Nobelpreisträger Prof. Dr. Reinhard Selten

Eingeschränkte Rationalität

Es müsse schon ein Nobelpreisträger sein, der die Woche der Festvorträge und Festveranstaltungen zum Universitätsjubiläum eröffnet, führte Rektor Prof. Dr. Klaus Erich Pollmann in den Vortrag von Prof. em. Dr. Reinhard Selten, Laboratorium für Experimentelle Wirtschaftsforschung, Institut für Gesellschafts- und Wirtschaftswissenschaften, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, zum Thema Eingeschränkte Rationalität ein. Reinhard Selten zählt weltweit zu den renommiertesten Experten für neuere Wirtschaftstheorie. 1994 ist ihm, gemeinsam mit den amerikanischen Professoren John Nash und John Harsanyi, der Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften für seine grundlegenden Forschungen auf dem Gebiet der Spieltheorie verliehen worden. In- und ausländische Universitäten ehrten ihn mit insgesamt acht Ehrendoktorwürden. Die Schwerpunkte der wissenschaftlichen Arbeit von Professor Selten sind die Spieltheorie, die Wettbewerbstheorie sowie die experimentelle Wirtschaftsforschung.

Als einen der "größten Querdenker seines Faches" würdigte der Dekan der Fakultät für Wirtschaftswissenschaft, Prof. Dr. Joachim Weimann, den Gast. Er habe die Grundannahme des Rationalmodells in der experimentellen Wirtschaftswissenschaft, dass der Mensch optimiere, rational sei, erschüttert.

Reinhard Selten stellte seiner Zuhörerschaft den homo oeconomicus vor, dem er unbegrenzte kognitive Fähigkeiten, konsistente Präferenzen und konsistente Wahrseinlichkeitsurteile zuordnete. Das im Experiment beobachtete Verhalten der Menschen weiche jedoch schwerwiegend von diesen Annahmen ab. Er machte darauf aufmerksam, dass die Antworten auf Wahrscheinlichkeitsfragen im Versuch sehr von der Aufmerksamkeitslenkung der befragten Person abhingen. Im Laufe seines Vortrages erläuterte er aufgabenabhängige Lösungskonstruktionen und stellte die verschiedenen Wege, wie die direkte Lösungskonstruktion oder die Kombination von Ziel- und Lösungskonstruktion, vor. Dabei ging er auf verschiedene Verfahren ein, wie die Rolle der Prominenz bestimmter Zahlen im Dezimalzahlensystem, das qualitative Schließen, die "Take the best"-Methode in Entscheidungsprozessen, die instrumentale Reziprozität, die Anspruchsanpassung oder typische Strategiestrukturen bei der "Maß für Maß"-Methode.

Dem Vortrag im vollbesetzten Hörsaal 3 schloss sich eine rege Diskussion an.
Ines Perl



Die Norddeutsche Landesbank (NORD/LB), Mitteldeutsche Landesbank unterstützte die Vorträge in der Festwoche finanziell.