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„Try to be as the others around you“ Hilda Weiss. Das moralische Selbst im Kontrast von Freiheit und Anpassung
von Nicole Welter
Zusammenfassung
In diesem Beitrag geht es um die Analyse einer Emigrantinnen-Autobiographie aus dem Jahr 1940. Im Zentrum steht die Frage nach der Konstitution des moralischen Selbst in Auseinandersetzung mit Sozialisationserfahrungen. Die hierzu entwickelte Methode orientiert sich an der Theorie der Dialogizität Michael Bachtins und fundiert sich in der zentralen These, dass sich „Stimmen“ der anderen in autobiographischen Texten finden lassen, die konstitutiv sind für die Bildung eines moralischen Selbst. Das Besondere an dieser Methode ist, dass nicht nur die Identitätskonstruktion eines moralischen Selbst aus den Sozialisationserfahrungen mit Anderen, sondern auch der Prozess der Konstruktion
als individuelle Auseinandersetzung rekonstruierbar ist.
Die Analyse der exemplarisch ausgewählten Autobiographie, in der Hilda Weiss ihre Lebensgeschichte bis zur Emigration aus Deutschland im Jahr 1933 erzählt, zeigt einen zentralen und frühen Grundkonflikt ihres Lebens, der von der Autorin als „Selbstsein“ oder Assimilation ans „Anderssein“ binär codiert wird. Der Kontrast ‚Autonomie‘ oder ‚Integration‘ wird zum dominierenden Faktor bei der Bildung ihres moralischen Selbst und ihrer Identitätskonstruktion. Verblüffend ist die Kontinuität und Dominanz dieser für
die Autorin zentralen Frage im Autobiographisierungsprozess, so dass spätere Sozialisationserfahrungen keine grundsätzliche Veränderung bieten, sondern ihr ,Lebensthema‘ den Deutungsrahmen dieser Erfahrungen setzt.
Schlagworte: Bachtins Theorie der Dialogizität, ‚Stimmenanalyse‘ als Methode, moralische Identitätskonstruktion, Emigrantinnen- Autobiographie.
„Try to be as the others around you“ - Hilda Weiss – Constituting the Moral Self Between Freedom and Adaptation
Abstract
This paper is an analysis of the autobiography of a female emigrant, published in 1940. Its main concern is with the issue of how coping with experiences that occurred in the course of socialization helps build the moral self. The method elaborated to this end relies on Michael Bakhtin’s theory of dialogism and on the key argument that autobiographical texts may carry „voices“ of others that are constitutive for building the moral self. The strength of this method is its potential to reconstruct, both, identity construction in terms of a moral self, drawing on socialization experiences with others, and the construction process itself as an individual way of coping. The autobiography of Hilda Weiss, which covers her life story up to the moment of emigration from Germany in the year 1933, was chosen for its exemplary character. The analysis reveals a pivotal basic conflict early in her life, which the author captures by the binary code of „being oneself“ vs. assimilation to „being as the others“. The ,autonomy‘/,integration‘ contrast comes to be the factor that dominates her construction of a moral self and of identity. It is striking to see the extraordinary continuity and prevalence of this key issue, for the author, in the process of her ,autobiographization‘, providing her with a ‘life theme’ which acts as an interpretational framework that precludes fundamental change by later socialization experiences.
Keywords: Bakhtin’s theory of dialogism, ,analysis of voices‘ as a method, moral identity construction, female emigrant’s autobiography
