[36] I Die Ikonographie ist der Zweig der
Kunstgeschichte, der sich mit dem Sujet (Bildgegenstand) oder der
Bedeutung von Kunstwerken im Gegensatz zu ihrer Form beschäftigt.
Versuchen wir also, den Unterschied zwischen Sujet oder Bedeutung
einerseits und Form andererseits zu definieren. Grüßt
mich ein Bekannter auf der Straße durch Hutziehen, ist das, was ich unter
einem formalen Blickwinkel sehe, nichts als die Veränderung gewisser
Einzelheiten innerhalb einer Konfiguration, die einen Teil des allgemeinen
Farben-, Linien- und Körpermusters ausmacht, aus dem meine visuelle Welt
besteht. Wenn ich, wie ich es automatisch tue, diese Konfiguration als ein
Objekt (Herr) und die Detailveränderung als ein Ereignis (Hutziehen)
identifiziere, habe ich bereits die Grenzen der rein formalen Wahrnehmung
überschritten und eine erste Sphäre des Sujethaften oder der Bedeutung
betreten. Die dergestalt wahrgenommene Bedeutung ist elementarer und
leicht verständlicher Natur, und wir werden sie die Tatsachenbedeutung
nennen; ich erfasse sie, indem ich einfach bestimmte sichtbare Formen mit
bestimmten Gegenständen identifiziere, die mir aus praktischer Erfahrung
bekannt sind, und indem ich die Veränderung in ihren Beziehungen mit
bestimmten Handlungen oder Ereignissen identifiziere. Nun
werden natürlich die dergestalt identifizierten Gegenstände und Ereignisse
eine bestimmte Reaktion in mir hervorrufen. Aus der Art und Weise, wie
mein Bekannter seine Handlung vollzieht, kann ich vielleicht erkennen, ob
er guter oder schlechter Stimmung ist und ob seine Gefühle mir gegenüber
gleichgültig, freundlich oder feindselig sind. Diese psychologischen
Nuancen werden die Gebärden meines Bekannten mit einer [37] weiteren
Bedeutung füllen, die wir ausdruckshaft nennen werden. Sie unterscheidet
sich dadurch von der Tatsachenbedeutung, daß sie nicht durch einfache
Identifikation, sondern durch 'Einfühlung' erfaßt wird. Um sie zu
verstehen, benötige ich eine gewisse Sensibilität, doch diese Sensibilität
ist noch immer ein Bestandteil meiner praktischen Erfahrung, nämlich
meines alltäglichen Vertrautseins mit Gegenständen und Ereignissen. Daher
kann man die tatsachenhafte und ausdruckshafte Bedeutung zusammen
klassifizieren: Sie bilden die Klasse primärer oder natürlicher
Bedeutungen. Meine Erkenntnis jedoch, daß das Hutziehen für ein
Grüßen steht, gehört einem völlig anderen Interpretationsbereich an. Diese
Form des Grüßens ist der abendländischen Welt eigentümlich und ein
Überrest des mittelalterlichen Rittertums: Bewaffnete pflegen die Helme
abzunehmen, um ihre friedlichen Absichten und ihr Vertrauen in die
friedlichen Absichten anderer kundzutun. Weder von einem australischen
Buschmann noch von einem alten Griechen könnte man die Erkenntnis
erwarten, daß das Ziehen des Huts nicht nur ein praktisches Ereignis mit
gewissen ausdruckshaften Nebenbedeutungen ist, sondern auch ein Zeichen
der Höflichkeit. Um das Tun des Herrn in dieser Bedeutung zu verstehen,
muß ich nicht nur mit der praktischen Welt von Gegenständen und
Ereignissen vertraut sein, sondern auch mit der mehr als bloß praktischen
Welt von Bräuchen und kulturellen Traditionen, die einer bestimmten
Zivilisation eigentümlich sind. Umgekehrt könnte sich mein Bekannter nicht
genötigt fühlen, mich durch Hutziehen zu grüßen, wäre ihm die Bedeutung
dieses Aktes nicht bewußt. Was die ausdruckshaften Nebenbedeutungen im
Zusammenhang mit seinem Tun anlangt, so mag er sich ihrer bewußt sein oder
auch nicht. Wenn ich daher das Hutziehen als ein höfliches Grüßen
