Qualitative Internetforschung

Winfried Marotzki/ Klaus Neumann-Braun

Qualitative Internetforschung - Einführung in den Thementeil

Nimmt man Überblicksmonographien oder Sammelbände programmatischen Charakters als Indikatoren für die Etablierung eines neuen Forschungsfeldes, dann deuten Titel von Bänden wie z.B. "Internet Communication and Qualitative Research. A Handbook for Researching Online" (Mann/Stewart [2000]), "Doing Internet Research. Critical Issues and Methods for Examining the Net" (Jones [1999]) oder "Online Research. Methoden, Anwendungen und Ergebnisse" (Batinic u.a. [Hrsg.] [1999]) darauf hin, dass sich unter den Begriffen "Online Research", "Internet Research" oder "Internet Forschung" seit Beginn der neunziger Jahre eine neue Forschungsrichtung zu etablieren begonnen hat. Die ersten Studien, beispielsweise von Amy Bruckmann (1992), bezogen sich auf Kommunikationsverhalten und -strategien in MUDS und MOOs, aber auch schon auf Fragen der Identitätskonstitution im Cyberspace. Wie Sempsey (1997) in seiner resümierenden Sichtung der Forschungslage berichtet, wurden folgende Phänomene Gegenstand von Studien: disinhibition, gender differences, gender swapping, multiple identities, online addiction sowie friendliness. Wir wollen an dieser Stelle nicht die bisher kurze Geschichte der Internetforschung rekonstruieren, sondern lediglich darauf verweisen, dass von Anbeginn neben klassischen quantitativ orientierten Studien und Interaktionsanalysen auch qualitativ orientierte Forschungsdesigns zum Einsatz kamen. Sehr früh entwickelte sich eine ethnographische Aufmerksamkeit gegenüber sozialen Phänomenen im Internet (vgl. Clodius 1994, Correll 1995, Hine 1998). In dem Online-Journal "Cybersociology" (http://www.socio.demon.co.uk/) sind seit Mitte der neunziger Jahre eine Reihe von guten Online Ethnographien erschienen.

Insgesamt kann also zu Recht von einer Qualitativen Internetforschung gesprochen werden (vgl. Sandhoff 2000). Im deutschsprachigen Bereich ist innerhalb sozialwissenschaftlicher Arbeiten, die der Internetforschung zuzurechnen sind, eine klare Trennung zwischen quantitativen und qualitativen Forschungsdesigns nicht so deutlich auszumachen. Sinnvoller ist es, hier nach Themen zu unterscheiden. Innerhalb der thematischen Vielfalt empirischer Arbeiten können zwei Schwerpunkte registriert werden: Zum einen ist die Frage, ob sich durch neue Informationstechnologien neue Kommunikationsmodi herausbilden, und was dies für Menschen bedeutet, in vielfältiger Weise bearbeitet worden (beispielsweise von Runkehl u.a. 1998, Frindte/Köhler 1999, Beißwenger 2000). Zum anderen konzentrieren sich viele Studien am Beispiel von Online Communities auf neue Sozialisationsphänomene im Internet (beispielsweise Wetzstein u.a. 1995, Thiedeke [Hrsg.] 2000, Thimm [Hrsg.] 2000, Stegbauer 2001). In dem vorliegenden Heft haben wir aus diesen beiden Schwerpunkten einige Arbeiten zusammen gestellt. Wir wollen durch diese Auswahl nicht die Vielfalt der bearbeiteten Themen beschneiden. Vielmehr begründet sich unsere Auswahl dadurch, dass bei einigen der vorliegenden Studien zu den beiden genannten Bereichen eine Annäherung hinsichtlich der Resultate zu verzeichnen ist, so dass bei aller Vorsicht gesagt werden kann, dass sich Forschungsergebnisse verdichten. Einige Konturen dieser Verdichtung sollen durch die ausgewählten Arbeiten demonstriert werden.

Christian Stegbauer nimmt in seinem Beitrag "Von den Online Communities zu den computervermittelten sozialen Netzwerken" eine Reinterpretaion der klassischen Studien von Howard Rheingold, Don Tapscott und Sherry Turkle vor. Er kommt zu dem Resultat, dass in diesen Studien die empirische Basis nicht solide genug sei und plädiert für einen undogmatischen breiten Forschungsansatz, der sowohl qualitativ wie auch quantitativ orientierte Forschungszugänge im Bereich der Internetforschung beinhalten müßte.

Ulrich Wenzel geht in seiner Arbeit "Computergestützte Kommunikation zwischen Interaktion und Interaktivität" der Frage nach, wie die neuen Kommunikationsmodi im Internet die gesellschaftlichen Kommunikationsverhältnisse verändern. Er wählt dabei, ähnlich wie Christian Stegbauer, den Weg der Rekonstruktion gegenwärtiger Debatten, wie sie sich in aktuellen Sammelbänden und Monographien niederschlagen. Weil Wenzel sehr stark den Stand der gegenwärtigen Forschungslage anhand einschlägiger Literatur rekonstruiert, haben die Herausgeber auch darauf verzichtet, in den Rezensionsteil dieses Heftes eine Sammelrezension aufzunehmen, wie es ansonsten üblich ist. Wenzel kommt zu dem Resultat, dass sich die Position, die in der Internetkommunikation neue Aspekte öffentlicher und privater Kommunikation sieht, empirisch durchzusetzen scheint.

