Ein halbes Jahr als Professor an unserer japanischen Partneruniversität (1)

Tägliche besondere Herausforderung

Für sechs Monate arbeitete und lehrte PD Dr. Lutz Wisweh, Institut für Fertigungstechnik und Qualitätssicherung, im vergangenen Jahr an unserer japanischen Partneruniversität in Niigata. Über seine Eindrücke von der Universität und dem Leben und den Traditionen des fernöstlichen Landes berichtet er in dieser und der nächsten Ausgabe des Uni-Reports.

Sushi, Umeshu, Noh-Theater und Nozomi-Shinkansen sind für ca. 20 Hochschulangehörige und über 30 Studenten unserer Universität inzwischen keine fernöstlichen Fremdworte mehr, sondern lebendige Erinnerungen an ihre Arbeit oder ihr Studium an unserer Partneruniversität in Niigata in Japan. In der nunmehr über 13-jährigen Zusammenarbeit sind vielfältige Aktivitäten auf beiden Seiten schon fast zur Selbstverständlichkeit und jährlichen Routine geworden. Zeiten gegenseitiger Antrittsbesuche und der Findung geeigneter wissenschaftlicher Partner sind lange vorbei, denn in Situationen knapper Haushalts- und Finanzmittel steht die Effektivität auf beiden Seiten an erster Stelle.

So sind Kurzzeitaufenthalte von drei bis vier Wochen fast ausschließlich auf die im jährlichen Wechsel stattfindenden Sommerschulen für die Maschinenbaustudenten beider Universitäten beschränkt. Teil- und Zusatzstudien für Studenten höherer Studienjahre und Nachwuchswissenschaftler, Lehr- und Forschungsaufenthalte von Hochschullehrern verschiedener Fakultäten und Fachgebiete setzen inzwischen immer die Bereitschaft voraus, das Heimatland mindestens für ein halbes Jahr zu verlassen, den Sonnenaufgang sieben bis acht Stunden früher zu erleben, aber auch auf gewohnte lange Sommertage zu verzichten.

An der Universität

Niigata, eine typisch japanische Industriestadt zwischen Tradition und High Tech, die auf einst dem Meer abgerungenem Land entstanden ist, hat heute eine direkte Einwohnerzahl von über 500 000. Sie liegt 300 km nordwestlich von

Tokyo auf der größten aller japanischen Inseln - Honshu - direkt am Japanischen Meer und ist mit dem mindestens stündlich verkehrenden Superschnellzug "Shinkansen" mit der Landeshauptstadt verbunden. 15 km südlich des Stadtzentrums, fast direkt am Meer, befindet sich der Hauptteil der Universität, während der medizinische Campus mit seinen zahlreichen Kliniken direkt im Stadtzentrum zu finden ist. Im Mai 1999 konnten die ca. 2 500 Mitarbeiter und über 10 000 Studenten bereits auf das 50-jährige Jubiläum ihrer Universität zurückblicken.

Im April 1999 wurde ich für ein halbes Jahr als Professor an unsere Partneruniversität nach Japan berufen und konnte damit den Staffelstab von Dr. Jochen Mellmann von der Fakultät für Verfahrens- und Systemtechnik übernehmen. Natürlich war es nicht eine "Jungfernreise" nach Japan, aber auch beim inzwischen neunten Flug zwischen Europa und Japan über fast 10 000 km nimmt einem die fast unvorstellbar hektische Betriebsamkeit des sieben Ebenen umfassenden Tokyoter Hauptbahnhofs jeden Anflug von Routine. Erst wenn der reservierte Sitzplatz im "Shinkansen" nach Niigata eingenommen und das schwere Reisegepäck irgendwo in dem knapp bemessenen Stauraum untergebracht ist, erwacht die Freude auf das Wiedersehen von Kollegen und Freunden.

