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Editorial
Margret Dörr/Heide von Felden/Winfried Marotzki
Zugänge zu Erinnerungen. Psychoanalytisch-pädagogische und biographietheoretische Perspektiven und ihre theoretischen Rückbindungen – Einführung in den Themenschwerpunkt
Erinnerungen gelten als menschliche Zeugnisse über Vergangenes, das selbst erlebt wurde. Die Fähigkeit, sich erinnern zu können, ist zentral für das Bewusstsein der eigenen Identität, die sich in einer bestimmten Kontinuität desErlebens, Wissens und Handelns ausdrückt. Menschen geben einem Geschehen eine bestimmte Bedeutung, die damit zusammenhängt, wie sie Welt und sich selbst wahrnehmen. Sie konstruieren einen Zusammenhang, der ihrem Bedürfnis entspricht, sich selbst in der Welt zu positionieren und sich bei dieser Identitätsarbeit selbst zu (er)finden und zu erkennen. Auch wenn Erinnerungen Zeugnisse einer subjektiven Konstruktion von (eigener) Wirklichkeit sind, die Auskunft über die Selbstkonstitution und Selbstsicht des Subjekts liefern, so schöpfen wir unsere biographischen Selbstthematisierungen letztlich nicht aus uns selbst heraus, sondern bedienen uns dazu in selbstverständlicher Weise der kulturellen Ressourcen, d.h. der im gesellschaftlichen Wissensvorrat verankerten Deutungsmuster. Nur soweit die Thematisierung des eigenen Lebens solche Muster, die im gesellschaftlichen Wissensvorrat verankert sind, übernimmt oder an sie anknüpft, kann sie zur Grundlage von Verstehen – auch im Sinn von Verständigung – werden. Bereits in der Wahrnehmung und Interpretation von Sachverhalten folgen wir sozialen Muster und Regeln. Wie schon Erving Goffman (1977) ausführt, sind kulturelle Rahmen im individuellen Bewusstsein als Strukturmatrizen wirksam, so dass Erinnerungen wesentlich von vorgängigen Narrationen, die aufgenommen wurden, (mit)geprägt sind. D.h.: Auch im Erzählen von Erinnerungen werden Organisationsprinzipien befolgt, die sozial gebildet sind. Das ist die Voraussetzung dafür, dass Zuhörer nicht nur das Erzählte verstehen, sondern sich zum Teil selbst darin wieder finden.
So ist der Akt des Erinnerns selbst zwar ein individuell-intimes Phänomen, das eng verwoben ist mit der jeweiligen Situation, Befindlichkeit und Lebensgeschichte des sich erinnernden Subjekts, aber der kulturelle Kontext, in dem die individuelle Leistung des Erzählens möglich wird, bleibt der maßgebende Bezugspunkt, insofern nicht nur die verbalen, sondern auch die bildlichanschaulichen, weitergehend aber ebenso die leiblich-körperlichen Repräsentationsformen als Medien der Erinnerung formuliert werden: Die individuelle Erinnerung setzt sich aus vielen Bestandteilen einer vermittelten und vorgezeichneten Erinnerungsgeschichte zusammen und ist eingebettet in symbolische Formen. Es sind diese symbolischen Formen, die im Voraus Wahrnehmung und Vorstellung ausrichten (vgl. Nießeler 2003, S. 185ff.).
Im Regelfall werden Erinnerungen im Sinne eines „kommunikativen Gedächtnisses“ (Welzer 2002) sprachlich verfasst, sei es, dass man an Erinnerungen denken, sie erzählen und/oder sich gegenseitig in ihnen bestätigen kann. Erinnerungen können schriftlich fixiert werden als autobiographische Zeugnisse oder mündlich weitergegeben werden als Erzählungen. Diese sprachliche Grundlage ist die Basis der sozialen Interaktion.
