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Editorial
Ralf Bohnsack/Jörg Frommer/Heinz-Hermann Krüger/Winfried Marotzki/Ursula Rabe-Kleberg/Fritz Schütze
Von der Zeitschrift für qualitative Bildungs-, Beratungs- und Sozialforschung zur Zeitschrift für Qualitative Forschung
Das erste Heft dieser Zeitschrift erschien im Jahr 2000. Im Editorial führten die Herausgeber, zu denen seit 2001 Ralf Bohnsack als Nachfolger von Richard Huisinga gehört, als Grund für ihre Initiative aus, dass es zum damaligen Zeitpunkt in Deutschland kein repräsentatives wissenschaftliches Fachorgan gäbe, „das die Diskurse, konzeptionellen Ansätze und Forschungsresultate der qualitativen Forschung zusammenfasst und bündelt“. Die Gründer der Zeitschrift entstammen mehrheitlich den Stammdisziplinen der Qualitativen Forschung, Soziologie und Erziehungswissenschaft. Aber auch Felder wurden berücksichtigt, die die Qualitative Forschung beeinflussten, und auf die sie heute ausstrahlt, wie bspw. die Psychoanalyse.
Die Herausgeber waren sich von Anfang an darüber einig, dass die Zeitschrift nicht vorrangig für abstrakt geführte Debatten zur Verfügung steht, sondern ein Forum bieten soll für den Austausch von Wissenschaftlern, die sich im Zusammenhang empirischer Projekte mit der Entwicklung und Anwendung von Methoden der qualitativen Sozialforschung befassen. Im Mittelpunkt jedes Heftes stand von Beginn an ein Thema, dem mehrere Arbeiten gewidmet waren. Die bisherigen Schwerpunkte waren: Biographie und Profession (Heft 1/2000), Beratungsforschung (Heft 2/2000), Begegnung mit dem Fremden (Heft 1/2001), Internetforschung (Heft 2/2001), Kinder- und Jugendkultur (Heft 1/2002), Bildungsforschung (Heft 2/2002), Körperdiskurse (Heft 1/2003), Fallkonstruktionen in der Qualitativen Forschung (Heft 2/2003), Bildinterpretation (Heft 1/2004), Herstellung von Wissenschaft (Heft 2/2004), Biographie und Lernen (Heft 1/2005), Qualitätskriterien (Heft 2/2005), Profession und Familie (Heft 1/2006) sowie Gesundheit und Krankheit als Bildungsprozess (Heft 2/2006). Das vorliegende erste Heft mit dem neuen Namen ist der Ethnographie im Rahmen literarischer Texte gewidmet. Dem Konzept der Zeitschrift entspricht es, methodologische und methodische Reflexion zu verzahnen mit Ergebnisdarstellungen aus der empirischen Forschung. Einzelbeiträge, Rezensionen und gelegentliche Werkstattberichte runden die Hefte ab und machen sie so zu einer Handreichung für jeden, der im Qualitativen Forschungsprozess innehält, einen Schritt zurück tritt, und tiefere Antworten auf die Fragen nach Gegenstand, Methode und Zielen sucht.
Trotz ihrer unterschiedlichen Ausrichtungen und Arbeitsfelder war den Herausgebern die begriffliche Problematik des gewählten methodischen und methodologischen Labels von Anfang an bewusst. Qualitativ steht damals wie heute weniger für eine allgemein akzeptierte Klammer klar definierter Forschungsmethoden. Vielmehr wird der Begriff verwendet für das Gesamtspektrum von Forschungsmethoden, bei denen nicht das Rechnen von Zahlen, sondern die Auswertung nicht-numerischer, überwiegend verbaler Daten im Vordergrund steht. Die methodologischen Begründungen dieser Richtung sind außerordentlich heterogen: Sie lassen sich einordnen auf einem Kontinuum, das vom Extrem einer an der philosophischen Postmoderne-Debatte orientieren alleinigen Verankerung des Wahrheits- und Qualitätsanspruchs im Forscherhandeln und seinem Erfolg in der Scientific Community auf der einen Seite reicht, bis zum Extrem einer positivistisch verstandenen quasi-quantitativen, aber zählungenaueren heuristischen Methodik, der lediglich hypothesengenerierender Erkenntniswert zuzugestehen ist, auf der anderen Seite.
