Ein Manifest

Eine sachliche Diskussion, offen für jedweden Ausgang

Vor dem Hintergrund der Sparpläne der Landesregierung wandte sich dieOtto-von-Guericke-Universität mit einem Manifest an die Öffentlichkeit. Verfasst wurde es von Prof. Dr. Klaus Erich Pollmann, Rektor der Universität, und Prof. Dr. Joachim Weimann, Dekan der Fakultät für Wirtschaftswissenschaft, auf der Grundlage einer ökonomischen Analyse Professor Weimanns. Uni-Report sprach mit ihm.

Mit welcher Intention wurde das Manifest erarbeitet?

Die Universitäten haben in der Vergangenheit versäumt, deutlich zu machen, warum sie für das Land wichtig sind. Vor allem ging es darum zu vermitteln, dass den Hochschulen in den neuen Bundesländern, betrachtet im Kontext der wirtschaftlichen Entwicklung, eine besonders wichtige Funktion zukommt. Die Situation in Ostdeutschland ist nicht nur schwierig, sondern wird mit jedem Tag dramatischer. Vor diesem Hintergrund kommt den Universitäten und Hochschulen eine Schlüsselrolle für die Entwicklung der ostdeutschen Länder zu.

Geld ist nicht da, der Haushalt muss konsolidiert werden, sagt Finanzminister Karl-Heinz Paqué. Sehen Sie eine Möglichkeit für die Universitäten, einen Konsolidierungsbeitrag zu leisten?

Erhebliches Einsparpotenzial sehe ich langfristig in der Verwaltung. Sie muss von einer Behörde in eine kaufmännische Organisation umgewandelt werden, in der die Kosten-Nutzen-Abwägung eine stärkere Rolle spielt. Das geht aber eben nur langfristig.
Universitäten produzieren ein handelbares Gut: Ausbildung. Die müssen sie, nach dem Willen der Politik, kos-tenlos abgeben. Ist es nicht ein Paradoxon, dass Universitäten zwar Spitzenleistungen bringen sollen, aber kein Geld kosten dürfen, und auch kein Geld verdienen sollen?
Ein drittes Einsparpotenzial liegt in der Hochschullandschaft im Land insgesamt. Gemessen an Leistungskriterien muss beurteilt werden, ob die Struktur sinnvoll und dem Land dienlich ist. Eine Neuordnung muss sich an sachlichen Argumenten orientieren, bei denen die Bedürfnisse des Landes und die Leistungen der einzelnen Hochschulen im Mittelpunkt stehen. Dies ist bis jetzt noch nicht geschehen. Für die Otto-von-Guericke-Universität in ihrer jetzigen Struktur sprechen verdammt gute Argumente. Die soll bitte ersteinmal jemand widerlegen.

Was erwarten Sie von der Politik?

Eine sachliche Diskussion, die offen ist für jedweden Ausgang. Die Landesregierung soll die Finanzierung der Hochschulen langfristig und nachhaltig gestalten, soll ein Anreizsystem schaffen, das jene Leistungen belohnt, die wichtig für das Land sind, beispielsweise die Drittmitteleinwerbung. Es müssen verlässliche Rahmendaten gegeben werden. Die Budgets der Hochschulen sind an Erfolge zu koppeln, beispielsweise an Studierenden- oder Absolventenzahlen. Hier setzt der Wettbewerb an. Hochschulen, die sich in ihm behaupten, würden künftig besser ausgestattet. Dann hätte ich keine Angst mehr um die Otto-von-Guericke-Universität.

Die Bedeutung der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg für Sachsen-Anhalt in den nächsten beiden Jahrzehnten

Präambel

Die grundgesetzlich verankerte Freiheit von Lehre und Forschung an den Universitäten ist ein unverzichtbares Element wissenschaftlicher Arbeit. Ohne den Freiraum, den der Staat den Forschenden und Lehrenden gewährt, ist Wissenschaft nicht vorstellbar. Wissenschaftliche Erkenntnis setzt Kreativität, Mut zum Risiko und die Fähigkeit voraus, Neues zu denken und bisher unbekannte Wege zu gehen, auch auf die Gefahr hin, dass sie sich als Irrwege herausstellen. Erfolgreich ist dies nur möglich in einer Umgebung, die dem Einzelnen alle Freiheiten der Entfaltung lässt. Die Unabhängigkeit der Wissenschaft ist deshalb kein Privileg, sondern eine notwendige Bedingung für wissenschaftlichen Fortschritt.

