Virtuelle Endoskopie versus Bronchoskopie

Expedition ins Innere des Körpers

Mit Hilfe der virtuellen Endoskopie an Hand computergraphisch gewonnener Datensätze ist es gelungen, bereits eine Reihe luft- oder flüssigkeitsgefüllter Hohlräume des menschlichen Körpers von innen darzustellen. So wurden mit diesen Methoden zunächst das Tracheobronchialsystem und danach auch das Ventrikelsystem des Gehirns, das Mittel- und das Innenohr, der Darm sowie Blutgefäße, das Gallenwegssystem und die Harnblase von verschiedenen Arbeitsgruppen untersucht.

Auf Grund der erforderlichen Parameter zur Darstellung eines Organsystems mit der virtuellen Endoskopie wird der Patient bislang noch einer nicht unerheblichen Strahlenexposition unterzogen. Neuere Entwicklungen auf dem Gebiet der virtuellen Endoskopie, die den Einsatz reduzierter Strahlenexposition zur Darstellung eines Organs nutzen oder bei Verwendung der Kernspintomographie gar auf den Einsatz von Röntgenstrahlen verzichten, lassen neue Anwendungsgebiete z.B. auch bei Kindern erwarten. Bei den beiden letzt genannten Modalitäten muß jedoch eine Verschlechterung der Qualität, z.B. durch ein reduziertes Signal-Rausch-Verhältnis, in Kauf genommen werden.

Vielzahl von Schnittbildern

Die bisher durchgeführten Studien zur Darstellung des Tracheobronchialsystems zeigen, daß die virtuellen Bilder denen der Bronchoskopie in Bezug auf Tumorgröße und Lokalisation vergleichbar sind. Der Ablauf der virtuellen Methode erfolgt für den Patienten wie eine normale Computertomographie, bei der der Patient in Rücken- oder Bauchlage in Atemstillstand untersucht wird. Durch die Wahl geringer Schichtdicken, den geringen Tischvorschub und durch eine überlappende Rekonstruktion der Bilder werden bei dieser Untersuchung im Vergleich zur herkömmlichen Computertomographie deutlich mehr axiale Schnittbilder erzeugt, die bei Einzelbetrachtung den zeitlichen Rahmen einer Untersuchung sprengen würde.

Die Vielzahl der axialen Schnittbilder wird auf eine Computerworkstation übertragen, um aus diesen multiplen Einzelbildern ein dreidimensionales Bild zu rekonstruieren, das mit einer speziellen Software den Einblick in ein Hohlsystem und das Navigieren in diesem ermöglicht. Um die Orientierung innerhalb des Organsystems nicht zu verlieren, stehen dem Untersucher während des Navigierens auf dem Monitor der Workstation die axialen Schnittbilder und sekundär rekonstruierte Bilder in coronarer und sagittaler Ebene zur Verfügung. Mittels einer Computermaus oder eines Joysticks kann der Untersucher wie mit einem Endoskop in das Innere eines Organsystems vordringen und die verschiedenen Abschnitte auf Veränderungen wie Tumoren mit konsekutiver Stenose untersuchen (Abbildung). Dabei muß berücksichtigt werden, daß Oberflächenveränderungen, wie z.B. bei Entzündungen, mit der virtuellen Endoskopie nicht darstellbar sind. Auch die Detektion von Tumoren, die kleiner als fünf Millimeter sind oder flächig im Niveau der Oberfläche wachsen, ist mit dieser Methode nicht möglich.

Keine Gewebeentnahme

Trotz zunehmender Akzeptanz der virtuellen Endoskopie muß berücksichtigt werden, daß bei dieser Methode keine Entnahme von Gewebeproben möglich ist. Ein Vorteil der virtuellen Endoskopie ist jedoch darin zu sehen, daß sie die Passierbarkeit bei endoskopisch nicht überwindbaren Stenosen mit Beurteilung des distal der Stenose gelegenen Bronchialsystems ermöglicht.

Stellt die virtuelle Endoskopie eine Alternative zur Bronchoskopie dar? In der Primärdiagnostik ist die virtuelle Endoskopie nicht als Alternative zur Bronchoskopie einsetzbar. Sie kann jedoch zur Lokalisationsdiagnostik als Vorbereitung für eine Probeentnahme sinnvoll sein. Darüber hinaus erlauben die im Rahmen der Computertomographie akquirierten Schnittbilder die Beurteilung einer eventuellen Metastasierung der mit dargestellten Organe. Nach der Therapie eines Patienten ist die virtuelle Endoskopie unserer Meinung zufolge sinnvoll einsetzbar, um z.B. Rezidivtumoren aufzuzeigen oder nach Anlage eines Stents bei Stenosen im Bronchialbaum, die Lage des Stents zu eruieren. Hier könnte dem Patienten eine zusätzliche Bronchoskopie erspart werden.

Dr. Ulrike Rapp-Bernhardt