Imachinationen auf Spitzbergen und in Magdeburg

Reflexion numerischer Bilder

Der zu den Newcomern zählende Medienkünstler Tim Otto Roth setzte mit seiner Installation "100 Tage - 100 Imachinationen" sein Projekt, das er im vergangenen Jahr parallel zur documenta 11 in Kassel begonnen hat, auf spektakuläre Weise fort. Den Auftakt zu seiner Recherche zur Natur numerischer Bilder bilden zwei Präsentationen eines täglich sich verändernden Bildes, das gleichzeitig auf Spitzbergen (Arktis) und in Magdeburg in je unterschiedlicher medialer Darstellungsform zu sehen ist. Die Präsentationen in Magdeburg und an der Koldewey-Station auf Spitzbergen dauern bis zum 2. Januar 2004 und können über die Projektseite im Internet unter www.imachination.net/next100 live via Webcams mitverfolgt werden.

Mit einer 5 mal 7 Meter messenden digitalen Standbildprojektion auf einer Leinwand an der neuen Universitätsbibliothek begannen die Imachinationen anlässlich der bildwissenschaftlichen Fachkonferenz "Bildwissenschaft zwischen Reflexion und Anwendung" am Institut für Simulation und Graphik. Tim Otto Roth erweiterte damit den bildanalytischen Teil des Projektes, indem er einen Großteil der 50 Redner dieses Symposiums über Interviews mit in die Bildreflexion einband. Im arktischen Ny Alesund auf Spitzbergen, der am nördlichsten gelegenen ganzjährig bewohnten menschlichen Siedlung, erläutert der Künstler an Beispielen, wie weit die Frage, was denn nun ein digitales Bild sei, in der wissenschaftlichen Praxis gehen kann. Die Imachinationen greifen in der Koldewey-Station des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung der Helmholtz-Gemeinschaft das Verhältnis von Daten und digitalen Bildern auf. Die für gewöhnlich an der Station gewonnenen atmosphärischen Daten verbleiben nämlich meist in ihrer Datenform und werden selten visualisiert.

Das Prinzip der Imachination liege im Spannungsfeld zwischen Maschine und menschlicher Imagination. Tim Otto Roth verstehe seine Bilder hierbei als eine Art visuellen Modellvorschlag, den er nicht nur im Kontext der Kunst, sondern nun auch in den Bereichen der Informationstechnologie und der Wissenschaft präsentiert. Jedes dieser Bilder entstehe aus der Überlagerung zweier aus senkrechten Verläufen bestehenden Mustern. Jeden Tag verändere sich das Bild um die Hälfte, indem beruhend auf der Zahl Pi eines der Verlaufsmuster wechselt. Da die einzelnen Bilder von einem Server aus dem Internet geladen werden, greift der Künstler auch das Prinzip der Vernetzung auf. In dem er ein und dasselbe Bild gleichzeitig an mehreren Orten erscheinen lässt, weist er auf eine neue Qualität webbasierter Bilder hin: deren möglicher Ortlosigkeit. Ihm gelingt es, den Rahmen konventioneller medialer Zuordnungen zu sprengen. Gängige Diskurse wie "Kunst und Wissenschaft" oder "Photographie und Malerei" erfahren eine Neuformulierung und durch die Reflexion digitaler Bildlichkeit eine wesentliche Erweiterung.

Spitzbergen und Magdeburg bilden nur den Auftakt. Insgesamt 12 bis 14 jeweils 100-tägige sich monatlich überschneidende Zyklen verleihen dem Projekt eine Gesamtdauer von nunmehr 400 Tagen.   Ines Perl/PM