King Lear

Inszenierung der Kammer mit neuer Sicht auf altes Thema

Am Ende sterben sie alle. Der irre gewordene Lear, seine liebste Tochter Cordelia im Arm, in später Einsicht, wer ihn wirklich von seinen Töchtern liebte. Die machtgeilen, um den smarten Bastard Edmund buhlenden Töchter Goneril und Regan, die sich wie Marktweiber um Macht und Liebesgunst streiten, entleiben sich ...

Blinder Haß und Skrupellosigkeit

Das Shakespeare-Spiel, die King-Lear-Utopie von Menschlichkeit, Wärme und Vaterglück im Alter ist aus. Die Welt von damals und die von heute ist nicht für Harmonie, für Menschliches geschaffen. Die Machtbesessenheit, das Pokerspiel um Einfluß und eigenen Vorteil macht die Menschen, auch die Narren, selbst die eigenen Kinder, blind vor Haß, Skrupellosigkeit und Eigennutz. Eine Botschaft, die Wolf Bunge in seiner Inszenierung des schwierigen Shakespeare-Stückes dank einer neuen, ganz modernen Übersetzung von Werner Buhss unter der „Kruste“ des Familiendramas freigelegt hat. Und es ist ein aufregend-sinnlicher, provokanter Theaterabend, den wieder einmal die Freien Kammerspiele zur (sicher auch kontrovers zu führenden) Diskussion anbieten.

Bildersprache, die begeistert

Es ist vor allem die Bildersprache des Regisseurs, die vom furiosen Beginn der Landaufteilung des Lear unter seinen Töchtern gemäß dem Motto „Wer mich am meisten liebt, bekommt das größte Stück England!“ mit dem Zerstückeln einer großen Landkarte und dem gierigen Grapschen der falsche Liebe Zeugnis redenden Töchter beginnt und mit dem Wahnsinns-Regen-Trip (unter der Dusche) des Lear durch die Nacht seinen darstellerischen Höhepunkt hat. Was Wolf Bunge aus dem Text an bildlicher Metapher für gesellschaftliche Zu- und Umstände mit dem Blick auf das Heute macht, wie er die Spannung über Aktionen, über Sprache und Emotionen aufbaut, ist für mich ein ganz neues „King Lear“-Erlebnis geworden. Ein Shakespeare, der auch Lachen provoziert, der Theater als blutvolles, trauriges, traurig-schönes, zutiefst ehrliches „Menschen-Leben“ zeigt und zum Nachdenken provoziert. Und daß dabei herausragendes Kammerspiel-Theater mit Michael Günther als Lear, der mit artistischer Leichtigkeit als splitternackter König die „Entkleidung“ von Macht und Reichtum sinnbildlich auslebt, mit Franziska Kleinert und Angelika Böttiger als machtgierige, verlogene Töchter, mit Gerald Fiedler als Graf Gloster, mit Felix Voigt als bitter-aktuelle Weisheiten ins Gesicht schleudernder Narr, mit Andreas Manz als aalglatten Bastard Edmund und mit Eckhard Doblies als Glosters Sohn Edgar, der seinen geblendeten Vater führt, zu sehen ist, muß ausdrücklich hervorgehoben werden. Auch weil dies anderenorts im Schauspiel nicht immer zu vermelden ist! Schauspielerische Glanzleistungen bis in die kleinste Rolle. Ein Shakespeare-Abend als absolutes Muß für jeden, der Theater als intellektuelle Herausforderung begreift und diese anzunehmen bereit ist.
Dr. Herbert Henning