In diesem Zusammenhang ist auch die derzeitige neurowissenschaftliche Gedächtnisforschung zu sehen, die Erinnern grundsätzlich als einen Prozess des (Re)Konstruierens betrachtet. Dieser Prozess hat eine materiale (neuronale), dynamische Matrix, was beinhaltet, dass eine ständige Verarbeitung vorhandener Erinnerungsspuren stattfindet (vgl. Haubl 1999, S. 17ff.). Alle Facetten unseres gelebten Lebens schlagen sich in unserem Gedächtnis als bestimmte Erregungsmuster nieder (vgl. Huether u.a. 1999). D.h.: „neuronale Verbindungen, die nicht mehr gebraucht werden, verschwinden, neue entstehen, weil sie gebraucht werden. Die Struktur des gesamten Netzes ist davon abhängig, wie wir es gebrauchen, um unser Leben zu bewältigen.“ (Haubl 2008, S. 197). Auch Welzer (2002) bezieht sich in seinem Nachdenken über die Besonderheiten des autobiographischen Erinnerns auf die neurowissenschaftliche Gedächtnisforschung und weist dabei explizit auf soziale Prozesse der Erfahrungs- und Vergangenheitsbildung hin, die in autobiographischen Erzählungen ihren Niederschlag finden:
„Dabei zeigt sich, daß unsere lebensgeschichtlichen Erinnerungen, also das, was wir für die ureigensten Kernbestandteile unserer Autobiographie halten, gar nicht zwingend auf eigene Erlebnisse zurückgehen müssen, sondern oft aus ganz anderen Quellen, aus Büchern, Filmen und Erzählungen etwa, in die eigene Lebensgeschichte importiert werden“ (Welzer 2002, S. 12).
Welzer spricht damit ein Thema an, das sich um die Bedeutung der Erinnerungen für das individuelle Gedächtnis und für die persönliche lebensgeschichtliche Identität von Menschen zentriert und Biographieforscher/innen wie Psychoanalytische Pädagog(inn)en gleichermaßen vor die schwierige Frage nach der Authentizität oder „Wahrheit“ des Erinnerten stellt: Wenn individuelle Erinnerungen durch „Mustererzählungen“ (Haubl 2008) überformt, also kollektiv determiniert; durch die soziale, intersubjektive Erzählsituationen (mit)hervorgebracht sowie als subjektive Gestaltungen vor dem Hintergrund unbewusster Konflikte zu sehen sind, wie kann ein Verstehen von erinnerten und erzählten Lebensgeschichten diesen vielschichtigen ‚Verzerrungen’ Rechnung tragen?
Die Frage nach der Authentizität oder „Wahrheit“ des Erinnerten stellt sich also komplex dar und die Umgangsweisen damit sind – je nach disziplinärer Perspektive – recht heterogen. Das archäologische oder auch detektivische Interesse würde der Frage nachgehen, was wirklich geschah. Im juristischen Diskurs wird davon ausgegangen, dass man über Aussagen von Zeugen, also Personen, die am Geschehen teilgenommen haben und sich erinnern, der Wahrheit ein Stück näher kommt. Auch die Idee, sich ein historisches Geschehen zu vergegenwärtigen, indem man Zeitzeugen befragt, um heraus zu bekommen, „wie es wirklich war“, folgt dieser Logik. Nun werden Zeugen, die sich bemühen, die „Wahrheit“ zu sagen, etwa weil sie vor Gericht vereidigt worden sind, Informationen über den jeweiligen Sachverhalt darlegen. Doch das subjektive Moment, die subjektive Sinn- und Bedeutungsherstellung, die aller Erinnerung zugrunde liegt, ist nicht zu umgehen.
