Erste Doktoranden von der Universidad Central "Marta Abreu" de Las Villas in Santa Clara kamen 1970 nach Magdeburg

Kubanische Partneruniversität in Santa Clara wurde "50"

 

Nicht nur unsere Universität blickt auf eine 50-jährige Bilanz in Forschung, Lehre, Aus- und Weiterbildung zurück. Auch die Universidad Central "Marta Abreu" de Las Villas (UCLV) in Santa Clara in Kuba, mit der uns eine mehr als 20-jährige vertragliche Zusammenarbeit verbindet, beging bereits im vergangenen Jahr das 50-jährige Jubiläum der Ausbildung von Studenten. Die im vorigen Jahr an der UCLV tätigen Gastdozenten Dr. Elke Glistau, Dr. Steffen Wengler und Prof. Lutz Wisweh, nahmen als offizielle Vertreter unserer Universität an den Jubiläumsfeierlichkeiten teil und überbrachten die per Video übertragenen Grußworte des Rektors, Prof. Klaus Erich Pollmann.

Einer der ersten Rektoren der UCLV ließ aus diesem Anlass die historische Entwicklung des Hochschulwesens und die der UCLV noch einmal Revue passieren: In Kuba, einem historischen Kolonialstaat erfolgte im Jahre 1511 die Gründung der ersten Stadt, da man in Kuba viel Gold vermutete. Doch bereits nach 10 Jahren kolonialer Unterdrückung waren nicht nur die Goldvorräte völlig erschöpft, sondern auch die Zahl der Ureinwohner (Taínos) dramatisch reduziert worden. In der Folge benötigte Arbeitskräfte wurden aus afrikanischen Sklaven rekrutiert.

Als 17. Kolonie Spaniens wuchs aber auch die Zahl spanischer Einwanderer ständig. Spanien selbst hatte allerdings kein Interesse an der Errichtung einer Universität in Kuba und begrenzte auch die Schulausbildung im wesentlichen auf die spanische Sprache und die Religionsausbildung.
Gegen den Widerstand Spaniens, aber mit Zustimmung des Papstes wurde schließlich im Jahre 1728 die erste kirchliche Universität in Havanna gegründet. Sie diente vor allem den reichen Spaniern, die in Kuba lebten, als Bildungseinrichtung. Die päpstliche Zustimmung erfolgte unter der Maßgabe, nur Medizin und Philosophie zu unterrichten. In der Folgezeit kamen jedoch auch die Kreolen (in Kuba Geborene, deren Eltern Einwanderer waren) durch Tabakanbau, Tierzucht und die sich entwickelnde Zuckerindustrie zu Reichtum. Sie hatten wenig Interesse an Medizin und Philosophie und entwickelten erste Autonomiegedanken im Bereich der universitären Ausbildung. Die Einführung der Physik in der Lehre gegen den Willen Spaniens verunsicherte die Spanier. Das Schlagwort "Cuba libre" tauchte als Synonym des universitären Reformismus auf.

1871 sah daher ein neues Konzept Spaniens vor, keine wissenschaftlichen Grade in Kuba mehr zuzulassen. Das führte im November des gleichen Jahres zu einem Aufstand der Medizinstudenten in Havanna. Zur Abschreckung wurden daraufhin acht Studenten hingerichtet. In dieser Zeit entwickelte der noch heute verehrte José Marti neue Reformen für das kubanische Bildungswesen einschließlich der Universitäten, deren Kernpunkte die Gründung weiterer Universitäten und die Abschaffung der Studienprivilegien für die Reichen zum Inhalt hatten. Sein Ziel war es, die Besten zum Studium an die Universitäten zu schicken. Auf diesen Prinzipien basieren noch heute die Wurzeln der kubanischen Universitäten.

Durch José Martí und General Máximo Gómez y Báez begann 1895 der Unabhängigkeitskampf. Drei Jahre später intervenierten die USA auf Seiten der Revolutionäre, was den Spanisch-Amerikanischen Krieg auslöste und 1898 mit dem Pariser Frieden zur Unabhängigkeit Kubas führte.

