, die den Mitgliedern der Gesellschaft zwar „irgendwie“ vertraut, aber dennoch „ungewusst“ bzw. unthematisierbar („seen but unnoticed“ im Sinne von Harold Garfinkel) sind

– und dass auf diese Weise dann grundlegende Einblicke in die Beziehungen zwischen individueller und kollektiver Identität gewonnen werden, die einen konkreten historischen Zustand einer Gesellschaft prägen, der u.U. – wie im Falle der aufkommenden Naziherrschaft – äußerst bedrohlich oder gar schon konkret desaströs ist und die moralischen Grundlagen der Gesellschaft untergräbt (vgl. Shibutani 2000, Kap. XI zu „Demoralisierung“ und Schütze 1989 zu „Entmoralisierung“).

Diese Einblicke können noch zusätzlich vertieft werden, wenn die betroffenen Autobiographen, die freigiebig das empirische Material für solche Einblicke erzeugt haben, durch die erzwungene Ausreise aus der nationalen Gesellschaft, in der sie aufgewachsen sind, und die dann gemachten Fremdheitserfahrungen selber schon eine gewisse analytische Distanz zu jenen Selbstverständlichkeiten der kollektiven Repräsentationen der Ursprungsgesellschaft und zur ehemaligen Verflechtung der eigenen individuellen Orientierungen in diese kollektiven Repräsentationen gewonnen haben. Solche Emigranten sind in Bezug auf ihre Herkunftsgesellschaft keine Fremden (vgl. Simmel 1958; Schütz 1972a), die einen diskrepantfremden, z.T. besonders scharf analysierenden und z.T. aber auch nichtverstehenden, Blick haben; sie sind aber auch keine Heimkehrer (vgl. Schütz 1972b), die fälschlich annehmen, sie würden alles noch so vertraut vorfinden, wie es vor ihrer Ausreise gewesen war, und die dabei dann viele Einschätzungsfehler machen, welche die Daheimgebliebenen nerven (die dabei dann aber auch umgekehrt auf der Grundlage der nach und nach im Gastland gewonnenen ganz anderen Erfahrungen und der damit verbundenen ständigen Vergleichsbetrachtungen zu manchen treffenden Einsichten in die für sie irritierenden Zustände in der Rückkehrgesellschaft kommen). Politische Migranten, die nicht heimkehren können, repräsentieren einen dritten exzentrisch-distanzierten Bewusstseinszustand, der einerseits durch das Fremdheitserleben und die damit verbundenen mehr oder weniger stillschweigenden kontrastiven Vergleiche zwischen Heimatland und Aufnahmeland geprägt ist, der andererseits aber auch mitbestimmt ist durch den zusätzlich verfremdenden Erkenntnisprozess der historisch-autobiographischen erinnernden Rückwendung auf verlorene Lebenskonstellationen im nun verschlossenen Heimatland, die dennoch in ihrem retrospektiv-ganzheitlichen Verstehensvorgang zugleich auf die Vertrautheit des (nun durch die historische Differenz distanzierten) Insiders bauen kann. Insofern liefern die autobiographischen Darstellungen der Harvard-Collection eine Erkenntnischance für die „Archäologie“ der Mentalitätsstrukturen (im Sinne der Wechselwirkung zwischen kollektiven Repräsentationen und biographischen Aneignungs- und Auseinandersetzungsprozessen) der Gesellschaft der Weimarer Republik und der frühen Nazizeit, die von der historisch-sozialwissenschaftliche Biographieforschung genutzt werden kann – was dann in den vorliegenden Beiträgen des thematischen Teils auch beherzt versucht worden ist.

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