Auch die Psychoanalyse betrachtet die Geschichte, die Menschen z.B. in einem autobiographischen narrativen Interview erzählen, immer schon als eine geschehene Selbstinterpretation. Dabei erzählen Menschen ihre Lebensgeschichte „selbstwertdienlich“ (vgl. Haubl 2008), selbst dann, wenn Konflikte, Verfehlungen und/oder schmerzhafte (Opfer)Erfahrungen thematisch werden. Daher sind, so die Annahme der Psychoanalyse, in dieser Geschichte immer auch Instanzen der Abwehr am Werk. Besonders schwierig erweist sich ein Zugang zu Lebensgeschichten dann, wenn darin scheinbar Sinnloses aufscheint; wenn offensichtlich ein Einbruch ins Erleben erfolgt ist, welcher gemeinhin mit Trauma bezeichnet wird. Aber selbst dann versucht das Subjekt, dieses fremde Trauma irgendwie in sein Erleben einzufügen, dem scheinbar Sinnlosen Sinn abzugewinnen, auch wenn diese Sinngebungsversuche für das Subjekt erneut katastrophal werden. Dementsprechend beschreibt die Psychoanalyse die Anerkennung des erinnerten Geschehens und das Verstehen der subjektiven Gestaltung dieses Geschehens als ihre wesentliche Aufgabe, womit sie ihr zentrales Interesse auf das geschichtserzählende Subjekt selbst richtet (vgl. Raguse 2005): Wie erzählt es seine Geschichte, erzählt es überhaupt eine zusammenhängende Geschichte oder nur Fragmente davon oder hat es scheinbar gar keine Geschichte? Das sind Fragen, deren Beantwortung wichtiger ist als inhaltliche Klärungen der individuellen authentischen Vergangenheit, denn sonst würde man auch Angehörige befragen.
Auch wenn Erinnerungen subjektiv konstruiert und per se keinen Wahrheitsanspruch erheben können, so schwebt das Erzählen einer Lebensgeschichte keineswegs in einem leeren Raum, sondern es knüpft an Gegenwartsfragen an, mit denen sich das Subjekt beschäftigt und die sie beantworten soll. Erinnerungen an Episoden des eigenen gelebten Lebens werden in konkreten kommunikativen Situationen (Interviewsituation) evoziert und indem die Narration Ereignisse zu Plots – wie rudimentär diese auch sein mögen – organisiert, ermöglicht sie Erklärungen von Ursache und Wirkung und schafft zugleich eine Gelegenheit, moralische Akteure mit ihren Handlungen und Motiven, Verantwortlichkeiten und Unzulänglichkeiten zu identifizieren (vgl. Reeder 2005) und ermöglicht darüber eine Selbstverständigung.
Schon dieser kurze Überblick verweist darauf, dass eine Rekonstruktion von Erinnerungen, als menschlicher Ausdrucksform, methodisch geleiteter Auslegungen bedarf. Kennzeichen dieser Auslegungen sind die Offenlegung der theoretischen Prämissen, unter denen man sich der Erinnerung annähert, die Darlegung des methodischen Instrumentariums, mit dem man die Erinnerung seziert und die Darstellung der Ergebnisse, die das jeweilige Verfahren erbracht hat.
Mitglieder aus den DGfE − Kommissionen „Erziehungswissenschaftliche Biographieforschung“ und „Psychoanalytische Pädagogik“ haben sich auf einen Prozess der Neubesinnung über gemeinsame Forschungsgegenstände und somit auch über das Verhältnis von Psychoanalyse und Biographieforschung eingelassen. Während nämlich in den 1970er Jahren der Psychoanalyse innerhalb der Geschichte der qualitativen Sozialforschung durchaus noch die Bedeutung einer Leitdisziplin zuerkannt wurde – erinnert sei beispielsweise an Alfred Lorenzer, der mit seiner tiefenhermeneutischen Kulturanalyse (1981) eine erkenntnisleitende Perspektive einer grenzüberschreitenden Psychoanalyse formulierte und damit Subjekt- und Kulturanalyse inwendig aufeinander zu beziehen wusste; an die psychoanalytische Textinterpretation als sozialwissenschaftliches Verfahren von Leithäuser und Volmerg (1979) sowie an die Relevanz der Arbeiten von Ulrich Oevermann zur Struktur der sozialisatorischen Interaktion (1976) – hat sie diesen Rang in den letzten Jahrzehnten eingebüßt. Nach den ersten positiven Erfahrungen einer gemeinsamen Tagung (2005) zum Thema: „Erinnerungsarbeit − zum Verhältnis von Psychoanalyse und Biographieforschung“ wurde ein weiterer fachlicher Austausch über die Unterschiede und Gemeinsamkeiten bei der Analyse empirischen Materials verabredet. Eine zentrale Vorstellung dabei war, dass autobiographische Texte wie z.B. ein narratives Interview ein zentraler Bezugspunkt für die Verbindung der beiden Erziehungswissenschaftlichen Disziplinen ist.
