Ein Besuch in Irans Hauptstadt Teheran

Auf dem Weg zum interkulturellen Dialog

Die Anschläge des 11. September haben in islamischen und westlichen Gesellschaften das Bedürfnis nach Selbstverständigung und Austausch auch auf universitärer Ebene verstärkt. So konnte eine interdisziplinäre Gruppe von Potsdamer Hochschullehrerinnen und -lehrern im Rahmen einer Partnerschaft mit iranischen Universitäten nach Teheran reisen. Ich war eingeladen, mich als Ehepartnerin eines Potsdamer Dekans anzuschließen und bereitete - wie jeder Gast - als Magdeburger Fachvertreterin für Didaktik der Ethik Kurzvorträge vor. Die Fachvorträge über internationale Beziehungen in Wirtschaft und Politik, Deutsch als Fremdsprache, Modernisierung von Gesellschaften, Staat und Religion und die weltweite Vernetzung der Erdbebenforschung dienten der Filterung wechselseitiger Erwartungen an einen Austausch und führten mitunter schon zu konkreten Kooperationsinteressen. In den Fakultäten und Instituten der iranischen Universitäten trafen wir immer zahlreiche Fachkollegen und Studenten. Die älteren Hochschullehrer haben häufig noch vor der islamischen Revolution in den USA, in Europa und bevorzugt in Deutschland studiert und sind an einer Wiederbelebung der Zusammenarbeit hochinteressiert; die jungen Leute hoffen auf baldige Studienaufenthalte im Ausland und hegen ganz besondere Erwartungen an Deutschland.

Meine Kurzvorträge fanden in Gesprächskreisen mit Studentinnen und Hochschullehrerinnen der Fakultäten für Erziehungswissenschaft und Psychologie an der Teheraner Universität und der Azzahra-Universität, einer der kleineren Universitäten in der persischen Hauptstadt, statt.

Daß Fragen zum Verhältnis von Staat und Religion besondere Resonanz hervorrufen würden, war vorhersehbar. Schließlich ist das Netzwerk von Staatsmacht und Religion im theokratischen Iran politisch hoch brisant. Im Alltag der Familien und Schulen ist der Islam die Säule der Erziehung, und Erziehung scheint generell ohne Religion undenkbar zu sein. Großes Interesse fanden unsere mitgebrachten Schulbücher für den Ethikunterricht. Die Dozentinnen und Studentinnen registrierten aufmerksam die Thematisierung verschiedener Religionen und das anschauliche Bildmaterial über den Islam und muslimische Lebenswelten.

Gymnasium besucht

Mir selbst wurde die Möglichkeit gegeben, ein Gymnasium zu besuchen. Ich durfte im Unterricht hospitieren und konnte mich in der Pause mit einer Gruppe von Schülerinnen unterhalten. An der Schule werden Farsisch, Englisch, Naturwissenschaften, Mathematik, Islamkunde und Koranlehre mit etwa gleichen Anteilen unterrichtet; Politik, Sport, Kunst und Musik gebe es nicht, bedauerte eine Schülerin, die einige Jahre eine internationale Schule in Berlin besucht hatte. Der Vergleich der schulischen Curricula und der Schulbücher, das stand für uns schon nach wenigen Tagen fest, wird Bestandteil der künftigen Zusammenarbeit sein. Das Vorhaben wurde wenige Tage später im Institut für den interreligiösen Dialog konkretisiert.

Die Gespräche mit den fünf Schülerinnen und etliche spontane Unterhaltungen mit Studentinnen auf dem Universitätscampus gehörten zu meinen nachhaltigsten Eindrücken des Besuches. Sowohl die fünf Gymnasiastinnen wie auch einige Studentinnen sprachen deutsch und hatten ihre Deutschkenntnisse in ihrer Freizeit an einem privaten Spracheninstitut erworben. Frauen sind in den Bildungseinrichtungen allgegenwärtig, als Lernende und als Lehrende. Akademikerinnen haben eigene Institutionen wie die Frauen-Universität Azzahra, sie erobern zunehmend männliche Reservate in der Kultur und brechen die traditionellen Geschlecherverhältnisse auf. Wie an allen öffentlichen Plätzen tragen sie auch in den Bildungseinrichtungen den vorgeschriebenen Umhang, unter jüngeren Frauen wird die "volle Montur" gerne durch einen gerade geschnittenen knielangen Mantel und ein Kopftuch ersetzt.

Wenn ich in den akademischen Gesprächsrunden gelegentlich Fragen nach allgemein verbindlichen Werten der Erziehung aufwarf, dann nannten die Iranerinnen - neben Grundsätzen des Glaubens - wie selbstverständlich die Emanzipation der Frau und die Unversehrtheit des Körpers. In persönlichen Gesprächen äußerten Frauen allerdings auch die Sorge, daß Jugendliche und zumal junge Frauen bei allzu gewagtem Auftreten sich dem gewalttätigen Zugriff der islamistischen Sittenpolizei kaum entziehen können.

Die Frage nach dem Einflußpotential der religiösen Machthaber stellt sich auch für die Institution der Universität. Der akademische Dialog setzt in religiös und weltanschaulich neutralen Staaten die Freiheit von Forschung und Lehre voraus. In der iranischen Theokratie sollen die Wissenschaften dem religiösen Staatszweck dienen, was sich äußerlich in der alle Schriftsätze einleitenden Formel "In The name of God" äußert. Dessen ungeachtet dominieren unter den Hochschullehrerinnen und -lehrern wie unter den Studierenden fachwissenschaftliche Standards und Aspirationen, die ausdrücklich nach Teilhabe an der internationalen wissenschaftlichen Kommunikation und Kooperation verlangen. Deutschland würde beachtliche Chancen vergeben, wenn die sich nun bietenden Möglichkeiten einer Erneuerung der traditionell engen und vielseitigen Wissenschaftsbeziehungen zwischen Deutschland und Persien nicht oder nur zu einem geringen Teil genutzt würden.

Technik von Interesse

Ganz in diesem Sinne hat die Iran-Gruppe Potsdamer Hochschullehrer in der Zwischenzeit die interdisziplinäre Forschungsinitiative "Die Bearbeitung gesellschaftlicher und ökologischer Risiken" geschaffen mit den thematischen Schwerpunkten "Umweltrisiken", "Risikokommunikation in Wirtschaft und Gesellschaft", "Staat und Religion" und "Ethik und Religion in der Erziehung". Zu den beiden letzten Schwerpunkten wird Ende Juni in Zusammenarbeit mit dem DAAD eine deutsch-iranische Konferenz in Potsdam stattfinden, an der Professor Dr. Georg Lohmann und ich, beide Institut für Philosophie, mitwirken werden.

Von großem iranischen Interesse ist der Bereich der Technik. Der Austausch auf diesem Gebiet konnte in der ersten Kontaktphase mit den iranischen Universitäten nicht berücksichtigt werden, sollte jedoch angesichts der zur Zeit vorhandenen Fördermittel des DAAD recht bald in Gang kommen. Interessenten würde ich bei der Kontaktaufnahme gerne behilflich sein.

Dr. Gisela Behrmann