Von antikem Warenverkehr und einem Umzug

Warum es sich lohnt, in Magdeburg eine Magisterstudentin zu sein

"Was willst Du denn damit mal machen?" Diese Frage ist wohl die häufigste, mit der sich Magisterstudenten konfrontiert sehen, wenn sie ihre Fächerkombination einem Neugierigen offenbaren. Wenn es am Beginn des Studiums vielleicht nur Antworten sind wie “Weiß ich noch nicht!" oder nur vage geäußerte Vorstellungen, mit denen man den fragenden Zweifler eher in seiner Skepsis bestätigt, so legt man sich im Laufe des Studiums ein wachsendes Repertoire an Antwortmöglichkeiten zu.

Ich verfüge, inzwischen im 8. Semester, über eine ganze Batterie von Standardentgegnungen, mit denen ich die Skeptiker außer Gefecht setzen kann. "Standard" soll aber nicht heißen, daß die Anworten nur leere Worthülsen sind, die zur bloßen Rechfertigung dienen. Nur durch die Jahre in der Universität, durch verschiedene Erfahrungen, durch Probieren und Herantasten an unterschiedlichste Gebiete erlangt man Antworten.

Wider den Zweiflern

Eine dieser bereichernden Erfahrungen war Anfang des Sommers drei Geschichtsstudenten vergönnt. Andrea Wege, Volker Schütte und ich, Jeannette Godau, waren mit Prof. Dr. Martin Dreher zu einem internationalen Seminar mit dem Arbeitsthema Rechtliche Probleme des antiken Reise- und Warenverkehrs eingeladen. Klingt zunächst ziemlich trocken. Oben zitierter Neugieriger könnte wieder mit folgenden Fragen reagieren: "Und was hat das mit dem heutigen Leben zu tun? Wozu qualifiziert mich das Wissen um Rechtsfälle im antiken Rom?" Eine gerechtfertigte Frage, auf die ich versuche, eine Antwort zu finden.

Beispiel von heute: Ein Magdeburger Student will von seiner elterlichen Wohnung auf dem Dorf in ein Wohnheim ziehen. Er hat kein eigenes Auto zur Verfügung, aber viele Sachen, die er transportieren möchte. Alle Freunde sind während der vorlesungsfreien Zeit verreist. Was tut er? Möglichkeit eins: Er mietet sich ein Auto und fährt die Sachen selbst hin und her. Möglichkeit zwei: Er beauftragt eine Umzugsfirma, die sein Hab und Gut transportiert. Was für Gedanken muß er sich machen, wenn er eine Entscheidung treffen will?

Es sollte nicht nur der Preis sein, der den Ausschlag gibt! Warum? Weil man zwischen zwei Arten von Verträgen und damit unterschiedlichen Sicherheiten wählen kann. Daß es diese Unterscheidung auch schon im antiken Rom gab, zeigt ein auf den ersten Blick ganz anders gelagerter Fall aus der Geschichte. Der Jurist Labeo schreibt: "Wenn Du Sklaven zum Transport übernommen hast, wird dir für jeden Sklaven, der auf dem Schiff gestorben ist, kein Frachtentgelt geschuldet." Das heißt, der Transporteur war für die sichere Überbringung rechtlich verantwortlich. Wenn es keine ausdrücklich vermerkte Regelung gibt, daß für die eingeladenen Sklaven gezahlt wird, kommt es automatisch zu der genannten Lösung. Denn wenn jemand den Transport übernimmt, haftet er zwangsläufig für die transportierten Waren, da ein Werkvertrag geschlossen wurde.

Internationales Seminar

Die Parallele zu dem Studentenfall: Wenn er nur einen Mietvertrag wie in Möglichkeit eins abschließt und seine Einrichtung selbst befördert, trägt auch er allein das Risiko eventueller Schäden an seiner Habe, nicht die Mietfirma. Entscheidet sich der Studierende hingegen für Möglichkeit zwei, einen Werkvertrag, haftet die Umzugsfirma.

Der Zweifler muß sich dadurch noch immer nicht von den Möglichkeiten eines Studiums mit Abschluß M.A. überzeugen lassen, könnte auf seiner Position beharren und nach der Zweckmäßigkeit eines solchen Studiums fragen.

Auf der Tagung, die von Prof. Dr. Gerhard Thür und Dr. Èva Jakab vom Institut für Römisches Recht und Antike Rechtsgeschichte der Universität Graz ausgerichtet worden war, hatten die Magdeburger Geschichtsstudenten nicht nur die Möglichkeit, den rein historischen Blick zu erweitern und aus juristischer Perspektive auf die Quellen zu schauen. Die Tagung, an der Lehrende und Studierende aus Graz (Österreich), Bratislava (Slowakei), Milano (Italien) und Szeged (Ungarn) teilnahmen, bot das Forum für einen internationalen Austausch.

Dem Zweifler sei hiermit geantwortet: internationale Erfahrung macht sich ungemein gut im Lebenslauf ... Zudem ergab sich aus der internationalen Besetzung eine Vielzahl von Anregungen zu den einzelnen Referaten.

Beiträge der Magdeburger Gruppe umfaßten einen Vortrag über Zollrecht und Zollpraxis im römischen Reich von Professor Dreher, Ausführungen von Andrea Wege über Griechische Zölle und Volker Schütters Präsentation über Antike Kartographie.

International multiperspektivisch, d.h. sowohl historisch als auch juristisch und philologisch ausgerichtet, bot diese Tagung viele bereichernde Erfahrungen, neue wissenschaftliche Diskurse und eine weitere Waffe im Verteidigungsarsenal des Magisterstudenten.

Jeannette Godau