Im vorliegenden Band ist nun das Vorhaben dokumentiert, unterschiedliche Forschungsperspektiven auf eine Erinnerungsgeschichte zu richten. Im Rahmen eines gemeinsamen Forums in Magdeburg ging es darum, verschiedene methodische Zugänge der Analyse eines empirischen Materials, einschließlich ihrer jeweiligen theoretischen Einbettungen, zu vergleichen und dabei die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu sichten. Psychoanalytisch-pädagogische und biographietheoretische Perspektiven bedienen sich rekonstruktiver und hermeneutischer Verfahren, die im vorliegenden Band anhand folgender Methoden zu Wort kommen: Hermeneutische Biographieanalyse, Tiefenhermeneutische Verfahren mit unterschiedlichen Fokussierungen, Objektive Hermeneutik, Narrationsstrukturelles Verfahren, die Methode der „work discussion“ und der „Voice-Ansatz“ nach Gilligan und Brown.
Im Mittelpunkt steht das empirische Material, das aus einem narrativen Interview mit einer 19jährigen Frau besteht, die ihre Lebensgeschichte erzählt. Ihre Erinnerung ist also in Form einer transkribierten Stegreiferzählung über ihr Leben festgehalten. Frau P. erzählt über ihre Erlebnisse während der Schulzeit, aus ihrem Elternhaus und von ihren Erfahrungen, die sie in der Psychiatrie gemacht hat. Sie erinnert sich an bestimmte Ereignisse und an andere nicht, sie wählt also aus und stellt diese Erlebnisse in ihrer Perspektive dar. Diese Bedeutungszuschreibung und Zusammenhangsbildung ist konstitutiv. Dabei weisen die unterschiedlichen Darstellungsformen, in denen sie spricht, auf eine mehr oder weniger reflektierte Durchdringung ihrer Erlebnisse. In ihrem Erzählen sind darüber hinaus individuelle und soziale Einflüsse wahrnehmbar. Schon auf der manifesten Ebene ist erkennbar, dass sich das Interview für die verschiedenen methodischen Erschließungen anbietet, da es eine komplexe Struktur von traumatischen Erinnerungen, Subjektkonstitution, Erzählungen und Reflexionen aufweist. Dieses Interviewtranskript ist in diesem Band vollständig abgedruckt. Damit wollen wir die Leserin und den Leser ausdrücklich einladen, die Evidenzen und Sachhaltigkeit(en) der jeweiligen Rekonstruktionen und hermeneutischen Erschließungen am empirischen Material auszuloten. Hierzu noch eine zusätzliche Information: Auch den AutorInnen lagen lediglich die hier abgedruckten Informationen vor, und bis zum Zeitpunkt der Tagung in Magdeburg war ihnen auch das Geschlecht der interviewenden Person nicht bekannt. Beinahe alle Vortragenden waren in ihren Ausführungen von der Vorstellung ausgegangen, dass es sich hierbei um eine Frau gehandelt habe, obgleich die interviewende Person ein Mann war. Ein Sachverhalt, auf den die AutorInnen in ihren überarbeiteten Beiträgen allerdings nicht eigens eingehen.
