Vibrationen ermöglichen hörgeschädigten Kindern, Rhythmen zu erfahren und nach ihnen zu tanzen

Sie fühlen die Musik

Es ist wieder Freitag. Erwartungsvolle Vorfreude, fast ein bisschen Aufregung, in der 2. Klasse des Landesbildungszentrums für Hörgeschädigte in Halberstadt. Von der Magdeburger Uni kommen, wie jeden Freitag in den zurückliegenden Monaten, Studenten, um mit den Mädchen und Jungen im Sportunterricht zu tanzen. Etwas besonderes, denn die mit dem Tanz verbundenen Rhythmen und Klänge sind für die Kinder ganz ungewohnt. Und doch sind die hörgeschädigten Schüler mit Eifer bei der Sache. Schon bald setzen sie die Füße nach vorn, nach hinten, zur Seite und vollziehen dabei mit den Armen kreisende Bewegungen, wiegen den Oberkörper nach links oder rechts. Die Musik dazu hören sie nicht wie wir, sie fühlen sie.

Hörgerät weiterentwickelt

Sie mag Musik nur, wenn sie laut ist, wenn der Boden unter den Füßen bebt, dann vergisst sie, dass sie taub ist" singt Herbert Grönemeyer. Zum Beben muss der Boden der Turnhalle nicht gebracht werden, damit die Schüler die Töne erfahren. Ihnen hilft dabei ein Hochtontrainer mit integriertem Knochenhörgerät. Mittels dieses Gerätes werden die musikalischen Informationen und akustischen Signale in Vibrationen umgewandelt und über die Schädeldecke auf den Körper übertragen. Das Knochenhörgerät, von der Firma AUDIVA für den Einzelunterricht konzipiert, entwickelten die Studenten Ina Reiber, Michél Wagner und Franz Wegener für den Einsatz im Sport weiter. Alle Kinder erhalten somit zeitgleich akustische Signale und die selben in Vibrationen umgewandelten Informationen. Knuffelteddy Pimboli lädt sie auf der Bauchtasche, in der das elektronische Zubehör steckt, zum Tanzen ein.

Viel bewegungsfreudiger

Die Studierenden arbeiteten in dem Projekt des Universitätssportclubs ein halbes Jahr lang gemeinsam mit den hörgeschädigten Kindern. Unterstützt wurden sie finanziell von der Lotto Toto GmbH. Die Ergebnisse ihrer Untersuchungen fließen in das von Prof. Dr. Anita Hökelmann betreute Forschungsvorhaben Musikorientiertes motorisches Lernen bei hörgeschädigten und gehörlosen Kindern ein. Gehörgeschädigte Menschen sind in ihrer Alltags- und sportmotorischen Entwicklung eingeschränkt. Grund sind die Wahrnehmungsdefizite verbaler und musikalischer Informationen. Die Folgen: Nachteile in der motorischen Entwicklung sowie unterentwickeltes Körperbewusstsein, wenig ausgeprägte Bewegungskoordination und Gleichgewichtsfähigkeit. Kann das ausgeglichen werden? Diese Frage untersuchten die Studierenden. Zwei Experimentalgruppen wurden verglichen. Die erste arbeitete im Sportunterricht während der tänzerisch-gymnastischen Übungen mit dem Knochenhörgerät, die andere ohne. Zu Beginn des Projektes werden die motorischen Fähigkeiten der Sieben- bis Zehnjährigen mittels eines standardisierten Tests überprüft. Zum Ende wird der Test wiederholt werden, um Vergleichsdaten zu erhalten. „Aber schon jetzt ist klar", meint Ina Reiber, „die Schüler waren insgesamt viel bewegungsfreudiger, aufgeschlossener gegenüber der Musik, in ihren Bewegungen ungehemmter und durchaus sogar rhythmisch. Sie haben superdiszipliniert mitgemacht, und wir konnten beobachten, dass die hörgeschädigten Kinder ein ausgesprochen gutes Bewegungsgedächtnis haben."

Der Direktor des Landesbildungszentrums, Gerhard Friedrich, war beim Hospitieren begeistert, als er die Leistungen der kleinen Tänzerinnen und Tänzer nach mehrmonatigem Übungsprozess sah. Bei den Kindern ist eine deutliche Leistungssteigerung zu erkennen. Das Audiva Hochtontrainer-System wurde von den Schülern während der Ausübung der sportlich-tänzerischen Übungen nicht als störend empfunden und hat sich offensichtlich für die Anwendung im Sport mit hörgeschädigten Kindern bewährt, schätzt Professor Anita Hökelmann ein.

Inzwischen ist die Unterrichtsstunde vorbei. Es war die vorerst letzte, denn die Studenten verabschieden ihre Schützlinge erstmal in die Sommerferien. Die Vorfreude darauf tröstet etwas. Anita Hökelmann hofft, das Projekt mit den hörgeschädigten Kindern zu einer Längsschnittstudie über mehrere Jahre hinweg fortführen zu können.   Ines Perl