Über drei deutsche Vergangenheiten

In diesem Semester hielt der Freiburger Historiker Prof. Dr. Ulrich Herbert eine Otto-von-Guericke-Vorlesung zum Thema: Drei deutsche Vergangenheiten. Über den Umgang mit der deutschen Zeitgeschichte.

In der deutschen Geschichte seien oft die falschen Rückschlüsse aus der Vergangenheit gezogen worden, stellte Rektor Professor Klaus Erich Pollmann in seinen einleitenden Worten fest. Wie sollte also Vergangenheitspolitik, ein Begriff, den der Bochumer Historiker Norbert Frei für den Umgang mit der NS-Vergangenheit in der Frühphase der Bundesrepublik geprägt hat, in Zukunft aussehen?

Wer nun von dem Leibniz-Preisträger und führenden Zeitgeschichtsforscher Ulrich Herbert vorgefertigte Patentrezepte für den Umgang mit den Hinterlassenschaften des Nationalsozialismus und der SED-Diktatur erwartete, sah sich enttäuscht.

Es ist nicht Ulrich Herberts Sache nur zu verurteilen. Die Erkenntnisse, die er recht behutsam aus seinen biographischen Forschungen gewinnt, sind oft zwiespältiger Natur. Versucht er doch zu erfassen, was uns oft unfaßbar erscheint, wie die Frage, was einen SS-Täter dazu bewegt haben mag, alle in einem Waisenhaus befindlichen Kinder zu ermorden. Verständnis für Täter zeigt Herbert dabei jedoch keinesfalls. Im Hinblick auf eine Aussöhnung und Bewältigung der Vergangenheit ruft er unmißverständlich dazu auf, zu allererst die Opfer zu befragen.

Verschwiegen

Die "drei deutschen Vergangenheiten", die Ulrich Herbert beschrieb, umfassen den Umgang mit Tätern und Opfern des NS-Regimes in der frühen Bundesrepublik und der DDR sowie mit der DDR-Vergangenheit selbst. In den Anfangsjahren der Bundesrepublik wurden nach einer anfänglichen, von den Alliierten inszenierten, Entnazifizierungskampagne die NS-Verbrechen verschwiegen, die Kontinuität der einstigen militärischen, administrativen, wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Eliten wurde kaum unterbrochen. Erst nach 1962, infolge des Prozesses gegen Adolf Eichmann und des Auschwitzprozesses, fand eine Wahrnehmung in der Öffentlichkeit statt. Ein weiteres Verdecken der NS-Greuel, so Herbert, hätte die Bundesrepublik zerrissen.

In der DDR, deren Gründungslegitimation der Antifaschismus war, erfolgte die Abrechnung mit den Tätern weitaus rigoroser, zumal viele von diesen bald Richtung Westen entschwanden, hier auch eine "Entnazifizierung mit den Füßen" stattfand. Allerdings verkam der in der DDR zelebrierte Antifaschismus bald zur Staffage für Repressionen gegen die Bevölkerung, erklärte man die Berliner Mauer doch zum "Antifaschistischen Schutzwall".

Der Forderung aber, aus der verfehlten Vergangenheitspolitik in der Bundesrepublik eine härtere Abrechnung mit den Verstrickungen in der DDR-Vergangenheit ableiten zu müssen, steht der Historiker Herbert zumindest skeptisch gegenüber.

Statt auf allgemeine Statements verwies der Zeitgeschichtler in seinen Ausführungen immer wieder auf konkrete Lebensschicksale und persönliche Konfliktsituationen.

Auch auf Fragen nach der jüngsten deutschen Vergangenheit, nach verpaßten Chancen, nach Schuld und Verfehlungen im Vereinigungsprozeß konnte der nachdenklich gewordene Referent mit seinen Erwiderungen nur zum Nachdenken anregen. Eine Vorlesung, die sich würdig in die Reihe der bisherigen Otto-von-Guericke-Vorlesungen, gefördert von der NORD LB/Mitteldeutsche Landesbank, einfügt.

Gerald Christopeit