Sprachschöpferische Kraft gewürdigt

Eike-von-Repgow-Preis ging an Professor Günter Mühlpfordt

Daß der erste akademische Festakt, welchen die Universität Ende Oktober 1999 in der wiedererrichteten Magdeburger Johanniskirche durchführte, die Verleihung des Eike-von-Repgow-Preises 1999 an Prof. Dr. Günter Mühlpfordt war, hat durchaus symbolische Bedeutung.

In der 941 erstmals urkundlich erwähnten ältesten Pfarrkirche Magdeburgs predigte Martin Luther auf Drängen der Elbestädter, hier befand sich auch das Familiengrab Otto von Guerickes. Die Grundmauern des im 30jährigen Krieg verheerten und im II. Weltkrieg zerbombten Gotteshauses galten bis zu dessen abermaligem Neuaufbau und der Eröffnung als Kulturzentrum am 2. Oktober 1999 als Symbol der Zerstörung.

Wie Magnifizenz Prof. Dr. Klaus Erich Pollmann in seinen Begrüßungsworten ausführte, sei es die jahrtausendalte Tradition der Stadt Magdeburg, in welcher unsere noch junge Alma mater ihre Wurzeln sucht und findet.

Die historische Bedeutung Magdeburgs, Mitteldeutschlands und des auf Eike von Repgows Sachsenspiegel fußenden Magdeburger Rechtes für Europa waren auch der rote Faden, der sich durch die Reden der Justizministerin des Landes Sachsen-Anhalt, Karin Schubert, des Magdeburger Oberbürgermeisters, Dr. Willi Polte, und des Laudators, Prof. Karl-Heinz Blaschke, zog. Sowohl Prof. Dr. Blaschke, ein Schicksalsgefährte Günter Mühlpfordts, als auch Rektor Pollmann würdigten besonders die sprachschöpferische Kraft ihres Fachkollegen, der beispielsweise kürzlich ausgeführt hatte, daß in Magdeburg alle Flüsse und alle Kräfte Mitteldeutschlands zusammenflössen. Ein Potential, welches der Laureat im folgenden Festvortag sogleich sowohl sprachlich als auch wissenschaftlich überzeugend dokumentierte.

Der international renommierte Hallenser Kultur-, Wirtschafts- und Universitätshistoriker mit den Spezialgebieten Mitteldeutschland und Osteuropa, Günter Mühlpfordt, erfuhr mit der Preisverleihung eine späte Würdigung. Seit 1948 war Mühlpfordt Angriffen wegen seines angeblich "bürgerlichen Objektivismus" ausgesetzt. Besonders SED-Generalsekretär Walter Ulbricht, der sich selbst für einen genialen Historiker hielt, verfolgte dessen Wirken mit großem Haß. Obwohl Mühlpfordt das Institut für Osteuropäische Geschichte an der Universität Halle selbst aufgebaut hatte, verbot man im Mai 1953 seine Antrittsvorlesung. Chefideologe Kurt Hager und der Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht ließen ihn, da er den Kniefall verweigerte, 1958 aller Universitätsämter entheben und Lehrverbot erteilen. 1962 erfolgte ein zusätzliches Berufs- und Publikationsverbot. Fortan forschte er als stellungsloser Privatgelehrter ohne festes Einkommen auf dem Gebiet der Aufklärung in Mittel- und Osteuropa sowie der Reformation. Seine Forschungsergebnisse, die durch die Verknüpfung von Reformation und Aufklärung ihre besondere Prägung erhielten, publizierte der Historiker dennoch in großer Zahl und auf oft abenteuerlichen Wegen.

Noch durch die erste frei gewählte Regierung der DDR erfolgte im Mai 1990 die volle Rehabilitierung des Wissenschaftlers.

Gerald Christopeit