Chaotische Weihnachten mitten im Sommer

Mitten im Sommer wurde eines abends im CampusTheater ein Stück, bei dem sich fast alles um Weihnachten dreht, aufgeführt; das absurde Drama Weihnachten bei Ivanovs, welches der russische Autor Aleksandr Vvendskij 1938 schrieb. Vvendskij selbst gehörte im Russland der 30er Jahre der OBERIU-Gruppe an, deren Ziel es war, durch absurde Kunst, alogischen Prinzipien folgend, zu provozieren. Die Kunst Vvedenskijs wurde in jener Zeit als Häresie "eingestuft". Es folgten Verhaftungen, Aufenthalt in der Psychiatrie, Verbannung und schließlich der Tod. Seine Dichtung - so lautete der offizielle Vorwurf in der Sowjetunion - würde die Menschen von den Aufgaben des Tages abhalten.

Uhr in Hauptrolle

Die Handlung des Dramas, das übrigens auch als Lesedrama gedacht ist, da alle Nebentexte wesentlich für das Verstehen des Spiels sind, erscheint dem Zuschauer seltsam und komisch, nicht zuletzt, weil eine Uhr ("an der Wand, links der Tür") eine Art Hauptrolle spielt; jedoch ist die dargestellte Geschichte durchaus nacherzählbar.

In vier Akten werden die Weihnachtsvorbereitungen der Großfamilie Ivanov beschrieben. Gleichzeitig beschäftigt die Figuren im Stück die Frage, wie der Mord der Kinderfrau an Sonja Ostrova, einer der Töchter der Familie Ivanov, zu bestrafen ist. Allein, die Vorbereitungen zum Weihnachtsfest und ein Mord sind nicht absurd, sondern vielmehr sprechende Tiere, stumme Holzfäller, die singen und reden können, Kinder im Erwachsenenalter, ein völlig betrunkener Wachtmeister, ein irrer Irrenarzt und eine sprechende Leiche.

Häufiger Rollenwechsel

Je grotesker nun die Handlung eines Dramas ist, desto schwieriger gestaltet sich deren Umsetzung auf der Bühne. Gerade in diesem Punkt konnte das Publikum an jenem Abend einer wahren Meisterleistung beiwohnen. Alle Mitglieder der Studententheatergruppe "Der Schrank" hatten mehrere Rollen zu spielen und zusätzlich die Nebentexte vorzutragen. So z.B. schlüpfte Christian Geiser in die Rolle des Vaters der Familie Ivanov, in die des verrückten Psychiaters, in die Rolle des Verlobten des Kindermädchens und in die eines Sohnes.

Um das Publikum durch die häufigen Rollenwechsel nicht zu verwirren, war dieser von schnellem Requisitenwechsel begleitet. Vor allem waren die Kostüme der Laienschauspieler sehr einfach, aber durch typische Merkmale klar auf die jeweilige Rolle abgestimmt. Sogar die Bühnendekoration und das dazu verwendete Mobiliar war eher spärlich, was aber ausgezeichnet zur gesamten Atmosphäre des inszenierten Stückes passte. Verbunden damit war ein auffallend "schöner" Weihnachtsbaum (ein vertrocknetes Tännchen ohne eine einzige Nadel), über den sich die Kinder der Familie Ivanov besonders gefreut hatten.

Konfrontation mit Tod

Letzten Endes, wenn nacheinander alle Familienmitglieder sterben, wird der Zuschauer ein zweites Mal mit dem Tod konfrontiert, wie zu Anfang des Stückes mit der ermordeten Sonja Ostrova. Trotzdem fühlt der Zuschauer weder Entsetzen noch Trauer über die Geschehnisse. Vielmehr erwartet er, dass die Figuren sofort wieder aufstehen könnten, obwohl das Drama sein Ende erreicht hat.

Der andauernde Applaus zum Schluss und die heitere Stimmung im Publikum lieferten den Beweis dafür, dass die Aufführung bestens gelungen war, mit dem erfrischenden Humor der Schauspieler: Jana Ignatius, Christian Geiser, Friedericke Wahl, Anke Krieg, Norman

Wishet, Christian Hajek, Katja Schröter, Yvonne Okrasa und unter der engagierten Betreuung der Theatergruppe durch Prof. Dr. Gudrun Goes. BRAVO!

Irina Benkenstein, Franziska Noch