"Theater an der Angel"

Erfolge an außergewöhnlichen Spielorten

Wie angelt man sich Zuschauer? Im Falle eines kaum subventionierten privaten Theaters ist die Beantwortung dieser Frage geradezu "überlebenswichtig". Vor zehn Jahren hatten Ines Lacroix und Matthias Engel die Idee zu einem "Theaterjob" der etwas anderen Art. Aus ihrer Puppenspieler-Passion, sich durch Straßen- und Improvisationstheater die Zuschauer zu "angeln", entstand die Idee, zu einem eigenen "Theater an der Angel". Seit 1992 wurde dieses "Familienunternehmen" mit Unterstützung von Freunden und dem schauspielerischen “Urgestein" Peter Wittig zum Markenzeichen für ein sinnenfrohes, komödiantisches, oft aber auch nachdenklich stimmendes Theater. Und das meist an ungewöhnlichen Orten: Johanniskirche (Nussknacker/Schneekönigin), Feuerwache, auf Dachböden (Das Ende vom Anfang), in Kneipen oder im Puppentheater (Bär/Der Heiratsantrag). Genußvolles Theater, das sich auch mit Texten von Schwitters ab und an in Magdeburger Straßenbahnen als "TramArt" abspielt. Theater - hautnah erlebt.

Bis heute sind es mehr als ein Dutzend Inszenierungen, in denen neben Ines Lacroix und Matthias Engel auch andere Mimen spielten. Das "Theater an der Angel" hat sich längst als Teil der Kunst- und Kulturszene Magdeburgs etabliert. Seit Juli 2001 erst recht. Denn mit der Premiere des Gruselstückes Das Gespenst von Canterville begann für das Theater ein neues künstlerisches "Zeitalter".

Eigentlich begann es ja bereits ein Jahr früher, als die beiden vom Theaterspielen Besessenen die alte, fast verfallene Bachmannsche Villa in der Zollstraße 19 auf dem Werder, unmittelbar an der Elbe, für sich entdeckten. Mit Hilfe vieler Freunde entstand aus dem maroden Bau in anstrengenden Eigenleistungen als Maurer, Maler, Gärtner und Entrümpler ein Domizil für das Theater, das zum Publikumsmagnet wurde.

Charme des Vergangenen

Die Villa hat trotz "Renovierung" immer noch den Charme des Vergangenen, erinnert an die dort einst durchgeführten "Literarischen Salons" um den Dichter Klopstock, hat auch etwas Geheimnisvolles. Und gerade dies ist es, was an den Sommertheaterabenden die einzigartige Atmosphäre eines Erlebnistheaters unmittelbar vermittelt. Selbst der Garten mit den Platanen und seltenen Ginko-Bäumen spielt im Kerzenschein mit. Was schon bei den 130 Vorstellungen des Gespenst von Canterville funktionierte, wurde bei den Begegnungen mit den Figuren aus berühmten Stücken Anton Tschechows in der Theatercollage Pension Kirschblüte zum theatralischen Ereignis: Salon, Küche, Diele, Wintergarten - die gesamte Villa in ihrer liebevollen "Ausschmückung" ganz im Stil des alten Russlands, in der sich die Tschechow-Figuren bewegen, spielt mit. Und das eigens eingerichtete "Arbeitszimmer" des russischen Literaten erinnert wirklich an das "Original" im Dichterlandhaus von Taganrog.

Theaterabende in diesem Ambiente haben auch deshalb etwas Besonderes, weil bei aller Unterhaltung, bei allem Komödiantischen auch (und auf besonders illustre Art und Weise) Literatur und Kunst geboten werden, die auf Herz und Verstand (und oft auch auf die Lachmuskeln der Zuschauer) gleichermaßen abzielen.

Künstlerische Teamarbeit

"Theater an der Angel" steht aber auch für künstlerische Teamarbeit. Gemeinsam wurde nicht nur das Konzept für Pension Kirschblüte, dem Theaterhighlight dieses Magdeburger Kultursommers, erarbeitet. Gemeinsam entwickelten die Künstler aus mehr als zehn Tschechow-Stücke "ihre" Figuren, die nicht nur im Text, die so wunderbar einmalige Melancholie russischer Dichtung vermitteln. Und beim Blick aus dem Fenster wird dabei aus der Elbe unvermittelt die Wolga, denkt man im Garten an den Kirschgarten, erlebt man die Tristesse der alternden Schauspielerin Arkadina (Die Möve) in ihrem monologisierenden Nachdenken über die Vergänglichkeit des Ruhms - in der Darstellung von "Hausherrin" Ines Lacroix ein theatralischer Leckerbissen dieses Abends, wie auch das herzhafte Rezept für Kirschlikör, den Therese Thomascke als Mascha mit launigem Tschechow-Witz in der Küche serviert, und selbigen Likör die Zuschauer auf ihrer "Reise" von Ort zu Ort in der Villa am grobgezimmerten Küchentisch genießen können. So "angelt" man sich die Zuschauer.
Dr. Herbert Henning