Um so erstaunlicher war es, dass die Herausgeberschaft bisher nicht durch methodologische Grundsatzdebatten bestimmt war. Einigkeit bestand und besteht vielmehr darin, dass die Qualitative Forschung einer methodologischen Standortbestimmung bedarf, die bisher erst zum Teil geleistet ist. Der geeignete Weg für ihre Entwicklung scheint uns ein rekonstruktiver, auf die Forschungspraxis rekurrierender, zu sein. Gemeint ist damit nicht die Favorisierung offener Verfahren, die sich dem Gegenstand tatsächlich oder vermeintlich gänzlich frei von theoretischen Orientierungen nähern. Vielmehr profitiert auch der qualitative Forschungsprozess von Theoriekenntnis und theoretischer Orientierung immer dann, wenn diese dazu dienen, die formalen Begrifflichkeiten bereitzustellen, mit denen der Gegenstandsbereich vermessen wird. Besonders fruchtbar haben sich in dieser Hinsicht „Theorien mittlerer Reichweite“ (Merton) erwiesen, die den Traditionen der Chicagoer Schule, dem Amerikanischen Pragmatismus, der Phänomenologie, der Hermeneutik, der Psychoanalyse, der Kritischen Theorie, der Wissenssoziologie und der Kulturanthropologie entstammen, um nur einige der relevanten Strömungen zu benennen. Der theoretische Rahmen, in dem sich Qualitative Forschung bewegt, versteht sie als „Konstruktionen zweiten Grades“ (Schütz) bzw. als eine „doppelte Hermeneutik“ (Giddens) im Sinne sozialwissenschaftlicher Konstruktionen, die auch das Verstehen des Sich-Selbst-Verstehens der Beforschten intendieren. Im engeren Sinne geht es also letztlich weder um das quasi-numerische Abzählen und Beschreiben von Gegenstandseigenschaften, noch um die freie Mitteilung des subjektiven Eindrucks, den der Beforschte beim Forscher hinterlassen hat, sondern um Formen des methodisch kontrollierten Zugangs zu fremden Erfahrungsräumen.
Bereits in den bisher vorgelegten Heften hat diese Zeitschrift ihren ursprünglichen Ausgangshorizont an Interessen in zweifacher Weise überschritten: Zum einen hat sie den Blick auf die deutschsprachige Qualitative Forschung ergänzt durch internationale Beiträge, insbesondere aus dem angloamerikanischen Raum. Zum zweiten hat sie der Tatsache Rechnung getragen, dass die Qualitative Forschung mittlerweile auch in Wissenschaftsdiskurse hineingestrahlt hat, die ursprünglich nicht mit ihr in Verbindung standen. Stellvertretend für andere Bereiche seien hier Medizin und Gesundheitsprofessionen genannt. Aber auch scheinbar entfernt liegende Bereiche, von der Jurisprudenz bis zu Informatik und Ingenieurswissenschaften – im weitesten Sinne professionelle Anwendungskontexte –, beginnen, sich für qualitative Forschungsansätze zu interessieren. Die damit verbundene Ausweitung auf andere Gebiete und Gegenstände könnte darauf hinweisen, das eine erste Epoche Qualitativer Forschung, in der die Entwicklung und Begründung wissenschaftlich tragfähiger Methodologien und Methoden im Mittelpunkt stand, allmählich einer zweiten Epoche Platz macht, in der es stärker um berufliche und generell praktische Anwendung, In-Beziehung-Setzung und Vernetzung von Ergebnissen aus unterschiedlichen Studien, Ressourcenökonomie, Ergebnisdarstellung, Qualitätskriterien und – last but not least – um die Repräsentanz im Wissenschaftsbetrieb geht. Zur Erfüllung dieser Aufgaben möchte diese Zeitschrift in der Tradition ihres bisherigen Wirkens beitragen. Sie sieht die Qualitative Forschung heute nicht mehr als Spezialmethodik der Disziplinen, in denen sie entwickelt wurde, sondern als einen interdisziplinären Beitrag zu jeder humanwissenschaftlichen Forschung, die diesen Namen verdient. Aus diesem Grund wird sie zukünftig unter dem neuen Namen Zeitschrift für Qualitative Forschung erscheinen.