In den folgenden Jahren war Kuba durch die Politik und Wirtschaft der USA geprägt. Bis 1902 regierte eine amerikanische Militärregierung, danach wurde Kuba Republik, die USA hatten allerdings Interventionsrecht. Im März 1952 begann durch einen Militärputsch die Diktatur von Batista. Insbesondere unter dem Druck der kubanischen Studenten in Havanna wurden in dieser Zeit im Süden des Landes die Universidad de Oriente in Santiago de Cuba und in der Mitte des Landes die Zentraluniversität in Santa Clara gegründet. Die drei Universitäten von Havanna, Santiago und Santa Clara entwickelten sich jedoch recht bald zu Keimzellen des Aufstandes gegen Batista. Im Gegenzug versuchte Batista private Universitäten zu gründen um die Macht der Universitäten wieder in die Hände der Reichen zu legen. Auch diese privaten Universitäten verliehen akademische Grade, die jedoch nach der späteren kubanischen Revolution nicht anerkannt wurden. Die drei staatlichen Universitäten wurden durch die Regierung bereits vor der Revolution geschlossen, weil sie sich sogar schriftlich gegen Batista geäußert hatten. Der ständig währende Kampf um die Autonomie der Universitäten wurde in Frage gestellt, jedoch von den Universitäten weiter verteidigt.

Nach dem endgültigen Sieg der Revolution wurden 1962 verschiedene Dekrete zu den "neuen Universitäten" erlassen, zu denen u. a. folgende Neuorientierungen gehörten:
Zusammenarbeit von Universitäten und Betrieben,
Wissensweitergabe an das Volk,
Zusammenarbeit der kubanischen Universitäten mit Universitäten anderer Länder

Die internationalen Aktivitäten der UCLV waren im Zeitraum
von 1950-1960 nur auf die USA fixiert. Die gesamte Ausbildung war auf das amerikanische Bildungssystem fixiert,
von 1970-1980 erfolgte die Orientierung fast ausschließlich an den sozialistischen Ländern. Typisch für diese Zeit war die Qualifikation mit Promotion im Ausland.

Nachdem die ersten Doktoranden aus Santa Clara bereits in den Jahren nach 1970 zur weiteren Qualifizierung an die damalige Technische Hochschule nach Magdeburg kamen, nahmen die ersten Wissenschaftler der UCLV 1980 an der 5. Tagung "Fertigung und Qualitätssicherung im Zahnradgetriebebau" in Magdeburg teil. Unmittelbar danach wurde am 07.03.1981 der erste Universitätsvertrag über die weitere wissenschaftlich-technische Zusammenarbeit zwischen beiden Universitäten unterzeichnet.

In den Folgejahren entwickelte sich ein sehr reger Austausch von Hochschullehrern und Wissenschaftlern zu Studien- und Lehraufenthalten von einem Monat bis zu mehreren Jahren an beiden Universitäten, überwiegend in den Bereichen des Maschinenbaus, einschließlich der Verfahrenstechnik, den Wirtschaftswissenschaften und der Elektrotechnik. Die Zusammenarbeit bestand einerseits in einer unmittelbaren Vororthilfe als auch in der Ausbildung Studierender verschiedener Fakultäten an der Magdeburger Universität. Zahlreiche Doktoranden der UCLV promovierten in der Folgezeit in Magdeburg und viele von ihnen sind heute als Hochschullehrer in leitenden Funktionen in der kubanischen Industrie und in kubanischen Ministerien tätig.

Ab 1990 stagnierten die internationalen Aktivitäten, da die hierfür notwendigen Finanzquellen durch den Zusammenbruch des RGW versiegt waren. Darüber hinaus kehrte eine Vielzahl von im Ausland qualifizierten Studenten nicht nach Kuba zurück. Die weltpolitischen und gesellschaftlichen Veränderungen ließen die Zusammenarbeit zwischen beiden Universitäten so bis auf wenige persönliche Kontakte bis zum Jahr 1996 ruhen. Seit 1997 wurden die traditionellen Zusammenarbeiten zu den Universitäten in Magdeburg und Rostock mit Unterstützung des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) wieder reaktiviert. Die Weiterführung der Zusammenarbeit mit unserer Universität wurde am 27. November 1997 durch die Rektoren beider Universitäten vertraglich besiegelt.

Durch Nutzung eines DAAD-Programms zur fachbezogenen Zusammenarbeit mit Hochschulen in Entwicklungsländern konnte seit 1997 zunächst vor allem die wissenschaftlich-technische Zusammenarbeit mit unserer Universität auf dem Gebiet des Qualitätswesens und der Fertigungsmesstechnik reaktiviert werden.

Die nunmehr wieder erstarkende Zusammenarbeit und die wechselseitigen Lehr- und Forschungsaufenthalte von Wissenschaftlern an beiden Universitäten führten in der Folgezeit zu einer Wiederaufnahme der Kontakte zur Fakultät für Elektrotechnik und Informationstechink und zur Logistik unter Einbeziehung des Magdeburger Fraunhofer-Institut für Fabrikbetrieb und -automatisierung und seit kurzem auch zur Fakultät für Verfahrens- und Systemtechnik.

