"Distance Learning" als Alternative

Ein Brief aus Kanada über einen Besuch an unserer Universität

Im Juni 1999 hatte ich das Privileg, zwei Wochen an der Universität Magdeburg zu sein. Der Besuch ging auf eine Einladung von Prof. Reinhard Golz (Lehrstuhl Historische und Vergleichende Erziehungswissenschaft) zurück. Er hatte im Dezember 1998 das von mir geleitete Alberta Distance Learning Centre (ADLC) in Kanada besucht. Das ADLC ist eine öffentlich geförderte Fernstudieneinrichtung. Sie begann ihre Tätigkeit 1923 und betreut gegenwärtig ca. 20 000 Lernende jeden Alters - vom 5. bis zum 95. Lebensjahr - in allen Fächern der Klassenstufen 1 bis 12.

Gutes Übungsfeld

Das "Distance Learning" war eine alternative Lernform in der kanadischen Provinz Alberta für eine lange Zeit. Unsere Provinz steht vor dem Problem der immer geringer werdenden Einschreibungen in kleinen High Schools in ländlichen und städtischen Gemeinden, die nicht mehr länger alle Fächer in genügender Qualität anbieten können. Es kommt hinzu, daß viele Erwachsene das "Distance Learning" zur Vervollständigung ihrer Bildung nutzen. Diese Lernform wird ebenso von Eltern gewählt, die ihre Kinder selbst zu Hause unterrichten möchten, behinderte, oder auch besonders begabte und talentierte Kinder, oder solche, die mit ihren Eltern viel auf Reisen sind, Kinder, die mit der traditionellen Schule nicht zurecht kommen, oder schließlich Kinder, die sozusagen "online" lernen möchten. Da Alberta eine multikulturelle Gesellschaft hat, dient das "Distance Learning" nicht zuletzt auch den spezifischen Bedürfnissen der verschiedenen Kulturen.

Das ADLC ist eine sehr vielseitige Bildungseinrichtung mit einer selbst für Kanada relativ hohen Teilnehmerzahl. Es hat auch jenen internationalen Partnern viele Anregungen zu bieten, die ähnliche Lösungen suchen, die selbst Modelle alternativer Bildungsangebote entwickeln, die mit Problemen der Multikulturalität zu tun haben und Lernresourcen entwickeln möchten. Insofern ist unsere Einrichtung sehr gut geeignet als Übungsfeld für viele Studierende, die auf dem Gebiet der Pädagogik arbeiten werden.

Während meines Aufenthaltes an der Universität Magdeburg hatte ich die Möglichkeit, mit mehreren verantwortlichen Kolleginnen und Kollegen zu sprechen, darunter mit Prorektor Prof. Dr. Karl-H. Grote, mit dem Dekan der Fakultät für Geistes-, Sozial- und Erziehungswissenschaften sowie mit einer Reihe von Institutsdirektoren der Universität, aber auch mit Leitern anderer Bildungseinrichtungen in Magdeburg und Sachsen-Anhalt.

Großes Potential

Am Lehrstuhl für Historische und Vergleichende Erziehungswissenschaft war ich einbezogen in interessante Diskussionen mit Studenten über Probleme der alternativen Lernformen sowie der multikulturellen und vergleichenden Pädagogik. Auch an Veranstaltungen des Lehrstuhls Allgemeine Didaktik/Schultheorie (Prof. Renate Girmes) und des Lehrstuhls Erwachsenenbildung/Medienpädagogik (Prof. Jürgen Wittpoth) habe ich mit Interesse und Gewinn (vielleicht für beide Seiten) teilgenommen.

In allen Veranstaltungen zeigte sich ein großes Potential für eine künftige Partnerschaft, die sowohl den Studenten als auch den Dozenten und Lehrern in unseren beiden Ländern dienlich sein könnte. An der Universität Magdeburg, und hier besonders am Lehrstuhl Historische und Vergleichende Erziehungswissenschaft, habe ich die festen Beziehungen zu osteuropäischen Wissenschaftspartnern konstatieren können. Ich bin beeindruckt von den Möglichkeiten, die die Magdeburger Wissenschaftler haben und nutzen, ihre Universität zu einer Stätte des geistigen Austausches zwischen Ost und West zu entwickeln. Nicht nur unser ADLC kann und wird davon profitieren, sondern auch die mit uns verbundenen kanadischen Erziehungswissenschaftler an den Universitäten in der Provinz Alberta. Das betrifft zwar in erster Linie die oben genannten Teildisziplinen der Erziehungswissenschaft, ist aber durchaus erweiterungsfähig, nicht zuletzt auch hinsichtlich der an unserer Einrichtung möglichen Praktikumsplätze für Magisterstudenten vieler Fachrichtungen. Interessenten sind eingeladen, sich an den Lehrstuhl für Historische und Vergleichende Erziehungswissenschaft (Prof. Golz) oder auch an uns direkt zu wenden (Gonam Joe Raju, Principal, Alberta Distance Learning Centre, Box 4000, Barrhead, Alberta, Canada T7N 1P4, jraju@phrd.ab.ca ).

Gonam Joe Raju

(Die Redaktion dankt Professor Reinhard Golz für die Übersetzung des Briefes.)