Kreisläufe im Visier

EU-Projekt zur Umweltlogistik

Ein Vertrag wurde im März 1998 unterzeichnet, durch den die Fakultät für Wirtschaftswissenschaft an einem EU-Projekt im Rahmen des TRM-Forschungsprogramms (Training and Mobility of Researchers) beteiligt ist. Prof. Dr. Karl Inderfurth, Inhaber des Lehrstuhls für Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Produktion und Logistik, ist der Leiter des Magdeburger Forschungsteams, das im Rahmen des Gesamtprojekts mit dem Titel „Reverse Logistics and its Effects on Industry“ (Kurz: REVLOG) insbesondere Fragen der Gestaltung von Planungs- und Steuerungssystemen bei der Integration von Produkt- und Materialkreisläufen in betrieblichen Produktionsprozessen untersucht.

Teams aus vier EU-Staaten

An diesem Projekt, das von der EU mit Mitteln in Höhe von insgesamt 1,2 Mio. ECU (ca. 2,4 Mio. DM) unterstützt wird, sind zusammen mit dem Magdeburger Forscherteam sechs Forschergruppen aus vier EU-Staaten beteiligt, die sich alle durch besondere Kompetenz im Bereich der Betriebswirtschaftslehre, der Umweltökonomie und dem Einsatz quantitativer Planungstechniken auszeichnen. Neben der Gruppe aus Magdeburg sind dies Forscherteams von der Erasmus-Universität Rotterdam und der Technischen Universität Eindhoven in Holland, von der Aristoteles-Universität Thessaloniki und der Universität von Piraeus in Griechenland sowie von der internationalen Managementhochschule INSEAD in Frankreich. Insgesamt sind über 50 Wissenschaftler an diesem Projekt beteiligt.

Das Gesamtprojekt verfolgt die Aufgabe, den Problembereich der Gestaltung und Planung logistischer Aktivitäten bei der Rückführung und Wiederverwendung bzw. -verwertung von Produkten und Materialien in Kreislaufwirtschaftsprozessen (Reverse Logistics) aus integrativer Sicht zu behandeln. Verstärkter gesellschaftlicher und staatlicher Druck im Rahmen zunehmenden Umweltbewußtseins schlägt sich in allen EU-Staaten in einer schärferen Produktverantwortung der Hersteller wieder, die über die Konsumphase der einzelnen Produkte hinausreicht. Dies wirkt sich u.a. zunehmend auf die Bedeutung des Recyclings von Altprodukten aus, das im Rahmen einer Verknüpfung von freiwilliger Produktrücknahme und gesetzlichen Rücknahmeverpflichtungen in vielen Industriebereichen ein immer bedeutsamer werdender Vorgang wird. Auf Grund ihrer Komplexität ist die planerische Beherrschung dieser kreislauforientierten Prozesse wesentlich schwieriger als diejenige der traditionellen zyklenfreien Logistikprozesse. Um die erwarteten ökonomischen und ökologischen Ziele möglichst weitgehend verwirklichen zu können, müssen Instrumente geschaffen werden, die bei der Organisation, Planung und Steuerung sowie bei der Bewertung solcher Kreislaufprozesse eingesetzt werden können.

Zahlreiche Aufgaben

Die vielfältigen Fragestellungen, die in diesem Zusammenhang in dem internationalen Forschungsnetzwerk des Projekts bearbeitet werden sollen, betreffen Problemstellungen der Redistributionslogistik, der integrierten Produktionsplanung und -steuerung bei Produktrückflüssen, der ökonomischen und ökologischen Beurteilung von Recyclingprozessen sowie der Einbeziehung von Reverse Logistics-Konzepten in die Geschäftsstrategie von Unternehmen. Wesentliche Kreislaufprozesse und ihre planerischen Herausforderungen sollen an Hand empirischer Untersuchungen in verschiedenen Industriebereichen der beteiligten Länder beschrieben und analysiert werden. Für wesentliche Problemstellungen sollen modellgestützte Planungsinstrumente entwickelt werden, die zum Teil auch in unmittelbar anwendungsbezogene DV-Werkzeuge umgesetzt werden sollen. Für Demonstrations- und Ausbildungszwecke sollen besonders geeignete Praxisbeispiele in Form von Fallstudien aufbereitet werden.

Zur Erfüllung dieser Forschungsaufgaben, die auf einen Zeitraum von drei bis vier Jahren ausgelegt sind, kann sich jedes Team durch einen promovierten Wissenschaftler bzw. Wissenschaftlerin verstärken. Diese Postdoktorandenstelle darf nach den EU-Regeln nicht mit einem Inländer, sondern nur mit einem ausländischen Wissenschaftler besetzt werden, der allerdings aus einem EU-Staat stammen muß. Für die Magdeburger Projektgruppe ist für diese Position ein junger Nachwuchswissenschaftler aus Holland vorgesehen, der im Mai 98 seine Arbeit aufnehmen wird. Im übrigen werden Flexibilität und Mobilität im Rahmen des Projekts großgeschrieben.

Die Projektmitarbeiter werden mehrwöchige, u.U. auch mehrmonatige, Forschungsaufenthalte bei den anderen Projektgruppen im Netzwerk verbringen. Auch für Kurzbesuche im Rahmen der Arbeit an gemeinsamen Teilprojekten stehen aus der EU-Finanzierung Mittel bereit. So waren z.B. bereits Mitte März 98 zwei Mitglieder der Forschungsgruppe am INSEAD aus Frankreich zu Gast in Magdeburg, um gemeinsame Projektaktivitäten abzusprechen. Weiterhin wird es jeweils einmal im Jahr ein Forschungskolloquium für alle beteiligten Projektangehörigen geben, das erstmals im Juli dieses Jahres in Rotterdam stattfinden wird. Aus dieser Projektarbeit heraus sollen möglichst viele gemeinsame Forschungsarbeiten und Veröffentlichungen entstehen, die auch auf internationalen Fachtagungen der Öffentlichkeit vorgestellt werden sollen. Zur Einbeziehung der Wirtschaft in das Projekt soll ein „Industrial Board“ von führenden Unternehmensvertretern gegründet werden, der laufend über den Projektstand informiert wird und einmal jährlich zu einem gemeinsamen Meinungsaustausch mit den Projektverantwortlichen zusammenkommt.

Die Beteiligung von Professor Inderfurth an diesem EU-Projekt dokumentiert, daß die Fakultät für Wirtschaftswissenschaft nicht nur in ihrem Lehrprogramm mit neu eingerichteten internationalen Studiengängen, sondern auch in ihrem Forschungsprogramm konsequent auf Internationalität setzt.
-rth-