Zu den Beiträgen im Einzelnen:
Theodor Schulze betont in seinem Beitrag „Abhauen und Plattsitzen - Zum Verhältnis von autobiographischen Texten, erziehungswissenschaftlicher Biographieforschung und Psychoanalyse“ das besondere Erkenntnisinteresse und Gegenstandsverständnis einer erziehungswissenschaftlichen Biographieforschung, indem er die Unterschiede zur Psychoanalyse prägnant markiert und gleichwohl den potentiellen Gewinn psychoanalytischer Denkmodelle, in ihren individuellen wie gesellschaftlichen Ausrichtungen, für eine erziehungswissenschaftliche Biographieforschung hervorhebt. In seiner Analyse des Interviews wendet er eine „offene, flexible und reflexive Hermeneutik“ an, die bedeutsame Stellen identifiziert und im Sinn der „Toposanalyse“ die äußere Bewegung der Biographie im sozialen Raum unter dem Begriff „Abhauen“ und die innere Seite der Biographie unter dem Begriff „Plattsitzen“ rekonstruiert. In der Interpretation des wiederholten Weglaufens vermutet Schulze die Idee der Freiheit, die allerdings immer wieder in gesellschaftlichen Zwängen endet und somit eher auf den Ausdruck einer Nichtverantwortung hinweist. Plattsitzen als Topos für die innere Befindlichkeit der Erzählerin deutet auf ein Aggressionspotential und auf eine Stärke, die allerdings nicht Leben stärkend, sondern Leben schädigend oder Leben vernichtend eingesetzt wird. Schulze schließt auf eine „Verkehrung und Unterdrückung lebenswichtiger Impulse“ und beendet seine Ausführungen mit einer kritischen Anfrage an moderne Gesellschaften.
Petra Grell stellt mit ihrer Arbeit „Frau P. weint“ – Eine interaktionstheoretisch und (tiefen-) hermeneutisch orientierte Interpretation im Blick auf Interaktion und Emotionen“ vor. Sie beginnt ihre Ausführungen mit der Explikation ihres Forschungsverständnisses, benennt dabei markante Stolpersteine in Auswertungsprozessen, die im vorliegenden Fall zusätzlich durch den nicht erkennbaren Forschungskontext des vorliegenden Interviews provoziert werden und zeichnet ihre „pragmatische Lösung“ im Umgang mit diesen Schwierigkeiten nach. Zur Analyse des Interviews verwendet sie ein Modell, das ein Wechselspiel von Verstehen und gezielter Irritation des Verstandenen darstellt, womit sie auch das psychoanalytische (tiefenhermeneutische) Wissen um Übertragungsphänomene für ihren Analyseprozess fruchtbar macht. Dabei geht sie in folgenden Teilschritten vor: Aspekte identifizieren – Kategorien bilden – Handlungen verstehen. Das hierdurch jeweils vorläufig Verstandene wird dann systematisch erneut am Material irritiert. Die rekonstruierten Besonderheiten der Interaktionen, Emotionen sowie damit verbundene forschungsethische Fragen werden von Grell im letzten Abschnitt kritisch erörtert.