interpretiere, erkenne ich darin die Bedeutung, die sekundär oder
konventional heißen mag; sie unterscheidet sich von der primären oder
natürlichen dadurch, daß sie intellektuell statt sinnlich vermittelt wird,
und darin, daß sie in die praktische Handlung, durch die sie vermittelt
wird, bewußt integriert wurde. Und
schließlich: Die Handlung meines Bekannten kann darüber hinaus, daß sie
ein natürliches Ereignis in Zeit und Raum bildet, darüber hinaus, daß sie
auf natürliche Weise Stimmungen oder Gefühle anzeigt, und darüber hinaus,
daß sie ein konventionelles Grüßen mitteilt, einem erfahrenen Beobachter
enthül-[38]len, was seine 'Persönlichkeit' ausmacht. Diese Persönlichkeit
ist dadurch bestimmt, daß es sich um einen Mann des 20. Jahrhunderts
handelt, und außerdem durch seine nationale, soziale und bildungsmäßige
Herkunft, durch seine vorangegangene Lebensgeschichte und durch seine
gegenwärtige Umwelt; doch ebensosehr zeichnet sie sich durch eine
individuelle Weise aus, Dinge zu sehen und auf die Welt zu reagieren, was
man, in rationalisierter Form, eine Philosophie zu nennen hätte. In der
isolierten Handlung eines höflichen Grüßens manifestieren sich all diese
Faktoren nicht umfassend, aber nichtsdestoweniger symptomatisch. Ein
geistiges Porträt des Mannes könnten wir aufgrund dieser einzelnen
Handlung nicht herstellen, sondern nur dadurch, daß wir eine große Anzahl
ähnlicher Beobachtungen aufeinander abstimmen und sie im Zusammenhang mit
unseren allgemeinen Informationen über seine Epoche, Nationalität, Klasse,
intellektuelle Tradition und so fort interpretieren. Doch all diese
Eigenschaften, die jenes geistige Porträt explizit erkennen ließe, sind
implizit in jeder einzelnen Handlung enthalten – so daß umgekehrt sich
jede einzelne Handlung im Licht jener Merkmale interpretieren läßt.
Die so entdeckte Bedeutung mag die eigentliche Bedeutung oder der Gehalt
heißen; sie ist wesentlich, während die beiden anderen Bedeutungsarten,
die primäre oder natürliche und die sekundäre oder konventionale,
erscheinungshaft sind. Man kann sie definieren als ein einigendes Prinzip,
das sowohl dem sichtbaren Ereignis wie seiner verständlichen Bedeutung
zugrunde liegt und sie erklärt und das sogar die Form bestimmt, in der das
sichtbare Ereignis Gestalt annimmt. Diese eigentliche Bedeutung oder der
Gehalt liegt normalerweise so sehr über dem Bereich des bewußten Wollens,
wie die ausdruckshafte Bedeutung darunter liegt.
Überträgt man die Resultate dieser Analyse aus dem Alltagsleben auf ein
Kunstwerk, kann man in seinem Sujet oder seiner Bedeutung die gleichen
drei Schichten unterscheiden: 1.
Primäres oder natürliches Sujet, unterteilt in
tatsachenhaftes und ausdruckshaftes. Man erfaßt es, indem
man reine Formen identifiziert, nämlich: gewisse Konfigurationen von Linie
und Farbe oder gewisse eigentümlich geformte Bronze- oder Steinstücke als
Darstellungen natürlicher Gegenstände wie menschlicher Wesen, Tiere,
Pflanzen, Häuser, Werkzeuge und so fort; indem man ihre gegenseitigen
Beziehungen als Ereignisse identifiziert; [39] und indem man solche
ausdruckshaften Eigenschaften wie den schmerzlichen Charakter einer Pose
oder einer Geste oder die heimelige und friedliche Atmosphäre eines
Innenraums wahrnimmt. Die Welt reiner Formen, die dergestalt als Träger
primärer oder natürlicher Bedeutungen erkannt werden, mag die Welt der
künstlerischen Motive heißen. Eine Aufzählung dieser Motive wäre eine
vorikonographische Beschreibung des Kunstwerkes. 2.
