Gordon-Konferenz unter Magdeburger Leitung führte Wissenschaftler aus 23 Ländern nach Oxford

Dynamisches Verhalten in komplexen Systemen

Gordon-Konferenzen bieten ein internationales Forum zur Darstellung und Diskussion der neuesten Forschung in den biologischen, chemischen und physikalischen Wissenschaftszweigen sowie den angrenzenden Gebieten. Seit ihrer Einrichtung im Jahre 1931 ist ihre Bedeutung weltweit gewachsen, weil sich das Konzept als äußerst erfolgreich erwiesen hat, die "Frontiers of Science" mit gezielt ausgewählten Expertenbeiträgen bei sehr großzügig angesetzter Zeit für informelle Diskussionen anzubieten, dabei aber jegliche schriftliche Niederlegung der Inhalte zu untersagen.

In zweijähriger Folge

Unter den mittlerweile 150 Themen, die in solchen Konferenzen pro Jahr in den Neuengland-Staaten, Kalifornien und in einem geringen Umfang in Italien, England und Hong Kong behandelt werden, gehört die Thematik "Oscillations and Dynamic Instabilities in Chemical Systems" zu einer Konferenzserie, die sei 1982 anfangs alle drei Jahre nun in zweijähriger Folge alternierend in den USA und Europa fortgesetzt wird. In diesem Juli fanden sich 135 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus 23 Ländern in Oxford, im Queen's College, ein. Als Organisator war auf der vorherigen Konferenz Prof. Stefan C. Müller vom Institut für Experimentelle Physik gewählt worden und als solcher für den Ablauf und das Programm der diesjährigen Konferenz verantwortlich. Bei der Zusammensetzung des Programms aus längeren Vorträgen namhafter Wissenschaftler und Nachmittagen, die ausschließlich für Posterpräsentationen verwendet wurden, entstand eine sehr befruchtende Mischung aus erfahrenen Experten und jungen Forschern.

Die relative Nähe Magdeburgs zu Oxford hat Prof. Müller auch genutzt, einer Reihe von Mitgliedern der hiesigen Abteilung Biophysik die Präsentation ihrer Forschungsergebnisse zu ermöglichen. Insgesamt fuhren sechs wissenschaftliche Mitarbeiter, darunter zwei Doktoranden, nach Oxford. Auch Dr. Markus Bär vom Max-Planck-Institut für Physik komplexer Systeme in Dresden, der im vergangenen Semester in Magdeburg im Rahmen einer Vertretungsprofessur über die Strukturbildung in nichtlinearen Systemen gesprochen hat, stellte ein aktuelles Forschungsergebnis (Aggregation von Bakterienkolonien) in einem Hauptvortrag vor. Über die Strukturbildung während der Korrosion an Metalloberflächen sprach Prof. Oliver Steinbock, ein ehemaliger Habilitand des Instituts für Experimentelle Physik, der inzwischen eine Professur an der Florida State University in Tallahassee erhalten hat.

Die Themen der Konferenz, die das dynamische Verhalten physikalischer, chemischer und biologischer Systeme behandelt, bilden einen engen Zusammenhang zu einigen der zentralen Forschungsinteressen in der Magdeburger Wissenschaftslandschaft. Dazu gehört z.B. der universitäre Schwerpunkt "Nichtlinearität und Unordnung in komplexen Systemen", die Untersuchung der Strukturbildung und Selbstorganisation bei Lernvorgängen im Gehirn.

Vielfältige Anwendungen

Ein Höhepunkt der Konferenz war sicherlich der Vortrag von Prof. Gregoire Nicolis von der Université Libre de Bruxelles. Er war an der Entwicklung eines Konzepts der nichtlinearen irreversiblen Thermodynamik beteiligt. Dadurch wurde die Grundlage für die theoretische Beschreibung der verschiedensten Strukturbildungsprozesse gelegt. Zu nennen wären z.B. vielfältigste Anwendungen solcher Konzepte auf biologisch relevante Phänomene. So berichteten Howard Petty (Wayne State University, Detroit) in eindruckvoller Weise von der wellenförmigen Ausbreitung von Metaboliten in weißen Blutkörperchen oder Kees Weijer (University of Dundee) über seine Untersuchungen zur organisierten Bewegung großer Zellverbände "sozialer" Amöben.

Highlights waren auch die Vorträge über die Nutzung periodischer Reaktionen beim Betreiben molekularer Motoren (Anthony J. Ryan, University of Sheffield) oder die Erforschung und Manipulation von Strukturen auf katalytisch wirksamen Platin-Einkristall-Oberflächen (Harm-Hinrich Rotermund, Fritz-Haber-Institut Berlin).

Die gesamte, breitgefächerte Palette des einwöchigen Programms wurde von den Teilnehmern als äußerst positiv bewertet, so dass sie sich schon auf das nächste Ereignis in zwei Jahren in Rhode Island freuen.
Prof. Dr. Stefan Müller, Dr. Niklas Manz