Psychologische Untersuchungen zur Förderung begabter Schülerinnen und Schüler

Früh beginnt, wer ein Experte werden möchte

Das Werner-von-Siemens-Gymnasium in Magdeburg bietet als Schule mit mathematisch-naturwissenschaftlich-technischem Profil besonders befähigten und interessierten Schülerinnen und Schülern günstige Lernbedingungen. Bereits 1994, als die Bewerberzahl die Aufnahmekapazität dieser Bildungseinrichtung überstieg, begann eine enge praktische und wissenschaftliche Beziehung zwischen der Schule und dem Institut für Psychologie mit der Etablierung eines Aufnahmeverfahrens. An dessen Entwicklung sind Dr. Inge Jüling als ehemalige Mitarbeiterin des Instituts und jetzige Dezernentin im Schulpsychologischen Dienst und der Autor maßgeblich beteiligt gewesen.

Zahlreiche Ergebnisse

Es ist dem Schulleiter Dr. Gerhard Muth, dem Lehrerkollegium und einer aufgeschlossenen Schülerschaft zu danken, dass seit dieser Zeit psychologische Untersuchungen dazu beitragen konnten, die Entwicklung von mathematisch befähigten Kindern in einer Schulumwelt, die dieses geistige Potenzial besonders fördert, zu verfolgen. So konnten bisher Fragen zur Prognosekraft des Aufnahmeverfahrens und zur kognitiven und Persönlichkeitsentwicklung mathematisch besonders leistungsfähiger Schülerinnen und Schüler beantwortet werden. Es konnte auch gezeigt werden, dass für Mädchen in einer mehr männerdominierten Leistungsumwelt, wenn günstige Fördermöglichkeiten bestehen, keine Leistungsnachteile bestehen. Dass nun die Mathematik und Informatik zum Leistungspotenzial unserer Gesellschaft gehört, das unbedingt weiter entwickelt werden muss, zeigen die jüngsten Diskussionen zu Defiziten im Informatikbereich in Deutschland. Eine frühzeitige Förderung entsprechender Talente kann dabei sehr hilfreich sein. Ebenso notwendig erscheint eine wissenschaftliche Begleitung praktischer Fördermaßnahmen. Deshalb ist es für weiteren Forschungsvorhaben von erheblicher Bedeutung, dass das Projekt "Zur allgemeinen und differentiellen Leistungs- und Persönlichkeitsstruktur von begabten Schülern - Theoretische Probleme, Probleme der Diagnostik, Förderung und Persönlichkeitsentwicklung" in das Förderprogramm des Kultusministeriums des Landes Sachsen-Anhalt aufgenommen wurde.

Der Schulleiter des Gymnasiums informiert über die besondere Situation seiner Bildungseinrichtung: "An unserem Gymnasium werden zur Zeit 506 Schülerinnen und Schüler, darunter 128 Mädchen, in den Klassenstufen 5 bis 12 von 43 Lehrerinnen und Lehrern unterrichtet. Mathematik wird mit fünf, jede Naturwissenschaft mit mindestens zwei Stunden pro Woche erteilt. Werken in den Klassenstufen 5 und 6, Informatik ab Klassenstufe 7 und Technik ab Klassenstufe 8 gehören ebenfalls zu den Pflichtfächern. Unsere Schülerinnen und Schüler haben im Laufe ihrer Schulzeit insgesamt 450 Stunden mehr Unterricht in Mathematik, Naturwissenschaften, Informatik und Technik als die Gymnasiasten an anderen Gymnasien. Viele nationale und internationale Erfolge konnten Schülerinnen und Schüler unseres Gymnasiums erzielen, z.B. vier Bundessiege Informatik, Bronze- und Silbermedaillen bei internationalen Informatikolympiaden, Preise in den verschiedenen Stufen der Mathematik-, Physik-, Biologie- und Chemieolympiaden."

Ein Charakteristikum des Siemens-Gymnasiums ist, dass die Anzahl der Bewerber die administrativ vorgegebene Schülerzahl, die aufgenommen werden kann, bei weitem übersteigt. In diesem Schuljahr meldeten sich allein für die künftigen 5. Klassen 280 Bewerberinnen und Bewerber, darunter 86 Mädchen, für die Eignungsprüfungen an, die im März 2000 stattfanden. Bemerkenswert ist der verhältnismäßig hohe Anteil von Bewerberinnen (30,7%). Mit fast einem Drittel Bewerberinnen ist ein Anteil erreicht, der weit über entsprechenden Vergleichszahlen in Deutschland liegt - der Anteil von weiblichen Interessenten für diese Wissenschaftsbereiche liegt bei drei bis zehn Prozent.

Der Aufnahmetest

Wie in jedem Jahr mussten sich die interessierten Schülerinnen und Schüler einer Aufnahmeprozedur unterziehen, die sowohl die Bereiche allgemeine intellektuelle Fähigkeiten als auch spezifische mathematisch-technische Fähigkeiten erfasst. Verwendet werden standardisierte psychologische Leistungsverfahren, um das allgemeine intellektuelle Niveau zu bestimmen. Für die Erfassung der spezifischen Fähigkeiten steht im deutschsprachigen Raum kein entsprechendes Verfahren zur Verfügung. Deshalb werden mit einer (vorerst unstandardisierten) Klausur die mathematische Problemlösefähigkeit, das technische Verständnis, die räumliche Vorstellungsfähigkeit sowie Rechenfertigkeiten überprüft. Zusammen mit den Zensuren ergibt sich aus diesen drei Datenquellen eine Rangreihe, die die Grundlage für die Selektionsentscheidungen bildet. Von den Bewerberinnen und Bewerbern werden 52 Kinder in zwei 5. Klassen aufgenommen. Eine 7. Klasse beginnt ebenfalls im Herbst am Siemens-Gymnasium ihre gymnasiale Schulausbildung.

Die besondere Förderung des mathematischen und naturwissenschaftlichen Leistungspotenzials der Heranwachsenden am Siemens-Gymnasium machen die Absolventen dieser Einrichtung als zukünftige Studierende für unsere Hochschule interessant. Dies betrifft naturgemäß vor allem den Technik- und Informatikbereich, aber auch Studienrichtungen, bei denen mathematische Fähigkeiten sehr nützlich sein können. Und dazu gehört auch unser Studiengang Psychologie.

Dr. Wolfgang Lehmann