Mißbrauchte Kinder

Zu wenig wissenschaftliche Untersuchungen

Bange, Dirk/Deegener, Günther:
Sexueller Mißbrauch an Kindern
248 Seiten, 58,00 DM
Psychologie Verlags Union
Weinheim 1996
ISBN 3-621-27330-1

Der sexuelle Mißbrauch von Kindern ist, nachdem er jahrelang heruntergespielt wurde, zunehmend zum Gegenstand der öffentlichen Diskussion geworden. Im oft stark emotionalisierten Meinungsstreit erfahren Sachargumente zu wenig Beachtung, werden einseitige Positionen vertreten. Ein Grund dafür ist, daß in Deutschland zwar viel über den sexuellen Mißbrauch publiziert wird, aber nur wenige wissenschaftliche Untersuchungen dazu durchgeführt worden sind.

Diskussion versachlichen

Die Autoren dieses Buches möchten dazu beitragen, die Auseinandersetzung zu dieser Thematik durch die Präsentation empirischer Daten zu versachlichen. Diese wurden durch Fragebogenerhebungen in Dortmund und Homburg gewonnen. Teilnehmer waren Studierende und Auszubildende. Diese Stichprobenauswahl, die keinen repräsentativen Bevölkerungsdurchschnitt darstellt, setzt der Verallgemeinerung der Ergebnisse zwangsläufig Grenzen. In der methodenkritischen Stellungnahme werden dazu von den Verfassern differenzierte Aussagen gemacht. Die vorgestellten Befunde bestätigen bereits aus anderen Denkfelduntersuchungen bekannte Informationen, verweisen auf einige neue Aspekte, lassen die Notwendigkeit weiterer Behandlungsangebote und Forschungsarbeiten deutlich werden.

Der erste Teil der Publikation gibt einen Forschungsüberblick und macht theoretische Hintergründe der Untersuchung transparent. Beginnend mit einem Rückblick auf die Geschichte des sexuellen Mißbrauchs, der einen interessanten Exkurs über die Verführungstheorie Sigmund Freuds enthält, werden im folgenden die Resultate in- und ausländischer Untersuchungen über die Häufigkeit, die Umstände und die sozialen Bedingungen des sexuellen Mißbrauchs an Kindern beschrieben. Danach nehmen Bange und Deegener an, daß in Deutschland jedes vierte bis fünfte Mädchen und jeder zwölfte Junge sexuelle Gewalt erlebt. Sehr ausführlich werden die vielfältigen Folgen des sexuellen Mißbrauchs sowie forschungsmethodische und definitorische Probleme behandelt.

Die Auswertung

Der zweite Teil dient der Darstellung und der Interpretation der eigenen empirischen Ergebnisse, die überzeugend die negativen Auswirkungen sexueller Übergriffe auf die Persönlichkeitsentwicklung der Betroffenen sichtbar machen. Darüber hinaus werden zu der Häufigkeit der sexuellen Gewalt, den Bedingungskonstelationen, den sozialen und familiären Gegebenheiten beachtenswerte Fakten mitgeteilt.

Insgesamt ist das Buch für alle, denen die gesunde und harmonische Entwicklung der heranwachsenden Generation am Herzen liegt sowohl Aufforderung als auch Orientierung, dem sexuellen Mißbrauch, der in allen sozialen Schichten vorkommt, noch konsequenter zu begegnen. Dabei sollten auch die anderen Formen der Gewalt gegen Kinder nicht übersehen werden, denn Vernachlässigung, körperliche und psychische Mißhandlung sowie der sexuelle Mißbrauch belasten nicht selten gleichzeitig das Leben der Kinder. Überdies ist den Autoren zuzustimmen, wenn sie schreiben: „Sexuellen Mißbrauch an Kindern als individuelles oder familiäres Problem zu betrachten und die gesellschaftlichen Ursachenfaktoren auszublenden, entlarvt sich als Verschleierungstaktik.“ (S. 210)
Dr. Wilhelm Topel