Einer der Wirtschaftsweisen

Agenda der Wirtschaftspolitik

Die sprichwörtliche Stecknadel hätte keine Chance gehabt, zu Boden zu fallen, um gehört zu werden, als Prof. Dr. Wolfgang Franz im Hörsaal 3 Ende November 2004 über das noch druckfrische Jahresgutachten des Sachverständigenrates (SVR) zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung sprach. Auf Treppenstufen, Stühlen und dem Boden saßen Studierende, Mitarbeiter und interessierte Gäste aus der Stadt gedrängt, um zu hören, was einer der so genannten Wirtschaftsweisen ihnen zu sagen hatte. Der Ehrendoktor der Fakultät für Wirtschaftswissenschaft ist Mitglied des SVR, eines Kreises, dem anzugehören, so Wolfgang Franz, ihm ganz außergewöhnlich bedeutsam erscheine, seitdem er den Posten bekleide ... Derer fünf sind es insgesamt, die von der Gesundheitsreform über das Bildungssystem und den Arbeitsmarkt bis hin zur Finanzpolitik so ziemlich alles unter die Lupe nehmen, was den Wirtschaftsstandort Deutschland ausmacht. Besonderer Aufmerksamkeit erfreue sich dabei vor allem die Wachstumsprognose, die aufzustellen das Gremium gesetzlich verpflichtet sei. Meist sei gar in den Medien nur dieser eine Wert präsent, beklagte Professor Franz. Und ausgerechnet der sei im Kommabereich doch sehr unscharf, von eher beschränkter Aussagekraft. Die vielen anderen Vorschläge aus dem Gutachten fänden hingegen nur selten das Echo, das sie tatsächlich verdienten.

Das Sachverständigengutachten selbst entstehe unter schweren Geburtswehen, ist es doch oft nicht einfach, fünf Expertenmeinungen in gemeinsame Worte zu fassen. Hin und wieder komme es auch vor, dass kein Konsens erreicht wird. Dann erscheint im Gutachten ein Minderheitenvotum, wie in diesem Jahr von Prof. Dr. Peter Bofinger (Universität Würzburg), der sich auf das – angeblich – einseitig angebotsorientierte Denken seiner vier Kollegen partout nicht habe einlassen wollen. Vorgelegt wird am Ende aber immer eine fast tausend Seiten starke Agenda der deutschen Wirtschaftspolitik – empfehlenswert für jeden Profi, aber auch für Studenten, da alle Begriffe und Definitionen sehr klar und präzise zur Anwendung kommen, man Fakten und Zahlen veröffentlicht findet, die wirklich verlässlich, weil doppelt und dreifach geprüft, sind.

Kaum populäres Fazit

Das aktuelle Jahresgutachten stellt der Bundesregierung ein insgesamt passables Zeugnis aus und empfiehlt, die auf den Weg gebrachten Reformen jetzt zwei bis drei Jahre zum Tragen kommen zu lassen und dann zu überprüfen, wo und wie „nachzubessern" sei. Professor Franz sprach sowohl über konjunkturelle Faktoren als auch von den strukturellen Rahmenbedingungen künftiger Wirtschaftsentwicklungen. Was diese Letzteren anbetrifft, zog er sein Fazit, sei nicht zuletzt in Erwägung zu ziehen, was kaum populär, einer herrschenden Auffassung unter Experten nach allerdings absolut notwendig sei: den Kündigungsschutz zu lockern, die Arbeitszeiten flexibler zu machen, gegebenenfalls zu verlängern, die Kosten zu senken.

Von einem Zuhörer darauf angesprochen, befürwortete er auch die Einführung von Studiengebühren – unter der Prämisse, nota bene, dass Finanzierungsmodelle vorlägen, die soziale Chancengleichheit garantieren würden.

Der Gast machte außerdem auf ein für Magdeburg interessantes Detail des vorliegenden Gutachtens aufmerksam: Sehr ausführlich wird dort zu Vorschlägen Stellung bezogen, die zwei Professoren der Fakultät für Wirtschaftswissenschaft unserer Universität unter dem Titel Arbeit ist machbar. Die neue Beschäftigungsformel veröffentlicht hatten. Der ausgewiesene Arbeitsmarktexperte Franz bescheinigte den beiden Autoren, Prof. Dr. Joachim Weimann und Prof. Dr. Ronnie Schöb, das derzeit wohl „intelligenteste" (Lohn-)Subventionsmodell entwickelt zu haben. Schade nur, fügte er augenzwinkernd hinzu, dass es gegen solche Subventionsmodelle prinzipielle Vorbehalte gebe, die auch ihn persönlich überzeugten ...

Mit einer gut einstündigen Plenumsdiskussion ging die – vor allem für die zahlreich erschienenen Studierenden sehr lehrreiche – Veranstaltung zu Ende.   Ines Perl, Guido Henkel