Dessen ungeachtet stehen Universitäten in einer besonderen Verantwortung gegenüber dem Gemeinwesen. In den neuen Bundesländern resultiert diese Verantwortung nicht nur aus der Tatsache, dass Universitäten aus öffentlichen Mitteln finanziert werden, sondern vor allem daraus, dass den Universitäten für die weitere ökonomische Entwicklung und damit für die Zukunft Ostdeutschlands eine Schlüsselrolle zufällt. Die Otto-von-Guericke-Universität ist sich dieser Verantwortung bewusst. Sie erklärt daher ihren festen Willen, bei Forschung und Lehre ein besonderes Augenmerk auf die Belange des Landes zu richten. Zugleich appelliert sie an die Landesregierung, der herausragenden Bedeutung, welche die Hochschulen für die Zukunftsgestaltung des Landes besitzen, Rechnung zu tragen und die Hochschulen so auszustatten, dass sie diese Aufgabe optimal erfüllen können.

 

Der gesellschaftliche Kontext der Otto-von-Guericke-Universität

Das gesellschaftliche Umfeld, in dem die Otto-von-Guericke-Universität arbeitet und an dem sich ihre Verpflichtung gegenüber dem Gemeinwohl orientieren muss, ist gekennzeichnet durch die ökonomischen Bedingungen eines Bundeslandes, das nach wie vor inmitten eines Transformationsprozesses steckt. Der wirtschaftliche Wiederaufbau Sachsen-Anhalts, wie auch der anderen neuen Bundesländer, ist seit der Mitte der 90er Jahre ins Stocken geraten. Die augenblickliche Situation des Landes lässt sich schlagwortartig folgendermaßen skizzieren: Die Wirtschaftskraft des Landes reicht gegenwärtig lediglich dazu aus, etwa 60% dessen zu erwirtschaften, was im Land für den Konsum, die Investitionen und die öffentlichen Leistungen ausgegeben wird. Die Differenz zwischen Ausgaben und Bruttoinlandsprodukt werden durch Kapitalimporte und Transferleistungen aus den alten Bundesländern gedeckt. Eine derartig große Deckungslücke ist sowohl historisch als auch im internationalen Vergleich einmalig. Ursächlich für die zu geringe Wirtschaftskraft ist die Tatsache, dass das Land über eine zu geringe Unternehmensdichte und keine gewachsene Unternehmensstruktur verfügt. Die Unternehmen des Landes sind zu gering an der Zahl, im Durchschnitt zu klein, zu innovations- und finanzschwach, um die Wachstumsdynamik entfalten zu können, die notwendig wäre, die Produktionslücke in überschaubaren Zeiträumen zu schließen. Besonders eklatant ist die zu geringe Zahl von Unternehmen, die handelbare Güter herstellen. Der lokale Sektor der Wirtschaft im Lande ist vergleichsweise gut entwickelt, hängt aber in extremer Weise von den Transferleistungen ab, da diese einen beträchtlichen Teil des Konsums lokaler Güter finanzieren.

In dieser Situation sieht sich das Land mit zwei absehbaren Entwicklungen konfrontiert, die zu einer erheblichen Verschlechterung der Wirtschaftslage und zu deutlichen Wohlstandsverlusten führen können. Erstens ist für die nächsten Jahre mit einem deutlichen Rückgang der Transferleistungen zu rechnen. Einschränkungen der Leistungen der sozialen Sicherungssysteme, über die ein beträchtlicher Teil der Transfers fließt, der Rückgang der Bundesfördermittel und der EU-Förderprogramme kumulieren sich in den nächsten 10 Jahren. Zweitens kommt auf Sachsen-Anhalt ein massiver demographischer Wandel zu, dessen Ursache in dem Einbruch der Geburtenraten nach 1990 liegt. In Folge dieses Wandels wird sich die Zahl der jungen Menschen, die das Nachwuchsreservoir für die Wirtschaft des Landes stellen, erheblich reduzieren. Verstärkt wird dieser Prozess durch die nach wie vor anhaltende Abwanderung vor allem junger, leistungsfähiger Menschen. Die Verfügbarkeit gut ausgebildeter, leistungsfähiger Arbeitskräfte ist eine der zentralen Grundvoraussetzungen sowohl für die Ansiedlung bzw. Gründung neuer als auch für das Wachstum bereits vorhandener Unternehmen. Der absehbare dramatische Einbruch bei den jüngeren Alterskohorten stellt deshalb eine erhebliche Gefahr für die weiteren Wachstumschancen des Landes dar.

