Bosheit aus dem Jenseits

Das kommt in den besten Familien vor! Man erbt und hat nichts als Ärger damit. Dies besonders, wenn die Anzahl der Erben groß, das Erbe umfangreich und der Erblasser aus dem Jenseits mit Bosheit, List und Tücke Unfrieden stiftet.

Michael Ende hat mit Die Spielverderber aus dieser pikanten Situation ein Theaterstück gemacht. Eine schwarze Komödie, fast ein Kriminalstück, mit einer Story, die zwischen purem Unsinn und bitteren Wahrheiten pendelt. Bernd Liebl hat die Studententheatergruppe PLACEBO zur Inszenierung in einer alten Buckauer Produktionshalle geführt.

Inszeniert wie ein Krimi

Traum und Wachen, Wahrheit und Lüge bestimmen das Aufeinandertreffen der zehn Nachlaßempfänger des verstorbenen Johannes Philadelphia. Seine Erben, die auf ein großes Vermögen hoffen, kannten weder den Verstorbenen noch einander. Das arrangierte Zusammentreffen wird zu einem Spiel um Leben und Tod; zu einem Spiel, in dem es nur Verlierer und keine Gewinner geben kann. Dann im Laufe der verzweifelten Versuche durch Gerissenheit oder Gewalt ans Erbe zu kommen, offenbaren sich morbide Phantasien und menschliche Abgründe.

Inszeniert ist das Stück wie ein Krimi: sehr effektvoll mit schauriger Geräuschkulisse. Genutzt wird das besondere Ambiente des Spielortes, dem noch immer der Geruch alten Maschinenöls anhaftet, für sehr genau gearbeitete szenische Arrangements. Licht von unzähligen Kerzen schafft eine gespenstische Schloßatmosphäre. Über der Szenerie mit einem variabel nutzbar großen Spielpodest liegt etwas Geheimnisvolles. Und diese Krimi-Spannung bleibt bis zum überraschenden Finale, das in seiner Symbolik fast einem provozierten Untergang der Menschheit in Feuer und Rauch gleichkommt.

Jeder gegen jeden

Aber bis zu diesem überraschenden Schluß kann man wirklich gutes Leien-Theater, das überhaupt nicht leienhaft ist, erleben. Sehr genau sind die Figuren in ihrer Skurrilität, Hintergründigkeit und Bosheit gezeichnet. Nach dem Motto "jeder gegen jeden" zählen Tugenden, verwandtschaftliche Beziehungen, eine aufkommende erste Liebe, Adelstitel und Generalsehren überhaupt nichts. Es geht um Geld, und das verdirbt bekanntlich die Moral. Diese Deformation der Charaktere legen die einzelnen Figuren Schritt für Schritt bloß.

Das Dienstmädchen Paula (Antje Klug) gerät an den scheinbar hilflosen, herrlich im schlesischen Dialekt mit hochfahrender Stimme keifenden Alois (Karsten Brückner). Der mutiert bei der Aussicht auf mehr Anteile der Erbschaft zum gerissenen Halsabschneider. Der kühl kalkulierende Geschäftsmann Egon (Bern Liebl) und seine hysterische Frau Elsbeth kommen nicht nur mit ihrer frühreifen Tochter Ninive (Katrin Preim) nicht zu recht, sie alle fallen auf den schlitzohrigen Penner Jacob, der die Erbschaftsanteile fälscht und munter zu seinem eigenen Vorteil verhökert, herein. Rajko Scharf als "Machdeburjer" macht aus dieser Rolle ein Kabinettstückchen. und auch bei Anja Berk als Freifrau Alexandra, Daniel Semrau, der die Erbschleicherei nur als Toter "übersteht" sowie Anja Buchholz als Fräulein Klara mit dem Blick fürs Geschäftliche kann das Publikum erleben, wie der Regisseur die Figuren in der Schwebe zwischen realer und fiktiver Welt zwischen Traum und Wachen hält. Sehr schön und sehr genau gespielt. Der Notar (Wolfram Wahle) und Anton (Mario Sack), der geheimnisvolle Diener, könnten Licht ins Dunkel bringen. Sie tun es aber nicht und vertrauen auf die Raffgier und Bosheit der Erbenden. Und wie das bei Michael Ende stets ist, hat das "Spielverderber"-Stück auch eine moralische Botschaft: Ohne Angst und Mißtrauen sollte man ans Gemeinwohl denken. Hätte es die verschrobene Gesellschaft nur getan, dann wäre das Schloß nicht zum Gefängnis und die Erbengemeinschaft nicht zum Opfer ihrer Habgier geworden.

Dr. Herbert Henning