Das Zerreden des Holocaust in der Schule

Hans-Dieter König

Das Zerreden des Holocaust in der Schule. Tiefenhermeneutische Rekonstruktion einer Schulstunde und eines narrativen Interviews mit einer 68er Lehrerin

Zusammenfassung

Die psychoanalytische Fallrekonstruktion aus einem Frankfurter Forschungsprojekt zur Schul- und Unterrichtsforschung zeigt exemplarisch, wie sich mit Hilfe der Tiefenhermeneutik hinter den manifesten Intentionen der Akteure verborgene latente Sinnzusammenhänge aufdecken lassen: Obwohl eine Lehrerin in einer Schulstunde über die kollektive Abwehr des Holocaust durch die Deutschen im Jahre 1945 aufklären will, verkehrt sich ihre Absicht ins Gegenteil. Die Folge ist, dass sich in diesem politischen Unterricht die kollektive Abwehr des Holocaust wie unter dem Druck eines Wiederholungszwangs auf neue Weise reproduziert. Ein emotionales Sich-Einlassen auf das Thema wird nämlich dadurch verhindert, dass es zerredet wird. Das bruchstückhafte narrative Interview zeigt, dass sich die intellektualisierende Abwehr der Lehrerin auf unbewältigte Probleme der eigenen Biographie zurückführen lässt, aufgrund derer sie trotz ihres 68er Selbstverständnisses einem deutschen Nationalismus gegenüber ambivalent gegenübersteht. Die Fallrekonstruktion offenbart, wie nicht zuletzt Professionalisierungsdefiztite in der Lehrerausbildung dazu führen, dass die unbewältigte Erfahrung des Holocaust unbewusst an nach folgende Generationen weitergegeben werden, obwohl die Lehrkräfte sich darum bemühen, über Auschwitz aufzuklären. 

Abstract

The psychoanalytical case reconstruction on school and curriculum research, carried out by a Frankfurt research project, shows as an example that with the help of depth hermeneutics it is possible to uncover latent interrelations of meaning, which lie behind the manifest intentions of the participant: In a school lesson a teacher has the intention to inform about the collective rejection of the holocaust by the Germans in the year 1945. However, her intention swung to the other extreme. The result is that in this political lesson the collective rejection of the holocaust is reproducing itself anew under the pressure of a recidivism. First the flogging to death of the holocaust prevents an emotional involvement with the topic. The fragmentary narrative interview shows that the intellectual rejection of the teacher goes back to unsolved problems within the own biography. Because of that she has an ambivalent position towards the German nationalism despite her '68 ideology. The case reconstruction discloses that professionalization deficiencies within the teacher training lead to a situation where the unmastered experience of the holocaust is passed on unconsciously to the next generation, although teachers try hard to inform about Auschwitz.