Freie Kammerspiele

Theater in Aufbruchstimmung

Die Kammer ist bunter geworden. Das ist wohl das Augenscheinlichste, was an den Freien Kammerspielen neu ist. Doch es gibt noch viel mehr Neues im alten Haus an der Otto-von-Guericke-Straße.

Neu ist der Intendant Tobias Wellemeyer. Er übernahm das von Wolf Bunge und seinen Freunden gegründete städtische Schauspiel, das im vergangenen Jahr sein zehnjähriges Bestehen feierte, und damit kein leichtes Erbe. Trotz der anstehenden Sanierung und der damit verbundenen zeitweiligen Schließung des Hauses, die ihre Schatten vorauswirft, freut sich der neue Intendant erst einmal über das Ja der Stadt zu einem zweiten Schauspielensemble in Magdeburg und auf die gerade begonnene Spielzeit unter dem Motto "unsterblich".

Neu ist auch das Logo, ist die Farbe im Spielzeitheft mit den aufregenden Photos von Hans-Ludwig Böhme, in den Programmheften und dem Internetauftritt (www.freiekammerspiele.de/).

Neue Gesichter hat, neben einigen Kammerurgesteinen und altbekannten Namen wie Mirko Zschocke, Joachim Schlüter, Ulrike Haase oder Astrid Weigel, auch die 19-köpfige Schauspieltruppe. Aus gut 800 Bewerbungen wurde ein sehr junges und engagiertes Ensemble zusammengestellt. Vorgenommen haben sich die Schauspieler und jungen Regisseure in der kommenden Spielzeit 18 Premieren auf die Bühnen zu bringen, darunter zwei Uraufführungen, eine deutsche Erstaufführung und eine deutschsprachige Ring-Erstaufführung. Dazu haben die Dramaturgen, auch schon in Vorbereitung der nächsten Spielzeit, fast 400 Stücke gelesen, um die spannendsten neuen Tendenzen zu entdecken. Ausgewählt haben sie zu zwei Dritteln Stücke aus der zeitgenössischen internationalen Dramatik - Jon Fosse, Gesine Dankwart, Yasmina Reza, Igor Bauersima, Neil LaBute.

Eine neue Generation von Autoren habe sich ans Theater zurückgemeldet, in einer Situation rasanter Globalisierung die alten Fragen nach Identität, Heimat und Zukunft neu zu stellen, begründet Tobias Wellemeyer die Entscheidung für das junge Theater. Aber auch Lewis Carroll, Gotthold Ephraim Lessing, Georg Büchner und William Shakespeare werden im Programm vertreten sein. "Mit den inszenierten Stücken sprechen wir vor allem die junge Generation an, die in der Mitte des Lebens steht und Ja sagt zu sich und dieser Stadt", unterstreicht der Intendant.

Dennoch sieht Chefdramaturgin Ute Scharfenberg die neuen Kammerspiele auch als Begegnungsstätte der Generationen. Möglich ist dies beispielsweise im NachtCafé. Ein- bis zweimal im Monat bietet es im Foyer ein ständig wechselndes Programm: Autorenlesungen und -gespräche, Schauspielerabende, Liederprogramme, aktuelle Podien DJs, Bands und eine Menge Überraschungen. "Wer es verpasst, hat wirklich was verpasst. Eine Wiederholung gibt es nicht", meint Ute Scharfenberg.

Alte Bekannte in neuen Gewändern sind der TagoSalon, Kammer im Kino, Jazz in der Kammer, der Theaterjugendclub und das Sommer-Open-Air. Letzteres führt nicht mehr auf die Spuren Magdeburgs, sondern im kommenden Sommer in die exotische Märchenwelt des fernen Ostens zu Prinzessin Turandot.

Neu sind auch die Anrechtsangebote, Premieren-, Freitags- oder Samstagsabos und, sehr interessant für Studierende, das Wahlabo "5 für 4" - für 40 DM ermäßigt fünf Stücke sehen, aber nur für vier bezahlen. Noch den gesamten November gibt es eine Begrüßungsticket-Aktion für Studierende: 5 DM für die Karte des ersten Besuchs. Dies gilt für jede Vorstellung mit Ausnahme der Premieren und Gastspiele. Im Weiteren kosten dann die Karten wie bislang 10 DM.

Die Feuerprobe für das neue Kammerensemble ist bestanden: Anfang Oktober stellte es sich den Magdeburgern und Magdeburgerinnen mit einem Premierenwochenende vor. Mit acht Neuinszenierungen wurden das Stamm-Publikum nach der Sommerpause wieder begrüßt und neue Theater-Fans eingeladen, sich auf die Bühnenabenteuer einzulassen. Es lohnt sich, Neues zu entdecken.
Ines Perl