Die UCLV ist heute die drittgrößte Universität in Kuba mit den Fakultäten für Geisteswissenschaften, Maschinenbau, Recht, Wirtschaftswissenschaften, Elektroingenieurwesen, Agrarwissenschaften, Sozialwissenschaften, Chemie-Pharmazie, Mathematik-Physik-Informatik, Bauwesen, Psychologie und Fernstudium. Gegenwärtig studieren an der UCLV ca. 6500 Studenten, davon ca. 1000 aus lateinamerikanischen Nachbarländern, sowie aus China, Kanada und Europa. Die Ausbildung erfolgt in Diplom- und Masterstudiengängen.

Inzwischen kann die gesamte UCLV auf Kontakte zu Universitäten in 20 Ländern verweisen. In den letzten 5 Jahren wurden internationale wissenschaftliche Projekte mit einem Wertumfang von 1 Million US$ bearbeitet.

Ein kubanischer Student absolvierte im Studienjahr 1999/2000 mit Erfolg einen englischsprachigen Masterkurs in Magdeburg. Seit 2001 qualifiziert sich wiederum ein junger Wissenschaftler und Hochschullehrer an der Magdeburger Universität im Rahmen einer Sandwichaspirantur, wobei die von ihm bearbeitete Forschungsproblematik in enger Zusammenarbeit von jeweils einem Hochschullehrer beider Universitäten betreut wird.

In zunehmendem Maße engagieren sich auch wieder junge Wissenschaftler für die viel Geduld und persönliches Engagement erfordernde Fortführung der Zusammenarbeit. So absolviert beispielsweise gegenwärtig der 3. Magdeburger Student ein sechsmonatiges studienbegleitendes Auslandspraktikum an der Universität in Santa Clara. Das ist eine besonders zu würdigende tägliche Herausforderung mit vielen persönlichen Entbehrungen vom gewohnten Komfort einer Industriegesellschaft und damit eine besonders tiefgreifende, manchmal schon abenteuerliche Lebenserfahrung.

Eine neue Qualität erreichte die Zusammenarbeit beider Universitäten im Jahr 2000. Erstmalig wurde eine gemeinsame internationale Maschinenbaukonferenz, COMEC 2000, in Santa Clara ausgerichtet. Auch Vertreter europäischer Industrieunternehmen nutzten diese Möglichkeit als mögliche Investition in die Zukunft. Die erwartungsgemäß große Beteiligung von Wissenschaftlern und Praktikern zahlreicher anderer lateinamerikanischer Staaten erhöhte nicht nur den Bekanntheitsgrad unserer Universität, sondern führte spontan zu neuen Kontakten der Zusammenarbeit mit weiteren Instituten der Fakultät für Maschinenbau. Nur wenige Wochen später erfolgte die Unterzeichnung einer Institutsvereinbarung zur Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Schweißtechnik.

Sowohl die Teilnahme des Rektors der Universität Magdeburg an der Hochschulrektorenkonferenz der kubanischen Hochschulen und Universitäten 2001 in Havanna als auch der Besuch des Rektors der UCLV im Frühjahr 2002 in Magdeburg waren weitere Meilensteine zur vorgesehenen Erweiterung der Zusammenarbeit auf den Gebieten der Fördertechnik, Mechatronik aber auch der Umwelt- und Energietechnik sowie Informatik.

Der anerkannte Erfolg der COMEC 2000 führte dazu, im November 2002 die II. gemeinsame Maschinenbaukonferenz COMEC 2002 durchzuführen. Neben 10 Referenten aus den Bereichen Hochschule und Industrie Deutschlands wurde die COMEC 2002 erstmalig durch die Vorstellung und Diskussion wissenschaftlicher Grundlagen- und Applikationslösungen von weiteren Referenten aus Italien, Portugal, den USA und Japan unterstützt.

Perspektivisch wird die Magdeburger Otto-von-Guericke-Universität nicht nur jungen kubanischen Wissenschaftlern verschiedener Wissenschaftsdisziplinen Möglichkeiten zur weiteren persönlichen Qualifizierung bieten, sondern auch erfahrenen kubanischen Hochschullehrern, die einst in Magdeburg promoviert haben. Sie werden die Otto-von-Guericke-Universität wiederum als zeitweilige Stätte für ihre weitere Qualifizierung sowie für Forschungs- und Lehrtätigkeiten besuchen. Ihr Wirken wird damit unmittelbar zur internationalen Bereicherung der Lehre und Forschung an unserer Universität beitragen.
Prof. Dr. Lutz Wisweh