Germanistik-Studies im Deutschen Bundestag

In der politischen Arena

Wir Magister- und Lehramtsstudierende des Hauptseminars "Analyse parlamentarischen Sprechens" und des Proseminars "Politische Sprache in den Medien" verbrachten mit unserer Dozentin Dr. Kornelia Pape auf Einladung von Dr. Uwe Küster (SPD), Mitglied des Bundestages (MdB), zwei interessante Tage in Berlin. Auf den ersten Blick mußten die Bundestagsabgeordneten im Reichstag wohl den Eindruck haben, wir seien ein kunterbunt zusammengewürfelter Haufen "Studies", zumal unter uns fast alle Semester unterschiedlicher mit Germanistik kombinierbarer Fächer wie Politikwissenschaft, Geschichte, Philosophie, Anglistik, Berufs- und Betriebspädagogik, Musik, Slawistik und Soziologie vertreten waren. Spätestens in der Diskussion mit den Bundestagsabgeordneten zeigte sich dann aber: uns Studierende verbindet das Interesse an politischer Kommunikation als Politikersprache und als politische Mediensprache.

Interessiert und ausführlich reagierte Dr. Küster auf einige Ergebnisse unserer Arbeit aus den Seminaren, auf unsere Fragen und Meinungen zur politischen Inszeniertheit, zur parlamentarischen Streitkultur und zur Transparenz politischer Entscheidungen, die sich ja immer auch auf die politische Meinungsbildung auswirken. Unter den Bedingungen der "Medien(häppchen)demokratie" sind sorgfältige und umfassende Äußerungen von Politikern auf aktuelle und linguistisch motivierte Fragen nicht alltäglich zu haben. Auch der Blick auf die politisch Handelnden aus dem Osten im Vergleich zu den Politikprofis bot sich nach 10-jähriger Erfahrung unseres MdB, der inzwischen parlamentarischer Geschäftsführer ist, in dieser Runde an. Dr. Küster stellte sich natürlich auch unseren kritischen Fragen zur Hochschulpolitik.

Wir alle waren sodann gut eingestellt auf die politische "Arena": den Deutschen Bundestag im Reichstag. Wir gelangten bis zur Kuppel des Reichstagsgebäudes und hatten natürlich einen imposanten Ausblick auf Berlin. Die erwünschten Einblicke gewannen wir in den fesselnden "Schaukämpfen" während der hitzigen Bundestagsdebatte zum Zuwanderungsbegrenzungsgesetz. Die Begegnungen im Deutschen Bundestag waren das eigentliche Ziel unserer Bildungsfahrt nach Berlin. Davon werden nun unsere wissenschaftlichen Hausarbeiten profitieren. Darüber hinaus wartete auf uns aber noch ein nahezu im Drei-Stunden-Takt organisiertes, vielseitiges Programm: Ein Besuch im Auswärtigen Amt und Gespräche über das "Tagesgeschäft" der deutschen Mitarbeiter im Ausland und mögliche Gefahren wie sie derzeit tatsächlich auf den Philippinen geschehen, demonstrierten eine Innensicht auf aktuelle Aspekte von Politik.

Rosinenbomber

Der Besuch im Haus der Wannsee-Konferenz hingegen konfrontierte uns mit unheilvoller Geschichte: Die Photographien, Briefe und Dokumente zeigen schonungslos auf, mit welch unfaßbarer Akribie und Besessenheit die Nationalsozialisten die Deportation europäischer Juden vorbereiteten und durchführten. Jeder von uns war durch diese Ausstellung tief berührt. Im Bus herrschte niemals zuvor so betroffenes Schweigen, wie auf der Fahrt zum nächsten Programmpunkt, dem Besuch des Alliierten-Museums. Dort vermittelten uns "Rosinenbomber" und hoffnungsvolle Gesichter der damals eingeschlossenen Berliner einen weiteren Aspekt deutscher Geschichte. Berlin für Germanistikstudierenden - das war nicht nur angewandte, sondern auch erlebte Sprachwissenschaft. Und sie belebt unseren Uni-Alltag weiter, denn das Berliner Nachtleben konnten wir verständlicherweise nicht ungenutzt lassen. Und weil auch das zum Studieren gehört, werden wir nun über Semester- und Seminargrenzen hinweg einen Germanistenstammtisch initiieren. Wer hinzukommen möchte melde sich bei uns im Institut!

Anke Spura