Ethiklehrertage 2002 in Magdeburg

Der perfekte Mensch? - Ethik und Genforschung

Die molekulare Genetik und Gentechnik haben dem Menschen Einblick nicht nur in das Genom der verschiedenen Arten der Lebewesen, sondern erstmalig auch in das eines jeden einzelnen Individuums verschafft. Damit sind weitreichende gendiagnostische Möglichkeiten gegeben und irreversible Eingriffsmöglichkeiten in die Struktur und Weitergabe des Genoms absehbar. Diese Möglichkeiten fordern den Menschen in seinem Verhältnis zu sich selbst heraus, weshalb aktuell über den Status des Embryos heftig gestritten wird.

Die jährlichen Ethiklehrertage greifen aktuelle "Schlüsselprobleme" auf, weshalb sie in diesem Jahr, kurz vor der parlamentarischen Entscheidung über den Import embryonaler Stammzellen, der "Ethik und Genforschung" gewidmet wurden. Lehrerinnen und Lehrer sollten Gelegenheiten erhalten, die unübersichtliche Meinungsvielfalt zu sondieren und für den Unterricht kontrovers aufzubereiten. Die beiden Fortbildungstage Anfang des Jahres richteten das Institut für Philosophie, die Landeszentrale für politische Bildung und der Fachverband Ethik e.V. im Magdeburger Roncalli-Haus aus. Weit über hundert Lehrerinnen und Lehrer nahmen teil.

Zum Auftakt informierte der Direktor des Magdeburger Instituts für Humangenetik, Prof. Dr. Peter Wieacker, über die Einsatzmöglichkeiten gentechnologischer Methoden (Diagnosesicherung, Überträgerdiagnostik, prädiktive Gendiagnostik), die er jeweils als Entscheidungssituation des Patienten präsentierte. Der volljährige Patient hat zu entscheiden, ob genetische Tests angewendet werden und ob und wie er mit seinen genetischen Informationen umgeht. Über diese und andere ethische Prinzipien der Gendiagnostik haben sich die Humangenetiker verständigt; ethisch kontrovers ist hingegen der Umgang mit Embryonen.

Ethische Selbstverständigung

Der Frage nahmen sich die beiden Magdeburger Referenten der praktischen Philosophie an. Dr. Bernd Ladwig griff die Frage nach dem Lebensrecht im Licht des Personenbegriffs auf, diskutierte Relevanzkriterien der Person wie "Einheit der Verantwortung", "Selbstbewußtsein", "Anerkennung" und "Gattungsnormalität" und kam zu der Schlußfolgerung, daß ein Lebensrecht für Embryonen noch keiner starken indirekten Begründung fähig sei. Wenn der Mensch wie in der Embryonenfrage sich selbst ethische und rechtliche Normen setzt, so hängen diese von dem Bild ab, das er sich von sich selbst macht und an dem er sich orientiert. Prof. Dr. Georg Lohmann, der am Institut für Philosophie den Lehrstuhl für praktische Philosophie innehat, erörterte entsprechende ethische Selbstverständigungen am Wert der "Würde" des Menschen. Er unterschied vier ethische Strategien zum Schutz des Frühembryos: "absolute Würde" , "Gattungswürde", "indirekte moralische Pflichten" und eine "ethische Verpflichtung" des Menschen als Gattungswesen, erläuterte die jeweiligen Begründungszusammenhänge und verwies darauf, daß nicht die Philosophie über ethische und religiös-weltanschauliche Abwägungen zu befinden habe, sondern allein das Parlament zu einer Entscheidungsfindung legitimiert sei.

Der vierte Vortrag des Tages führte die Teilnehmer zurück in die Praxis der Reprogenetik: Die Magdeburger Reproduktionsmedizinerin, Dr. Ingrid Nickel, vergegenwärtigte der Teilnehmerschaft Entscheidungssituationen von Eheleuten mit unerfülltem Kinderwunsch, die sie aus den Perspektiven der Beteiligten analysierte und auslotete. Mit feinfühligem Engagement beschrieb sie die Schwierigkeiten und Möglichkeiten, den Kinderwunsch von Eltern mit Zeugungsstörungen zu erfüllen. Die ethische Relevanz der Frage, ob Eltern ein Recht auf ein eigenes Kind hätten, rief in der anschließenden Diskussion im Plenum eine heftige Kontroverse hervor.

Der zweite Teil der Tagung war der fachdidaktischen Transformation grundlegender Fragen der Gentechnologie für den Ethikunterricht gewidmet. Dr. Gisela Behrmann, im Institut für Philosophie zuständig für die Fachdidaktik Ethik, erläuterte in einem einführenden Vortrag die Schwierigkeiten, den moralischen Status von "etwas" zu klären, das kein sinnlich erfahrbares Gegenüber ist, wie jeder geborene Mensch. Auch habe das Marketing des Umgangs mit dem Körper zum Zwecke des selbstoptimierenden Subjekts schon längst den Boden bestellt, auf dem sich die Biopolitik ansiedeln kann. Unter diesen gesellschaftlichen Voraussetzungen gelte es, das ethische Urteilsvermögen der Heranwachsenden zu sensibilisieren und argumentativ zu stärken. Drei unterrichtliche Strategien wurden für die Teilnehmerschaft vorbereitet und mit ihnen in Gruppen durchgearbeitet.

Für die Sekundarstufe entwickelte die Gymnasiallehrerin Petra Roitsch aus Mieste das Gedankenexperiment "Der ’perfekte' Mensch". Wahrscheinlich bliebe jedoch auch nach einer genetischen Verbesserung der Gesellschaft alles beim Alten. Für die Sekundar- und Oberstufe ist vor allem die Komplexität der Gentechnologie auf exemplarische ethische Fragen zu reduzieren. Dazu hat Dr. Gisela Behrmann Grundgedanken von Jürgen Habermas zur liberalen Eugenik in Entscheidungssituationen junger Menschen übertragen. In der gymnasialen Kursstufe wird im Ethikunterricht ein systematisierendes Arbeiten am Text bevorzugt. Dr. Dieter Schönecker vom Institut für Philosophie der Martin-Luther-Universität Halle/Wittenberg untersuchte dazu den Zeitungsartikel "Rechte für Embryonen?" von Reinhard Merkel (Die Zeit 05/2001). Schönecker ließ die Teilnehmer insbesondere die Pro und Contra der "klassischen" Argumente interpolieren: des Spezies-, Kontinuums-, Identitäts- und Potentialitätsarguments.

Offensichtlich gelang es an den beiden Tagen, den schwierigen Themenkreis für die Lehrerschaft exemplarisch zu erschließen, und auch den nachhaltigen Wunsch nach brauchbaren unterrichtspraktischen Anregungen zu befriedigen. Das erwarten die Lehrer und Lehrerinnen, die am Institut für Philosophie berufsbegleitend studiert haben. Sie waren wieder einmal in großer Zahl erschienen. Wie gut, daß sie im Roncalli-Haus das nötige Ambiente fanden und die Landeszentrale für politische Bildung - dank der tatkräftigen Mitwirkung von Dr. Ingrid Kotte - diese Tage dort ermöglichte.
Dr. Gisela Behrmann