Achim Würker und Margret Dörr präsentieren in ihrem Beitrag „ ,… wenn die Kette nicht im Spiel gewesen wär…‘ Annäherung an ein tiefenhermeneutisches Verstehen einer biographischen Erzählung“ methodische Grundlagen sowie Facetten einer tiefenhermeneutischen Interpretation. Nach der Darlegung (inter-) subjektiver Leseerlebnisse, wenden sie sich dem Interviewtext im Zuge einer „gleichschwebenden Aufmerksamkeit“ zu und sammeln die Bilder und Szenen, die intensive Irritationen und Assoziationen auslösen. Folgende signifikante Textpassagen treten so in den Mittelpunkt: Die Kette als Symbol gefährlicher Bindungen, die Badewanne als Familienbild der Sehnsucht nach und Abscheu vor Nähe; die Hamstertötungen als Akt der Aggression in direkter Verbindung mit liebevoller Zähmung und der Bahnhof als ambivalenter Ort von Opfer- Täter-Inszenierungen. Nach einem Überblick über das rekonstruierte latente Konfliktpanorama der Protagonistin runden sie ihren Beitrag mit der Darstellung einer möglichen Strukturierung einer tiefenhermeneutischen Gruppeninterpretation ab.
Heike Ohlbrecht betrachtet in ihrem Beitrag „’Komplett abgestoßen worden’ – vom Leben mit und in der Ausgrenzung. Eine exemplarische Interviewanalyse“ den Fall in der Perspektive der Objektiven Hermeneutik. Sie beginnt mit ausführlichen methodologischen und methodischen Erläuterungen dieses Ansatzes und illustriert anschließend anhand der Interpretation der objektiven Daten und der sequenzanalytischen Auswertung des Interviewbeginns, zu welchen Analyseergebnissen diese Vorgehensweise kommt. Ohlbrecht fokussiert auf die problematische Identitätsentwicklung von Frau P., die sich durch traumatische Erlebnisse im Elternhaus, frühe und anhaltende Ausgrenzungserfahrungen durch peers sowie fehlende und/oder mangelhafte Interventionen durch Professionelle zeigt. Dabei interpretiert Ohlbrecht die (Re)Aktionen von Frau P. in dieser oder auf diese Entwicklung als durchaus vital: Als Teil einer Überlebensstrategie oder mit anderen Worten: als eine „normale“ Reaktion auf „unnormale“ Zustände.
Mit ihrem Beitrag „Sprache und Struktur, Selbstbild und Beziehung: Zur Interview- Rekonstruktion in Anlehnung an das narrationsstrukturelle Verfahren“ zeigt Heide von Felden, welche Ergebnisse die Auswertung des Interviews mit Frau P. mit diesem, von ihr erläuterten, Analyseverfahren erbringen kann. Aufbauend auf der Prämisse, dass aus der formalen Struktur des Erzählens sich Hinweise für die Bedeutung des Gesagten gewinnen lassen, nimmt sie eine exemplarische Interpretation des Interviewanfangs vor und rekonstruiert dabei einen eingeschränkten Begriff der Protagonistin von sich als handelnder Person, aufgrund dessen Frau P. auch ihre Erlebnisse nur in der Haltung der Verlaufskurve schildern kann. Um die Struktur des Interviews zu erfassen, vergleicht sie im nächsten Schritt die Chronologie des Lebensablaufs mit der Chronologie des Erzählens
und kann daran auch den Unterschied zwischen Erzählen und Argumentieren erhellen. Die Autorin rundet ihre Arbeit mit der Darstellung ihrer Ergebnisse ab und hebt dabei hervor, dass sich, trotz des aktuellen Verbleibens in der Verlaufskurve, an den beschreibenden und argumentierenden Passagen Ansätze der kognitiven Kontrolle dieser Verlaufskurve zeigen lassen.