Ergänzt man das Bild, indem die ebenfalls absehbare Verschärfung des Standortwettbewerbs durch die Osterweiterung der EU einbezogen wird, so verdunkeln sich die Zukunftsperspektiven des Landes weiter. Unter den Bedingungen des Status quo zeichnet sich für die nächste Dekade eine Entwicklung ab, an deren Ende die neuen Bundesländer und insbesondere Sachsen-Anhalt in eine bedrohliche Lage geraten könnten: Ostdeutschland könnte zu einer Region mit nur noch geringer Wertschöpfung werden. Diese würde sich, so ist zu befürchten, auf wenige Agglomerationsräume konzentrieren. Keiner dieser Agglomerationsräume befindet sich in Sachsen-Anhalt. Die abnehmende Bevölkerungsdichte geht einher mit einer rasanten Überalterung bei rückläufigen Durchschnittseinkommen, weil die Rentenansprüche, die nach 1990 erworben wurden, deutlich geringer ausfallen als die der frühen Rentnergeneration. Unternehmensansiedlungen werden in einer solchen Situation kaum zu realisieren sein, denn die Investitionsbedingungen im Ostteil der erweiterten EU werden ungleich besser ausfallen als in Ostdeutschland.

Das ist die ökonomische Bedrohungslage, mit der sich das Land gegenwärtig konfrontiert sieht. Will man diese Entwicklung verhindern, so bleibt nicht mehr viel Zeit. In den nächsten zehn Jahren wird sich zeigen, ob Ostdeutschland als Ganzes, Sachsen-Anhalt als Bundesland und Magdeburg als Stadt genug ökonomische Substanz aufbauen kann, um einen dynamischen Wachstumsprozess zu initiieren, in dessen Verlauf das notwendige Kapital und die Menschen den Weg in die Region finden, die notwendig sind, um die skizzierte Negativentwicklung zu verhindern. Zentrales Anliegen des Landes muss es daher sein, einerseits die Ansiedlung von Unternehmen zu realisieren und andererseits den Wanderungsstrom junger Menschen umzukehren. Sachsen-Anhalt muss zum Zuzugsgebiet für den Nachwuchs werden, und es braucht Unternehmen, die erfolgreich handelbare Güter herstellen.

 

Die Zukunftsvision der Otto-von-Guericke-Universität

Die beiden zentralen Bedingungen für eine erfolgreiche Zukunftsgestaltung des Landes berühren unmittelbar die Rolle der Hochschulen und insbesondere die der Otto-von-Guericke-Universität. Mit ihrer technischen Ausrichtung ist sie gemeinsam mit den Forschungseinrichtungen, die um sie herum in Magdeburg entstanden sind, das Kernelement einer erfolgreichen Ansiedlungspolitik. Wie keine andere Hochschule des Landes hat die Otto-von-Guericke-Universität bewiesen, dass sie in der Lage ist, junge Menschen aus allen Teilen der Bundesrepublik und des Auslands nach Magdeburg zu ziehen. Die erfolgreiche Arbeit der Vergangenheit darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Herausforderungen der Zukunft weit größere Leistungen der Universität erfordern als sie bisher erbracht wurden. Um sich für diese Aufgabe zu rüsten, bedarf es einer klaren Positionierung und Profilbildung der Universität und vor allem der Formulierung eines Leitbildes für die zukünftige Entwicklung. In diesem Sinne bekennt sich die Universität zu folgenden Grundsätzen und Leitlinien, an denen die anstehenden strukturellen Veränderungen zu messen sein werden:

1. Die Universität bekennt sich zu den in ihren 9 Fakultäten repräsentierten Wissenschaften. Die technische Orientierung, die durch die Fakultäten für Maschinenbau, Elektrotechnik und Informationstechnik, Verfahrens- und Systemtechnik, Informatik sowie ergänzend durch die Naturwissenschaften und die Mathematik gesichert wird, passt in idealer Weise zu dem Erfordernis, die Ansiedlung und Gründung innovativer Unternehmen zu fördern. Die Medizinische Fakultät komplettiert durch ihre erfolgreiche Arbeit auf dem Gebiet der Medizintechnik in Verbindung mit Grundlagenforschung auf Weltniveau dieses Ensemble in idealer Weise.

