Im "Privatkurs" die russische Sprache studiert

Eine Reise in den "wilden" Osten

Um unsere Russischkenntnisse zu verbessern, waren wir, zwei Studentinnen an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaft, in die Ukraine aufgebrochen. Tatsächlich machten wir schnell Fortschritte. Im August konnten wir nicht einmal nach dem Weg zum Bahnhof fragen, im Oktober waren wir in der Lage, perfekt auf Russisch zu fluchen.

Die Ukraine hat 50 Millionen Einwohner und wurde 1991 unabhängig. Offizielle Landessprache ist Ukrainisch, aber Russisch wird, besonders im Osten des Landes, noch häufig gesprochen. Unser Zielort war Donezk, eine 1,2 Millionenstadt im östlichen Teil des Landes. An der dortigen TU studierten wir zwei Monate in einem "Privatkurs", d.h. nur wir beide und unsere Lehrerin Larisa Georgievna. Unser "Zuhause" war ein Wohnheim mitten im Zentrum, nicht luxuriös, aber sauber und ordentlich. Dort lernten wir sehr schnell neue Leute kennen, was nicht zuletzt an Stefan lag, der ebenfalls aus Magdeburg kam und schon ca. ein halbes Jahr dort wohnte. Die Tatsache, daß wir uns in den "wilden" Osten getraut hatten, war für unsere neuen ukrainischen Freunde überraschend. Wir sollten diese Entscheidung nie bereuen.

Allein der Umstand, behaupten zu können den Donezker Verkehr überlebt zu haben, war die Reise wert. Ukrainische Autos scheinen nämlich keine Bremsen zu haben, oder zumindest wissen deren Fahrer nichts mit ihnen anzufangen. Nur soviel: Verlaß' dich in Donezk nie auf eine grüne Ampel, es könnte deine Letzte sein. Auch eine Busfahrt bedarf starker Nerven. "Einer geht noch rein" lautet das Motto, bis man sich nicht mehr festhalten braucht.

Alle zwei Tage stand für uns der obligatorische Gang zum Markt an, auf dem es jede erdenkliche Obst- und Gemüsesorte frisch vom Feld gab. Verlockender jedoch waren die vielen süßen Leckereien, denen wir einfach nicht widerstehen konnten. Für sportliche Betätigung sorgte der ab und an ausgefallene Fahrstuhl. Der 8. Stock kann verdammt hoch sein, aber dafür entschädigte uns der Blick aus dem Fenster: viel Grün, ein Fluß und eine im Bau befindliche Kirche. Dieser Blick war es denn auch, der uns verleitete, ein Picknick veranstalten zu wollen. Mit der Decke unterm Arm, die erstaunten Blicke unserer Mitmenschen mißachtend, zogen wir von einem Park zum nächsten. Nach einer Stunde rastloser Suche gaben wir resigniert auf. Picknicken ist in der Ukraine absolut unüblich, zumindest in der Stadt. Der einzige Vorteil dieser Aktion lag darin, daß wir das Gelände erkundet hatten und uns eine Stadtführung ersparten.

Schier zur Verzweiflung brachte uns hingegen die örtliche Bürokratie. Für einfach alles brauchte man einen Stempel, eine Unterschrift oder eine Genehmigung. Die jeweils zuständigen Ämter waren natürlich in der ganzen Stadt verteilt, und unmögliche Öffnungszeiten sind wahrlich keine rein deutsche Erfindung. Es sei nur soviel gesagt, nach fünf Wochen hatten wir unseren Ausweis fürs Wohnheim; wohlgemerkt, wir sind nur acht Wochen geblieben.

Das die Ukrainer gesellig sind, hatten wir schnell erfahren. Kann man singen, Gitarre spielen oder gar Anekdoten erzählen, ist man ein gern gesehener Gast auf jeder Party. Wir konnten nichts von alledem. Dennoch wurden wir mit einer Herzlichkeit aufgenommen, die uns den Abschied denkbar schwer machte. Bevor wir jedoch das Land endgültig verließen, standen noch zwei Tage Kiew auf unserem Programm. Der gelungene Abschluß unserer Reise und einer der Gründe, warum wir dieses Land mit Sicherheit wieder bereisen werden.
Alexandra Jödicke, Doreen Fechtner