Sekundäres oder konventionales Sujet. Es wird durch die Erkenntnis
erfaßt, daß eine männliche Gestalt mit einem Messer den heiligen
Bartholomäus repräsentiert, daß eine weibliche Gestalt mit einem Pfirsich
in der Hand eine Personifikation der Wahrhaftigkeit ist, daß eine Gruppe
von Personen, die in einer bestimmten Anordnung und mit bestimmten Posen
um eine Speisetafel sitzen, das letzte Abendmahl darstellen oder daß zwei
Gestalten, die auf bestimmte Weise gegeneinander kämpfen, für den Kampf
von Laster und Tugend einstehen. Indem wir das erfassen, verknüpfen wir
künstlerische Motive und Kombinationen künstlerischer Motive
(Kompositionen) mit Themen oder Konzepten. Motive, die dergestalt als
Träger einer sekundären oder konventionalen Bedeutung erkannt werden,
mögen Bilder (images) heißen, und Kombinationen solcher Bilder sind das,
was die alten Kunsttheoretiker invenzioni genannt haben; wir sind
gewohnt, sie Anekdoten (Geschichten, Fabeln) oder Allegorien (1) zu
nennen. Die Identifizierung solcher Bilder, Anekdoten und Allegorien ist
der Bereich dessen, was normalerweise mit der Bezeichnung 'Ikonographie'
gemeint ist. In der Tat meinen wir, wenn wir zwanglos vom 'Sujet im
Gegensatz zur Form' sprechen, hauptsächlich den Bereich des sekundären
oder konventionalen Sujets, nämlich die Welt spezifischer, sich in
Bildern, Anekdoten und Allegorien manifestierender Themen oder Konzepte im
Gegensatz zum Bereich des primären oder natürlichen Sujets, wie es sich in
künstlerischen Motiven manifestiert. 'Formanalyse' im Sinn Wölfflins ist
weithin eine Analyse von Motiven und Motivkombinationen (Kompositionen);
denn eine Formanalyse im strengen Sinn des Wortes müßte selbst solche
Ausdrücke wie 'Mensch', 'Pferd' und 'Säule' vermeiden, ganz zu schweigen
von derartigen Beurteilungen wie „das häßliche Dreieck zwischen den Beinen
von Michelangelos David“ oder „die bewundernswerte Verdeutlichung der
Gelenke in einem menschlichen Körper“. Es leuchtet ein, daß eine
kor-[40]rekte ikonographische Analyse eine korrekte Identifizierung der
Motive voraussetzt. Falls das Messer, das es uns ermöglicht, einen
heiligen Bartholomäus zu identifizieren, kein Messer, sondern ein
Korkenzieher wäre, handelte es sich bei der Figur nicht um einen heiligen
Bartholomäus. Ferner ist es wichtig festzustellen, daß die Aussage: »Diese
Figur ist ein Bild des heiligen Bartholomäus«, die bewußte Absicht des
Künstlers impliziert, einen heiligen Bartholomäus darzustellen, während
die ausdruckshaften Eigenschaften der Gestalt sehr wohl unbeabsichtigt
sein mögen. 3. Eigentliche Bedeutung oder Gehalt. Er
wird erfaßt, indem man jene zugrunde liegenden Prinzipien ermittelt, die
die Grundeinstellung einer Nation, einer Epoche, einer Klasse, einer
religiösen oder philosophischen Überzeugung enthüllen, modifiziert durch
eine Persönlichkeit und verdichtet in einem einzigen Werk. Selbstredend
manifestieren sich diese Prinzipien sowohl durch 'Kompositionsmethoden'
wie durch 'ikonographische Bedeutung' und werfen daher auch ein Licht auf
sie. Im 14. und 15. Jahrhundert beispielsweise (die ersten Beispiele
lassen sich um 1300 datieren) wurde der traditionelle Typus der Geburt
Christi mit der im Bett liegenden oder auf einer Liege ruhenden Jungfrau
Maria häufig durch einen neuen ersetzt, der die Jungfrau in Anbetung vor
dem Kind kniend zeigt. Unter dem Blickwinkel der Komposition bedeutet
dieser Wandel cum grano salis die Einführung eines Dreieck-
anstelle eines Rechteck-Schemas; unter ikonographischem Blickwinkel
bedeutet er die Einführung eines neuen Themas, das schriftlich von solchen
Autoren wie dem Pseudo-Bonaventura und der heiligen Brigitta formuliert
