Magdeburger Studierende zur Feldforschung im indischen Mumbai

Leben und Arbeit im Slum

„Leben und Arbeiten im Slum" – so hieß das Rahmenthema einer Exkursion, die drei Lehrende und 21 Studierende der Institute Soziologie, Fremdsprachliche Philologien (Anglistik) und Politikwissenschaft der Fakultät für Geistes-, Sozial- und Erziehungswissenschaften im Februar 2004 nach Mumbai/Indien führte.

Mumbai (vormals Bombay) ist durch seine geographische Lage auf einer Halbinsel durch räumliche Knappheit gekennzeichnet. In der Kolonialzeit zu einer Industriestadt herangewachsen, die im Zuge der Globalisierung eine Restrukturierung zum Dienstleistungszentrum erfuhr, zählt Mumbai heute mit ca. 18 Millionen Menschen zu den Megastädten der Welt und stellt die wirtschaftliche Metropole Indiens dar – einen Magneten für viele Menschen vom Lande, die in die Stadt migrieren und sich dort bessere Lebensbedingungen erhoffen.

Bevölkerungsexplosion

Eine jahrelang erfolglose Politik konnte mit der Bevölkerungsexplosion im Hinblick auf infrastrukturelle Entwicklung und Wohnungsbau nicht Schritt halten. So leben fast 50 Prozent der Bevölkerung in Mumbai auf der Straße oder in illegalen Slums – errichtet auf Brachland etwa entlang der Eisenbahnlinien oder auf Sumpfgelände, das von den Siedlern in Eigeninitiative entwässert wurde, in der Monsunzeit allerdings wieder im Schlamm versinkt. Sie haben nur acht Prozent des städtischen Lebensraums zur Verfügung. Dort errichteten sie sich Hütten, während die Stadt mit Unterstützung der Weltbank einige infrastrukturelle Erschließungen wie etwa die Errichtung öffentlicher Toiletten (pro 150 Personen eine Toilette) und Duschgelegenheiten vornahm. Diese öffentlichen Einrichtungen sind heute allerdings in einem katastrophalen Zustand. Die Sozialstruktur dieser Bevölkerungsschicht zeigt, dass es sich hier nicht nur etwa um eine Schicht von Ungebildeten handelt, sondern dass viele Menschen morgens ihre Slumhütten verlassen und zur Arbeit ins Büro in die „City" fahren.

Ständige Unsicherheit

Nicht nur das Leben in diesen oftmals elenden Verhältnissen, sondern insbesondere auch das Leben in ständiger Unsicherheit lastet schwer auf den Menschen. Unsicherheit bedeutet hier nicht nur materielles Auskommen – viele Menschen arbeiten im so genannten informellen Sektor als Tagelöhner oder gehen ungesunden und menschenunwürdigen Tätigkeiten nach –, sondern das Recht zu bleiben. Die wenigsten der zahlreichen Slumbewohner haben Eigentumsrechte an Land und Wohnraum und leben unter der ständigen Angst, dass die Slums aus öffentlichem Interesse geräumt werden und die Bleibe zerstört wird. Dies gilt insbesondere für diejenigen Menschen, die nach 1995 siedelten, während die schon länger dort Lebenden wenigstens ein Recht auf Umsiedlung haben. Auch lastet der Wunsch, den eigenen Kindern eine gute Ausbildung zu ermöglichen, damit sie bessere Lebensbedingungen haben werden, stark auf den Eltern.

Vor diesem sozialen Hintergrund führten die drei Institute mit dem Partnerinstitut für Soziologie der Universität Mumbai verschiedene Kleinforschungen durch, die unter der Perspektive der jeweiligen Disziplin betrachtet wurden. Themen waren „(Über)Leben und Arbeit im Slum" sowie die „Rolle der Frau innerhalb der Familienökonomie", „Räumliche Struktur von Slums im Hinblick auf ethnische und religiöse Segregation", die „politische Organisation im Slum" und „künstlerische Ausdrucksformen in Slum". Zentrum der Forschung war „Dharavi", Asiens größter Slum mit ca. einer Million Einwohner.

Der eigentlichen dreiwöchigen Exkursion ging eine einsemestrige Vorbereitungsphase voraus, in der sich die Studierenden mit der indischen Kultur, dem Thema „Slums" und „informeller Sektor" und notwendigen Reisevorbereitungen auseinandersetzten. Derzeit beginnt die einsemestrige Nachbereitung: die Aufarbeitung der Forschungsergebnisse und Erstellung eines Abschlussberichtes, der fakultätsintern publiziert wird. Neben Aspekten des Kennenlernens von Fremdkultur stand bei dieser Exkursion im Vordergrund, mit den Studierenden den gesamten Forschungsprozess zu durchlaufen: von der Forschungsidee über die Ausarbeitung von Hypothesen und des Forschungsinstrumentariums hin zur Feldforschung und zur Ausarbeitung des Forschungsmaterials. Teilfinanziert wurde die Exkursion durch den Deutschen Akademischen Austauschdienst und die einzelnen Institute.
Dr. Heiko Schrader