Computergraphiker lassen Gebäude der einstigen Palastanlage Ottos des Großen im Computer wiedererstehen

Virtueller Rundgang durch Kaiserpfalz

Als die Computergraphiker vom Institut für Simulation und Graphik vor über drei Jahren das Projekt "Virtuelle Rekonstruktion der Kaiserpfalz zu Magdeburg" begannen, war ihr Anliegen ziemlich klar: Der Palast der Kaiserpfalz soll anlässlich der Landesausstellung "Otto der Große - Magdeburg und Europa" im Kulturhistorischen Museum Magdeburg wiedererstehen. Ihrer Visualisierung legten sie damals archäologische Grabungsergebnisse aus den 60er Jahren zugrunde. In engem Zusammenwirken von Archäologen und Computergraphikern entstand zunächst, so nahmen sie an, ein Modell der mittelalterlichen "aula regia", des Kaiserpalastes wie er vermutlich vor über 1000 Jahren auf dem heutigen Domplatz in Magdeburg stand. Jedoch brachte eine neuerliche wissenschaftliche Bearbeitung der damals angelegten Dokumentation Ende 1998 ganz neue Sichtweisen und die Erkenntnis, dass es sich bei den ausgegrabenen Fundamenten vermutlich um die einer später gebauten Kirche handelt. Das Finden eines gemeinsamen Nenners für ihre Darstellung war nicht immer einfach: Was die Computergraphik abbildete, entsprach oft nicht den Erkenntnissen der Archäologie und was die Archäologen gern vereinfacht dargestellt hätten, wurde für die Computergraphiker zu einer Herausforderung. Die Archäologen fanden in den Magdeburger Informatikern jedoch kompetente Partner, die bereits seit 1992 an nicht-photorealistischen und vereinfachenden Computergraphiken arbeiten.

Über viele Jahre hinweg konzentrierte sich die Bilderzeugung mit dem Computer vorwiegend auf die photorealistische Abbildung. Auf vereinfachte und schematische Bilddarstellung wurde wenig orientiert. Vereinfacht aber sollte die Darstellung aus archäologischer Sicht sein, denn je weiter sich die Rekonstruktion vom Boden, und damit dem ausgegrabenen Grundriss der Pfalzanlage, entfernt, desto spekulativer ist sie. "Da weder schriftliche noch bildliche Beschreibungen der Anlage überliefert sind, werden wir ihr Erscheinungsbild nie mit vollständiger Sicherheit rekonstruieren können," erläutert Maic Masuch, der das Projekt von Anfang an begleitete und von der TU Braunschweig nach Magdeburg wechselte, um auf dem Gebiet der Computergraphik zu promovieren. Später stieß Bert Freudenberg dazu, und Studierende sind über Semesteraufgaben, Praktika und Diplomarbeiten an der Ausgestaltung und der Präsentation des Projektes beteiligt.

Angefangen hatte alles in der Vorlesung Computeranimation. Studierende erarbeiteten eine Animation der Pfalzanlage mit typischen Grubenhäusern aus der karolingisch/ottonischen Zeit sowie möglichen Außen- und Innenansichten des Hauptgebäudes der Kaiserpfalz. Der Herausforderung, aus dieser Animation eine dreidimensionale interaktive Visualisierung entstehen zu lassen, in der die Betrachtenden selbst bestimmen, was sie sich gern ansehen möchten, stellten sich die Magdeburger Computergraphiker mit Feuereifer. Das Projekt wird seit 1998 von der Landes-Initiative "Multimedia@LSA" gefördert.

Noch ist nicht abschließend geklärt, wie die Visualisierung den Museumsbesuchern vom 26. August bis 2. Dezember 2001 präsentiert wird. Die neueste Technik, seit Beginn des Jahres in der Erprobung, gleicht einem überdimensionalen Parabolspiegel, der quasi als Bildschirm dient, die Software verbindet Illustrationstechniken mit Techniken aus dem Bereich der 3D-Computerspiele. Mit deren Hilfe wird die virtuelle Rekonstruktion auf didaktisch anspruchsvolle Weise den Besuchern interessant und attraktiv Wissen aus der Geschichte der Stadt vermitteln, die Kaiser Otto I. zu seinem bevorzugten Aufenthaltsort gewählt hatte. Auf jeden Fall aber wird ihnen die 3D-Echtzeitsimulation einen selbstbestimmten virtuellen Rundgang durch ein Gebäude auf dem Areal der einstigen Kaiserpfalz zu Magdeburg ermöglichen.

Ines Perl