„Die unbewusste Dynamik in der Interviewsituation und die psychoanalytische Frage nach dem Biographischen“ ist die Fokussierung des Beitrages von Wilfried Datler, Kornelia Steinhardt, Michael Wininger und Margit Datler. Zur Rekonstruktion des vorliegenden Interviews wählen sie eine modifizierte Fassung der psychoanalytischen Methode der „work discussion“, die in ihren Grundzügen dargestellt wird. Im ersten Analyseschritt erschließen sie aus dem Geschehen in der Interviewsituation einige markante Persönlichkeitsstrukturen von Frau P. Im weiteren Arbeitsprozess lassen sich die AutorInnen von der Frage leiten: „Welche biographisch ausmachbaren Erfahrungen und welche innerpsychischen Prozesse der Verarbeitung dieser Erfahrungen haben bislang welchen Einfluss auf die Entwicklung der psychischen Strukturen dieser Person gehabt?“ Dabei begreifen sie die Art, in der Frau F. erzählt, als Ausdruck und Folge unbewusster Abwehrbemühungen. Bei ihrem Versuch, gut fundierte Aussagen über die Genese der psychischen Strukturen von Frau P. zu formulieren, sehen sich die InterpretInnen herausgefordert, über ihre biographischen Rekonstruktionen der lebensgeschichtlichen Erzählungen hinauszugehen und sich – gut begründet − ausgewiesener Referenztheorien zu bedienen.
„Bildung als Integration des (traumatisch) Realen? Eine tiefenhermeneutische Analyse des Interviews mit Frau P.“ ist der Titel des Beitrages von Jochen Schmerfeld. Ausgangspunkt seiner Suchbewegung ist „die Unterstellung, dass es im Interview mit Frau P. durchgehend um die nicht gelungene Integration von etwas geht, das sich nicht benennen lässt.“ Als Referenztheorie seiner dreischrittigen Analyse dienen ihm Überlegungen von J. Lacan zum Verhältnis von Prozess und Ergebnis bei der Konstitution von Subjektivität. Nach der Explikation der Prämissen seines tiefenhermeneutischen Vorgehens beginnt er die
Rekonstruktion der Lebensgeschichte von Frau P. mit der Beschreibung seiner Gegenübertragung(en) bei der Lektüre des Textes, die er als Dialog zwischen dem Text und sich als Leser darstellt. Anschließend zeichnet er den Verlauf sowie markante Gefühlsdimensionen während der Lektüre- und Textanalyse-Arbeit mit einer Gruppe von Studierenden im Rahmen eines Studienprojekts nach. Im Fortgang seiner Analyse entziffert er die Textwirkungen als Schauplatz der Re-Inszenierung der psychischen Konflikthaftigkeit der Protagonistin. Schließlich werden die Ergebnisse der Analyseschritte aus einer bildungstheoretischen Perspektive erörtert.
Mechthild Kiegelmann legt in ihrem Beitrag „Spannungsfeld zwischen Hilfserwartung und Weglaufen. Analyse der Daten über Frau P.“ das Analyseverfahren des „Voice Approach“ an das Interview an, ein Analyseverfahren, das im Kontext von entwicklungspsychologischen Forschungen über Moralentwicklung in der Arbeitsgruppe von Carol Gilligan und ihren KollegInnen entwickelt wurde und mittlerweile auf ein breites Spektrum sozialwissenschaftlicher Fragestellungen angewandt wird. Die Autorin interpretiert die Narrationen von Frau P. im Durchgang durch die Arbeitsschritte „1. Reading for plot, 2. Reading for reader’s response, 3. Reading for self, 4. Reading for social context, 5. Reading for multiple voices“. Das Verfahren basiert darauf, unterschiedliche Perspektiven auf das Material einzunehmen und so verschiedene Ebenen bzw. Dimensionen des inneren Erlebens einer Person zu markieren. Im Durchgang ihres Analyseprozesses kommt Kiegelmann zu dem Schluss, dass bei Frau P. sowohl die Sehnsucht nach Beziehungen und eine Hilfserwartung an andere als auch die Angst vor Nähe und die Fähigkeit der adäquaten Selbsteinschätzung vorhanden sind.
Unser Dank gilt den Autorinnen und Autoren, die sich diesem Vergleich der Methoden gestellt und ihre Arbeitsweisen transparent gemacht haben. Wir hoffen, mit diesem Blick in die Werkstatt zur Weiterentwicklung der Methodendiskussion im Rahmen hermeneutischer und rekonstruktiver Methoden anzuregen.
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