werden sollte. Doch zugleich enthüllt er eine neue, den späteren Phasen
des Mittelalters eigentümliche emotionale Einstellung. Eine wirklich
erschöpfende Interpretation der eigentlichen Bedeutung oder des Gehalts
könnte sogar zeigen, daß die technischen Verfahren, die für ein bestimmtes
Land, für eine bestimmte Periode oder einen bestimmten Künstler
eigentümlich sind (so etwa, daß es Michelangelo vorzog, als Bildhauer in
Stein statt in Bronze zu arbeiten, oder die eigentümliche Verwendung der
Schraffur in seinen Zeichnungen), symptomatisch für dieselbe Grundhaltung
sind, die sich in sämtlichen anderen spezifischen Merkmalen des
betreffenden Stils ausmachen läßt. Indem wir so reine Formen, Motive,
Bilder, Anekdoten und Allegorien als Manifestationen zugrunde liegender
Prinzipien auffassen, inter-[41]pretieren wir alle diese Elemente als
etwas, das Ernst Cassirer 'symbolische' Werte genannt hat. Solange wir uns
auf die Aussage beschränken, Leonardo da Vincis berühmtes Fresko zeige
eine Gruppe von 13 Männern rings um eine Speisetafel und diese Gruppe von
Männern stelle das letzte Abendmahl dar, befassen wir uns mit dem
Kunstwerk als solchem, und wir interpretieren seine kompositionellen und
ikonographischen Züge als seine eigenen Eigenschaften oder Merkmale.
Suchen wir jedoch das Fresko als ein Dokument der Persönlichkeit Leonardos
oder der Kultur der italienischen Hochrenaissance oder einer bestimmten
religiösen Einstellung zu verstehen, beschäftigen wir uns mit dem
Kunstwerk als einem Symptom von etwas anderem, das sich in einer
unabsehbaren Vielfalt anderer Symptome artikuliert, und wir interpretieren
seine kompositionellen und ikonographischen Züge als spezifischere
Zeugnisse für dieses 'andere'. Die Entdeckung und die Interpretation
dieser 'symbolischen' Werte (die dem Künstler selber häufig unbekannt sind
und die sogar entschieden von dem abweichen können, was er bewußt
auszudrücken suchte) ist der Gegenstand dessen, was wir, im Gegensatz zur
'Ikonographie', 'Ikonologie' nennen können. Das
Suffix 'graphie' leitet sich vom griechischen Verb graphein
(schreiben) ab; es impliziert eine rein deskriptive, häufig sogar
statistische Verfahrensweise. Die Ikonographie ist daher ebenso eine
Beschreibung und Klassifizierung von Bildern (images), wie die
Ethnographie eine Beschreibung und Klassifizierung menschlicher Rassen
ist: Sie ist eine begrenzte und gewissermaßen dienende Disziplin, die uns
darüber informiert, wann und wo bestimmte Themen durch bestimmte Motive
sichtbar gemacht wurden. Sie teilt uns mit, wann und wo der gekreuzigte
Christus mit einem Lendentuch oder mit einem langen Gewand bekleidet war;
wann und wo er mit vier oder mit drei Nägeln ans Kreuz geschlagen war; wie
die Tugenden und die Laster in verschiedenen Jahrhunderten und Umgebungen
dargestellt wurden. Indem sie all das tut, ist die Ikonographie eine
unschätzbare Hilfe für die Feststellung von Datierungen, Herkunftsorten
und gelegentlich auch der Echtheit; und sie liefert die notwendige
Grundlage für jede weitere Interpretation. Sie versucht jedoch nicht,
diese Interpretation von sich aus zu erarbeiten. Sie sammelt und
klassifiziert das Material, hält sich aber nicht für verpflichtet oder
berechtigt, die Entstehung und die Bedeutung dieses Materials zu
erforschen; auch nicht das Wechselverhältnis [42] zwischen den
verschiedenen 'Typen'; den Einfluß theologischer, philosophischer oder
politischer Ideen; die Absichten und Neigungen einzelner Künstler und
Mäzene; die Wechselbeziehung zwischen verstandesmäßig faßbaren Begriffen
und der sichtbaren Form, die sie in jedem spezifischen Fall annehmen.
