Otto-von-Guericke-Vorlesung

Keine Ökonomie ohne Gesellschaft

Mit vielen Attributen ist der Mann von den Medien schon bedacht worden: „SPD-Vordenker, Medienexperte, Bildungsexperte, Theoretiker der Zweidrittelgesellschaft, Kommunikationswissenschaftler und Publizist". Dementsprechend hoch waren auch die Erwartungen an den Vortragenden der 18. Otto-von-Guericke-Vorlesung, und sie wurden nicht enttäuscht.

Temperamentvoll in Wort und Gestik, aber auch altersweise abgeklärt referierte der ehemalige SPD-Bundesgeschäftsführer Peter Glotz Mitte November 2004 über „Soziale Gerechtigkeit im digitalen Kapitalismus". Unter Letzterem versteht Professor Glotz einen postindustriellen Kapitalismus, welcher von Globalisierung, Beschleunigung, Dematerialisierung, Dezentralisierung und Digitalisierung sowie dem dies erst ermöglichenden Einsatz neuer elektronischer Technologien geprägt ist. Dessen Einzug beginne zwar erst, sei aber unaufhaltsam und mache zudem einen „Rückbau des Sozialstaates" unausweichlich, daran ließ der einstige Politiker keinen Zweifel aufkommen.

Immerhin haben heutzutage einzelne Nationalstaaten kaum eine Chance, ihre Interessen gegen den Willen des international operierenden „produktivistischen Kerns der Gesellschaft" durchzusetzen.

Jedoch, der soziale Frieden ist eine Produktivkraft und ihn aufzukündigen verhindere weiteres Wirtschaftswachstum, stellte er ebenfalls fest und postulierte: „Man kann nicht Ökonomie machen und dabei von der Gesellschaft absehen". Dadurch würden ganze Bevölkerungsgruppen, das „dritte Drittel der Gesellschaft", von wichtigen Gütern, wie Wohlstand und Bildung ausgeschlossen.

Große Zukunftshoffnungen konnte der nunmehrige Direktor des Instituts für Medien- und Kommunikationsmanagement an der Universität St. Gallen aber nicht erwecken. Die Periode des „europäischen Wohlfahrtsstaates" in seiner Ausprägung als soziale Marktwirtschaft in der Bundesrepublik, ermöglicht durch eine einzigartige wirtschaftliche Erfolgsgeschichte, sei wohl endgültig vorbei. Um ein Mindestmaß an Gerechtigkeit und Chancengleichheit aufrechtzuerhalten, was jedoch nicht Gleichheit bedeuten könne, wie er immer wieder betonte, sei die gesamte Gesellschaft gefordert. Aber im Selbstlauf sei dies nicht zu erreichen: „Wer Gerechtigkeit will, muss gesellschaftliche Bündnisse bilden".

Schade eigentlich, dass scheinbar nur Ex-Politiker so realitätsbezogen reden können oder dürfen.

Insgesamt reihte sich der Vortrag würdig in die Reihe der seit 1995 von der NORD/LB Mitteldeutsche Landesbank geförderten Otto-von-Guericke-Vorlesungen ein, mit der die Otto-von-Guericke-Universität ihren Namenspatron ehrt und der interessierten Öffentlichkeit international anerkannte Persönlichkeiten der Wissenschaft präsentiert.

   Gerald Christopeit