Neurobiologe Prof. Dr. Wolf Singer hielt XI. Otto-von-Guericke-Vorlesung

Vor einer neuen wissenschaftlichen Revolution?

Die Fortschritte der Neuro- und Kognitionswissenschaften in den letzten Jahren sind gleich in zweierlei Hinsicht bemerkenswert: Zum einen aufgrund der bloßen Menge neuer Erkenntnisse. Es spricht einiges dafür, daß wir durch verbesserte Untersuchungsverfahren in den letzten zehn oder fünfzehn Jahren mehr über das Gehirn erfahren haben als in der gesamten Menschheitsgeschichte zuvor. Bemerkenswert sind diese Fortschritte allerdings auch deshalb, weil sie jeden einzelnen ganz persönlich angehen: Gegenstand der neurowissenschaftlichen Forschung ist schließlich dasjenige Organ, das unseren Kontakt zur Welt überhaupt erst herstellt. Insofern ist es kein Wunder, daß die Erfolge der Hirnforschung weitreichende Konsequenzen für unser Selbst- und Weltverständnis haben.

Diese Konsequenzen, aber auch die ihnen zugrundeliegenden Erkenntnisse stellten das zentrale Thema der XI. Otto-von-Guericke-Vorlesung dar. Gehalten wurde sie von Wolf Singer, Direktor am Frankfurter Max-Planck-Institut für Hirnforschung, Anfang November 2001 vor einem bis auf den letzten Platz gefüllten Hörsaal und in Anwesenheit von Kultusminister Dr. Gerd Harms. Singer vertrat die Ansicht, daß uns eine wissenschaftliche Revolution bevorstehe, die die Kopernikanische Wende, aber auch die durch Darwin ausgelösten Veränderungen in den Schatten stellen werde. Er demonstrierte dies zunächst anhand einer ebenso weitverbreiteten wie problematischen Vorstellung. Bekanntlich überfordert die Komplexität der Verarbeitungsprozesse in unserem Gehirn unser Vorstellungsvermögen bei weitem. Die philosophische Tradition hatte sich auf eine Art "inneres Auge" berufen, um zu erklären, wie aus diesen hochkomplexen Prozessen einheitliche Wahrnehmungsbilder entstehen. Eine Scheinerklärung. Ein solches inneres Auge existiert de facto nicht. In Wirklichkeit gibt es nur eine Vielzahl komplexer neuronaler Aktivitäten, die die unterschiedlichen Aspekte z.B. einer visuellen Szene dezentral verarbeiten, ohne daß die Ergebnisse noch einmal an einer zentralen Stelle zusammenliefen oder koordiniert würden. Doch wie kommt dann die Einheitlichkeit unserer Wahrnehmungsbilder zustande? Die Ergebnisse der international anerkannten Untersuchungen, die die Arbeitsgruppe um Singer in den letzten Jahren vor allem zur Funktion der visuellen Wahrnehmung durchgeführt hat, sprechen eine eindeutige Sprache: Entscheidend ist offenbar die Synchronisation der neuronalen Aktivität - Neurone, die die Merkmale desselben Objektes repräsentieren, feuern im gleichen Takt; Neurone, die unterschiedliche Objekte repräsentieren, feuern in einem unterschiedlichen Rhythmus. Zweifellos sind damit wichtige Mechanismen erklärt, wie sie etwa der Unterscheidung zwischen einer Figur und ihrem Hintergrund zugrunde liegen, jedoch bleibt noch offen, wie hieraus die subjektive Wahrnehmungserfahrung entsteht. Singer gab zu, daß zentrale Fragen, die die Beziehung zwischen der subjektiven Perspektive der ersten Person und objektiven wissenschaftlichen Erkenntnissen über neuronale Prozesse betreffen, nach wie vor offen sind. Hier sei auch die Philosophie gefordert.

Die Vorstellung vom inneren Auge ist keineswegs der einzige Fall, in dem die Hirnforschung uns zwingt, Abschied von überkommenen Vorstellungen zu nehmen. Singer, der eine wichtige Rolle beim Aus- und Aufbau der neurowissenschaftlichen Institute in Magdeburg gespielt hat, verwies darauf, daß es eine Vielzahl von Belegen für systematische Fehler in der Wahrnehmung und in unserer kognitiven Verarbeitung gebe.

Singers wohl gravierendstes Beispiel betraf die Frage nach der Willensfreiheit. In den Augen des Frankfurter Neurobiologen ist die Vorstellung der menschlichen Freiheit ein kulturelles Konstrukt, das den Erkenntnissen der Naturwissenschaften nicht standhalten könne. Würden wir uns an den Resultaten der Grundlagenforschung orientieren und dieses Konstrukt in der Tat aufgeben, dann wären wir allerdings über kurz oder lang zu einer fundamentalen Revision überkommener Vorstellungen von Strafe und Verantwortung gezwungen. Insbesondere das Prinzip von Schuld und Sühne müsse sich dann grundsätzlich ändern. Singer, der sich mehrfach auch auf die Ergebnisse der neurobiologischen Forschung in Magdeburg bezog, wies darauf hin, daß dies mit einem tiefgreifenden Wandel unseres Menschenbildes verbunden sein werde; allerdings könnten wir dadurch auch zu einer angemesseneren Vorstellung von uns selbst finden.

Singer machte deutlich, daß hier eine wichtige Herausforderung auch für die Geisteswissenschaften liege. Die lebhafte und niveauvolle Diskussion nach dem Vortrag zeigte, daß man in Magdeburg bei Geistes- und Naturwissenschaftlern diese Herausforderung annehmen will.
Prof. Dr. Michael Pauen