Kurzum, die Ikonographie erörtert nur einen Teil all jener Elemente, die
in den eigentlichen Gehalt eines Kunstwerkes eingehen und die dargelegt
werden müssen, soll die Wahrnehmung dieses Gehaltes deutlich und
mitteilbar werden.
Eben wegen
dieser strengen Einschränkungen, die der allgemeine Sprachgebrauch, zumal
in diesem Land (den Vereinigten Staaten), dem Terminus 'Ikonographie'
auferlegt, schlage ich vor, das gute alte Wort 'Ikonologie' überall dort
wiederaufleben zu lassen, wo Ikonographie aus ihrer Isolierung geholt und
mit anderen Methoden – der historischen, der psychologischen, der
kritischen, welcher auch immer – vereinigt wird, Methoden, die wir
versuchsweise anwenden, um das Rätsel der Sphinx zu lösen. Denn wie das
Suffix 'graphie' etwas Deskriptives bezeichnet, so benennt das Suffix
'logie' – abgeleitet von logos, das 'Denken' oder 'Vernunft'
bedeutet – etwas Interpretatorisches. 'Ethnologie' beispielsweise ist von
demselben Oxford Dictionary, das 'Ethnographie' als eine
'Beschreibung menschlicher Rassen' definiert, als
'Wissenschaft der menschlichen Rassen' definiert, und Webster warnt
ausdrücklich davor, die beiden Termini durcheinander zubringen, insofern
als „Ethnographie korrekt auf die rein deskriptive Behandlung von Völkern
und Rassen beschränkt ist, während Ethnologie die sie vergleichende
Disziplin ist“. Daher verstehe ich Ikonologie als eine ins
Interpretatorische gewandte Ikonographie, die damit zum integralen
Bestandteil der Kunstwissenschaft wird, statt auf die Rolle eines
vorbereitenden statistischen Überblicks beschränkt zu sein. Allerdings
besteht zugegebenermaßen eine gewisse Gefahr, daß sich Ikonologie nicht
wie Ethnologie zu Ethnographie, sondern wie Astrologie zu Astrographie
verhalten wird. Ikonologie ist mithin eine Interpretationsmethode,
die aus der Synthese, nicht aus der Analyse hervorgeht. Und wie die
korrekte Feststellung von Motiven die Voraussetzung ihrer korrekten
ikonographischen Analyse ist, so ist die korrekte Analyse von Bildern,
Anekdoten und Allegorien die Voraussetzung für ihre korrekte ikonologische
Interpretation – es sei denn, wir haben es mit Kunstwerken zu tun, in
denen der ganze Bereich [43] des sekundären oder konventionalen Sujets
ausgeschaltet und ein unmittelbarer Übergang von Motiven zum Gehalt
bewirkt ist, wie es bei der europäischen Landschaftsmalerei, bei Stilleben
und Genremalerei der Fall ist, gar nicht zu reden von
'nichtgegenständlicher' Kunst.