Axel Schmidt und Irena Brnic untersuchen in ihrem Beitrag "Chatten - Fallstudien zur Verschränkung potenzieller Nutzungsmöglichkeiten und faktischer Aneignungsmuster" verschiedene Arten, wie NutzerInnen das Medium Internetchat für ihre alltäglichen Bedürfnisse in Anspruch nehmen. Anhand von Fallbeispielen zeigen sie, wie das neue Medium mit den persönlichen Bedürfnissen nach identitätsrelevanter Kommunikation verknüpft wird, so dass sich die strukturdivergenten Kommunikationsmodi (face-to-face im Alltag und computervermittelt im Internet) angleichen würden. Insofern könne von einer "Veralltäglichung" des neuen Mediums gesprochen werden.

Zur Abrundung der Thematik der Internetforschung haben wir Überlegungen zu dem Aspekt des Online-Publishing aufgenommen. Denn das Internet ist natürlich nicht nur ein neuer Sozialisations- und Kulturraum, sondern auch ein Medium, das für den wissenschaftlichen Austausch neue Möglichkeiten bereit hält. Katja Mruck und Günther Mey skizzieren in ihrem Beitrag "Wissenschaftliches Publizieren in Online-Zeitschriften: Über das schwierige Vertrautwerden mit einem neuen Medium" im internationalen Vergleich, wie langsam sich insbesondere deutsche WissenschaftlerInnen der neuen Möglichkeiten bedienen.

Literatur:

Batinic, B. u.a. (Hrsg.): Online Research. Methoden, Anwendungen und Ergebnisse. Göttingen u.a. (Hogrefe). 1999 

Beißwenger, M.: Kommunikation in virtuellen Welten: Sprache, Text und Wirklichkeit. Stuttgart (ibidem). 2000 

Bruckman, A.. Identity Workshop: Emergent Social and Psychological Phenomena in Text-Based Virtual Reality. 1992 available: ftp.media.mit.edu/pub/asb/papers/identity-workshop.rtf (5.12.1996). 

Clodius, J.: Ethnographic Fieldwork on the Internet. In: Anthropology Newsletter, 35(9). 1994 

Correll S., The ethnography of an electronic bar: the Lesbian Cafe. Journal of Contemporary Ethnography 24(3), 270-298 1995. 
Frindte, W.; Köhler, Th. 1999: Kommunikation im Internet. Frankfurt a.M. (Peter Lang). 

Hine, Ch.: Virtual Ethnography. In: Inter-national Conference: 25-27 March 1998, Bristol, UK IRISS '98: Conference Papers Proceedings http://www.sosig.ac.uk/iriss/papers/paper16.htm (20.11.2000). 

Jones, St. (Ed.): Doing Internet Research. Critical Issues and Methods for Examining the Net. London u.a. (Sage). 1999 

Mann, Ch.; Stewart, F.: Internet Communication and Qualitative Research. A Handbook for Researching Online. London u.a. (Sage). 2000 

Reips, U.- D. u.a. (Eds./Hrsg.): Current Internet science - trends, techniques, results. Aktuelle Online Forschung - Trends, Techniken, Ergebnisse. Zürich: 2000 Online Press. [WWW document]. Available URL: http://dgof.de/tband99/ 

Runkehl, J.; Schlobinski, P.; Siever, T.: Sprache und Kommunikation im Internet. Opladen (Westdeutscher Verlag). 1998 

Sandhoff, G.: Das interpretative Paradigma in der Onlineforschung. In: Reips u.a. (Hrsg.) (2000). Internet: http://dgof.de/tband99/ (10.1.2002). 

Sempsey, J.: Psyber Psychology: A Literature Review pertainig to the Psycho/Social Aspects of Multi-User Dimensions in Cyberspace. In: Journal of MUD Research. Volume 2, Number 1 (1997). Internet: http://journal.tinymush.org/~jomr/ (1.10.2000). 

Stegbauer, Ch.: Grenzen virtueller Gemeinschaft. Strukturen internetbasierter Kommunikationsforen. Wiesbaden (Westdeutscher Verlag). 2001 

Thiedeke, U. (Hrsg.): Virtuelle Gruppen. Charakteristika und Problemdimensionen. Wiesbaden (Westdeutscher Verlag). 2000 

Thimm, C. (Hrsg.): Soziales im Netz. Sprache, Beziehungen und Kommunikationskulturen im Internet. Wiesbaden (Westdeutscher Verlag). 2000 

Wetzstein, Th. A.; Steinmetz, L.; Dahm, Hermann; Lentes, A.; Schampaul, St.; Eckert, R.: Datenreisende. Die Kultur der Computernetze. Opladen (Westdeutscher Verlag). 1995