Menschenglück und Phantasie

(Welt)-Uraufführung am Theater der Landeshauptstadt

Die in den vergangenen Jahren durch kontinuierliche Trainingsarbeit und anspruchsvolle Choreografien im klassischen und modernen Tanz gereifte Magdeburger Ballettcompagnie stand mit der Inszenierung der (Welt)-Uraufführung des Balletts Die unendliche Geschichte von der Zerstörung und Rettung des Landes Phantasien vor einer großen künstlerischen Herausforderung. Als Auftragswerk der Bundesstiftung "Umwelt und Bildung" ist diese Inszenierung von Ballettdirektorin Irene Schneider ein Beitrag zur EXPO 2000.

Leitmotivtechnik

Der insbesondere durch sein zeitgenössisches Opernschaffen bekannte Komponist Siegfried Matthus hat das vielschichtige und komplizierte Personen- und Handlungsgeflecht des Buches von Michael Ende sehr stark komprimiert. Seine rhythmische Musik, die sich bei der Charakterisierung der Figuren der Leitmotivtechnik bedient, bezieht Chor und Singstimmen sowie das gesprochene Wort in das akustische Geschehen mit ein. Dadurch wird das Phantastische der Geschichte, der Dualismus von Fiktion und Realität im Erleben der von Bastian beim Lesen des Buches "durchlebten" Abenteuer, verstärkt.

Irene Schneider erzählt die Geschichte weniger als Handlungsballett, sondern mehr als einen Bilderreigen, eine Collage von Fantasy-Bildern, die im "Kopf" des Bastian entstehen. Dadurch hat sie für ihre Choreografie mehr Raum zur Herausarbeitung spezifischer Bewegungsabläufe, für typisierende Figurenkonstellationen und choreografisch-originelle Charakterisierungen der phantastischen Figuren.

Sie setzt auf technisches Können ihrer Solisten und auf deren Wandlungsfähigkeit sowie emotionale Ausdrucksmöglichkeiten. Ihre Solisten Dmitrij Chliakhtenkov als Fährtenjäger Atriju, Alexander Sementschukov als sprunggewaltiger, technisch brillanter Glücksdrache Fuchur und Jens Lüdecke als rasender, gewalttätiger Werwolf Gmork mit raumgreifenden Sprüngen und emphatischen Lifts überzeugen ebenso wie die in mehreren Rollen ungemein ausdrucksstark tanzende Gisele Santoro als weise Schildkröte Morla und als mit ausgefeilter klassischer Technik im Pas de deux mit Dmitrij Chliakhtenkov brillierende Uyulala. Gleiches gilt für die sich in großer tänzerischer Form präsentierende Tomomi Sakaguchi als kalte Spinne Ygramul in einem furiosen tänzerischen Kampf mit Atriju und dem Drachen Fuchur und als betörende kindliche Kaiserin.

Jede der durch die prächtigen Kostüme (Andrea Kleber) und choreografischen Einfälle liebevoll gezeichneten Figuren der phantastischen Handlung macht diese Geschichte von Menschenglück und Phantasie zu einem erlebnisvollen Tanztheaterabend. Das trifft auf die skurrilen Figuren des Steinbeißers, von Uwe Lindberg mit pantomimischer Finesse getanzt, auf das quirlige Irrlicht der Christina Gonzales-Arribas, auf den in seinen Sprüngen und Drehungen sich fast schwerelos bewegende Paul Zeplichal als Winzling und auf Dmitrij Poljakovs Nachtalb zu. Überzeugend auch die Compagnie, ihre Gruppendynamik, die Synchronität in den Bewegungen, die Exaktheit der Ensembles, die in Diagonalen durch den Raum geführt werden. Nicht zuletzt durch die phantasievollen Bildkompositionen von Eberhard Matthies mit wenig Gegenständlichem, transparenten Schleiern und vielfarbigem Licht wurde diese Uraufführung zu einem begeistert aufgenommenen Balletterlebnis. Ein neuerlicher Erfolg der Ballettcompagnie des Magdeburger Theaters.

Herbert Henning