Wie erreichen wir nun 'Korrektheit', wenn wir auf diesen drei Ebenen der
vorikonographischen Beschreibung, der ikonographischen Analyse und der
ikonologischen Interpretation arbeiten? Im
Fall einer vorikonographischen Beschreibung, die sich im Rahmen der
Motivwelt hält, scheint die Angelegenheit recht einfach zu sein. Die
Objekte und Ereignisse, deren Darstellung durch Linien, Farben und Volumen
die Motivwelt bildet, lassen sich, wie wir gesehen haben, auf der
Grundlage unserer praktischen Erfahrung identifizieren. Jedermann kann die
Gestalt und das Verhalten menschlicher Wesen, von Tieren und Pflanzen
erkennen, und jedermann kann ein zorniges Gesicht von einem fröhlichen
unterscheiden. Natürlich ist es möglich, daß in einem bestimmten Fall das
Spektrum unserer persönlichen Erfahrung nicht umfassend genug ist, so
etwa, wenn wir uns der Darstellung eines veralteten oder unvertrauten
Werkzeugs oder der Darstellung einer Pflanze oder eines Tieres
gegenübersehen, die uns nicht bekannt sind. In solchen Fällen müssen wir
das Spektrum unserer praktischen Erfahrung dadurch erweitern, daß wir ein
Buch oder einen Fachmann befragen; doch wir verlassen nicht den Bereich
praktischer Erfahrung als solcher, die uns – selbstredend – sagt, welcher
Fachmann zu befragen ist. Doch
selbst in diesem Bereich begegnen wir einem eigentümlichen Problem. Lassen
wir den Umstand beiseite, daß die in einem Kunstwerk abgebildeten Objekte,
Ereignisse und Ausdrucksweisen wegen des Unvermögens oder eines boshaften
Vorbedachts des Künstlers unerkennbar sind, es ist auch prinzipiell
unmöglich, dadurch zu einer korrekten vorikonographischen Beschreibung
oder Identifizierung des primären Sujets zu gelangen, daß wir unsere
praktische Erfahrung unterschiedslos und unkritisch auf das Kunstwerk
anwenden. Unsere praktische Erfahrung ist als Material für eine
vorikonographische Beschreibung ebenso unerläßlich wie ausreichend,
garantiert aber nicht deren Korrektheit.
Eine vorikonographische Beschreibung von Rogier van der
Weydens Drei Weisen, früher im Berliner Kaiser-Friedrich-Mu-[44]seum
(Abb. 1),
müßte natürlich solche Ausdrücke wie 'Weise', 'Jesuskind' und so fort
vermeiden. Aber sie hätte zu erwähnen, daß am Himmel die Erscheinung
eines kleinen Kindes zu sehen ist. Woher wissen wir, daß dieses Kind
als Erscheinung gedacht ist? Daß es von einer Gloriole aus goldenen
Strahlen umgeben ist, wäre kein ausreichender Beweis für diese Annahme,
denn ähnliche Gloriolen kann man häufig in Geburt-Christi-Darstellungen,
finden, bei denen das Jesuskind real ist. Daß das Kind in Rogiers Bild
als eine Erscheinung gedacht ist, läßt sich lediglich aus dem zusätzlichen
Umstand ableiten, daß es mitten in der Luft schwebt. Doch woher wissen
wir, daß es mitten in der Luft schwebt? Seine Hallung wäre nicht anders,
säße es auf einem Kissen auf dem Erdboden; ja, es ist höchst wahrscheinlich,
daß Rogier für sein Bild eine Modellzeichnung eines auf einem Kissen
sitzenden Kindes verwendet hat. Den einzig stichhaltigen Grund für unsere
Annahme, daß das Kind in dem Berliner Bild als Erscheinung gedacht ist,
bildet der Umstand, daß es ohne sichtbare Stütze im freien Raum abgebildet
ist.
Doch
wir können Hunderte von Darstellungen anführen, in denen menschliche
Wesen, Tiere und unbelebte Gegenstände frei im Raum zu hängen und das
Gesetz der Schwerkraft zu verleugnen scheinen, ohne daß sie vorgäben,
Erscheinungen zu sein. In einer Miniatur des Evangeliars Ottos III.
in der Münchner Staatsbibliothek beispielsweise ist in der Mitte eines
leeren Raumes eine ganze Stadt dargestellt, während die an der Handlung
beteiligten Personen auf festem Boden stehen (Abb.2).