Allgegenwärtige Höflichkeit

Trotz jahrelanger Erfahrungen in der Ausbildung von in- und ausländischen Studenten an unserer Universität stellt die Arbeit in einem für uns doch recht ungewohnten kulturellen Umfeld täglich eine besondere Herausforderung dar.

Eine der beeindruckendsten Verhaltensweisen ist natürlich die allgegenwärtige japanische Höflichkeit, aber sie erschwert es uns Europäern auch manchmal, die wirklichen Gedanken des Partners klar und eindeutig zu erfassen.

Der meist noch recht kühle Monat April ist in Japan nicht nur der Monat der berühmten japanischen Kirschblüte (Sakura), sondern auch der Beginn des neuen Finanz- und natürlich Studienjahres. Traditionsgemäß erfolgt zu diesem Zeitpunkt die feierliche Übernahme der Studenten in die Masterausbildung der Fachbereiche und die Berufung der neuen Professoren, Hochschullehrer und Mitarbeiter in die Fakultäten.

Beide Seiten fieberten den ersten Begegnungen in den Vorlesungen und Seminaren entgegen. Doch die zunächst klamme traditionelle Ehrerbietung der japanischen Studenten gegenüber ihren Hochschullehrern löste sich recht schnell. Trotz der bisher überwiegend auf Lesen und Schreiben orientierten Fremdsprachenausbildung japanischer Studenten bauten sich anfängliche Kommunikationshemmnisse schnell ab. Der Einsatz umfangreichen Zeichnungs- und Bildmaterials als Hauptverständigungsmittel des Ingenieurs ließ das Interesse der teilnehmenden 20 japanischen und internationalen Studenten aus verschiedenen Studienjahren bald über den eigentlichen Vorlesungsstoff hinaus wachsen.

Engagement in Gremien

Die Ausfüllung einer Professur bedeutet an der japanischen Partneruniversität für ausländische Hochschullehrer aber auch die Mitwirkung im Fakultätsrat mit beschließender Stimme und ein darüber hinaus gehendes Engagement in verschiedenen Gremien der Universität. Die direkte Einbeziehung in die vielfältigen Aktivitäten des internationalen Studentenzentrums der Universität war nicht nur eine angenehme Aufgabe, sondern förderte auch indirekt die Ausstrahlung unserer Universität auf Studenten und Wissenschaftler vieler andere Länder.

Arbeit mit Industriepartnern

Neben der Erfüllung von Lehrverpflichtungen liegt auch die Abstimmung über beide Universitäten und ihre Industriepartner tangierende Forschungsprojekte und die Nutzung und Erprobung neuer Kommunikationstechniken im gemeinsamen Interesse. Einen besonders hohen Stellenwert nimmt an unserer Partneruniversität dabei die Lösung von Qualitätsproblemen, der Einsatz wissenschaftlich-technischer Verfahren im modernen Qualitätsmanagement und die Umsetzung internationaler Normen neben der Entwicklung und Erprobung der Anwendbarkeit neuer Sensorprinzipien im Maschinenbau ein. Gerade diese Kombination aus Theorie und Praxis ermutigte dazu, für ein Unternehmen des Landkreises Schönebeck zu den Einsatzmöglichkeiten eines speziell in Japan für viele Maschinenbauapplikationen zum Einsatz kommenden Messverfahrens Anwendbarkeitsstudien von Studenten unserer Partneruniversität durchführen zu lassen.

Dank moderner Kommunikationsmöglichkeiten sind E-Mails, Chat-Angebote und Videokonferenzen mit Laptop und Videokamera natürlich keine Besonderheit mehr und werden schnell zur Gewohnheit im weltweiten täglichen Informationsaustausch mit Kollegen und der Familie. Die große Entfernung wäre schnell vergessen, wenn man nicht durch die Zeitverschiebung immer wieder daran erinnert werden würde. Aber auch viele Neuigkeiten aus Deutschland und Fragen zum Leben und zu aktuellen Ereignissen in Japan landeten täglich auf meinem Bildschirm.