Aber Technik und Naturwissenschaften sind allein keine hinreichende Bedingung für eine erfolgreiche Ansiedlungspolitik. Ebenso notwendig ist ökonomische Kompetenz, die durch die Fakultät für Wirtschaftswissenschaft bereitgestellt wird. Sozial- und Kulturwissenschaften sind für die Analyse und Beherrschung der technologischen Entwicklungen unverzichtbar und vermitteln unerlässliche Kompetenzen und Fähigkeiten. Eine Region, in der die Kultur marginalisiert wird, vernichtet einen Standortfaktor und damit einen Teil ihrer Zukunft.

2. Die Otto-von-Guericke-Universität bekennt und verpflichtet sich zu exzellenter Forschung und Lehre. Ziel muss es sein, auf möglichst vielen Gebieten international wettbewerbsfähige Forschung zu leisten. Nur Wissenschaft auf hohem Niveau sichert eine Ausbildung, die Menschen anlockt, und nur exzellente Forschung bietet die Gewähr, dass Magdeburg durch die Universität ein Ort wird, der für innovative Unternehmen interessant ist. Das Ziel ist nicht das Niveau einer durchschnittlichen Regionaluniversität, sondern die Vision ist, eine Art MIT (Massachusetts Institute of Technology) des Ostens zu werden.

3. Wissenschaftliche Exzellenz setzt voraus, dass die internen Strukturen leistungsorientiert gestaltet und die notwendigen Anreize gesetzt werden. Das Maß für die Leistung darf dabei allein der wissenschaftliche Erfolg und der Beitrag sein, den die einzelnen Bereiche bei der Realisierung der für das Land vordringlichen Ziele leisten. Die Mitglieder der Universität werden sich daran messen lassen, ob es ihnen gelingt, leistungsfähige Menschen nach Sachsen-Anhalt zu holen und ob sie dazu beitragen, die industrielle Basis des Landes zu verbessern.

4. Leistungsorientierung darf sich nicht allein auf die Wissenschaft beschränken. Die Otto-von-Guericke-Universität wird ihre Organisation und Verwaltung ebenfalls daraufhin überprüfen, wie sie den Ansprüchen einer modernen, leistungsfähigen Forschungs- und Lehrinstitution noch besser gerecht werden kann.

5. Die Universität selbst ist ein Unternehmen, das handelbare Güter herstellt. Ausbildung und Forschungsleistungen sind ihr „Produkt". Um dabei erfolgreich zu sein, wird die Universität ihre Angebote ständig überprüfen müssen. Das bezieht sich sowohl auf die Lehrangebote als auch auf die Forschungsschwerpunkte. Angesichts der Tatsache, dass die öffentliche Finanzierung der Hochschulen immer schwieriger wird, wird sie dabei einerseits dafür sorgen, dass der Eigenfinanzierungsanteil der Universität gesteigert werden kann und andererseits dafür, dass die Leistungen, die sie erbringt, mit minimalem Mitteleinsatz realisiert werden.

Dem Land Sachsen-Anhalt bleibt nur die Alternative, die vorhandenen Standortvorteile bestmöglich zur Geltung zu bringen, will es im Standortwettbewerb überleben und die anstehenden Herausforderungen meistern. Die Otto-von-Guericke-Universität und die durch sie entstandene Forschungsinfrastruktur in Magdeburg ist der herausragende Standortfaktor für die Stadt und ein bedeutender für das Land. Ihn zu stärken ist das Gebot der Stunde. Innere Reformen und verlässliche Rahmenbedingungen sowie größtmögliche innere Gestaltungsfreiheit sind die Voraussetzungen dafür. Die Otto-von-Guericke-Universität appelliert deshalb an die Landesregierung, die anstehenden Strukturveränderungen in der Hochschullandschaft für eine solche Stärkung zu nutzen. Dabei müssen die Anforderungen berücksichtigt werden, die sich aus der ökonomischen Situation des Landes ergeben. Das bedeutet auch, mit Hilfe der Wissenschaft über neue Konzepte und Strategien nachzudenken. Strukturen, die in den alten Ländern angemessen sein mögen, lassen sich dabei nicht immer auf Sachsen-Anhalt übertragen. Das Land wird seinen eigenen Weg gehen müssen, und die Otto-von-Guericke-Universität will dazu einen wichtigen Beitrag leisten.