(2) Ein unerfahrener Betrachter könnte durchaus annehmen, die Stadt sei so
gedacht, daß sie kraft irgendwelcher Magie mitten in der Luft hänge. Doch
in diesem Fall impliziert das Fehlen einer Stütze nicht ein wunderbares
Außer-Kraft-Setzen der Naturgesetze. Die Stadt ist die wirkliche Stadt
Nain, in der die Auferweckung des Jünglings stattfand. In einer Miniatur
um das Jahr 1000 gilt 'leerer Raum' nicht als reales dreidimensionales
Medium wie in einer realistischeren Epoche, sondern dient als abstrakter,
unwirklicher Hintergrund. Die seltsame halbkreisförmige Form dessen, was
die Grundlinie der Türme sein dürfte, bezeugt den Umstand, daß im
realistischeren Prototyp unserer Miniatur die Stadt auf einem hügeligen
Gelände gelegen hatte, daß sie aber in eine Darstellung übernommen wurde,
in der Raum aufgehört hatte, im Sinn eines perspektivischen Realismus
verstanden zu werden. So hat, während die ungestützte Figur in dem Bild
[45] Rogier van der Weydens als Erscheinung gilt, die schwebende Stadt in
der ottonischen Miniatur keine wunderbare Nebenbedeutung. Diese
kontrastierenden Interpretationen werden uns von den 'realistischen'
Eigenschaften des Gemäldes und den 'unrealistischen' Eigenschaften der
Miniatur nahegelegt. Doch daß wir diese Eigenschaften im Bruchteil einer
Sekunde und beinahe automatisch erfassen, muß uns nicht zu dem Glauben
verleiten, wir könnten jemals eine korrekte vorikonographische
Beschreibung eines Kunstwerkes geben, ohne, wie es auch hier der Fall ist,
seinen historischen '0rt' erraten zu haben. Obgleich wir meinen, wir
identifizierten die Motive auf der Grundlage unserer reinen und einfachen
praktischen Erfahrung, lesen wir in Wirklichkeit das, 'was wir sehen',
entsprechend der Art und Weise, wie Gegenstände und Ereignisse unter
wechselnden historischen Bedingungen durch Formen ausgedrückt werden.
Indem wir das tun, unterwerfen wir unsere praktische Erfahrung einem
berichtigenden Prinzip, das man die Stilgeschichte nennen könnte.
(3) Die ikonographische Analyse, die sich mit Bildern,
Anekdoten und Allegorien statt mit Motiven befaßt, setzt natürlich weit
mehr voraus als jene Vertrautheit mit Gegenständen und Ereignissen, wie
wir sie durch praktische Erfahrung erwerben. Sie setzt eine Vertrautheit
mit bestimmten Themen oder Vorstellungen voraus, wie sie durch
literarische Quellen vermittelt wird, sei es durch zielbewußtes Lesen oder
durch mündliche Tradition. Unser australischer Buschmann wäre außerstande,
das Sujet des letzten Abendmahls zu erkennen; ihm würde es nur die
Vorstellung einer erregten Tischgesellschaft vermitteln. Um die
ikonographische Bedeutung des Bildes zu verstehen, müßte er sich mit dem
Inhalt der Evangelien vertraut machen. Wenn es sich um Darstellungen
anderer Themen als biblischer Geschichten oder historischer und
mythologischer Szenen handelt, die dem durchschnittlichen 'Gebildeten'
zufällig bekannt sind, sind wir alle australische Buschleute. In solchen
Fällen müssen auch wir versuchen, uns mit dem vertraut zu machen, was die
Urheber jener Darstellungen gelesen hatten oder sonstwie wußten. Doch
abermals ist zwar die Bekanntschaft mit bestimmten Themen und
Vorstellungen, die durch literarische Quellen überliefert sind, eine
unerläßliche und ausreichende Grundlage für eine ikonographische Analyse,
doch deren Korrektheit ist dadurch noch nicht gewährleistet. Es ist für
uns ebenso unmöglich, eine [46] korrekte ikonographische Analyse dadurch
zu geben, daß wir unterschiedslos und unkritisch unser literarisches
Wissen auf die Motive anwenden, wie eine korrekte vorikonographische
Interpretation dadurch zu geben, daß wir unterschiedslos und unkritisch
unsere praktische Erfahrung auf die Formen anwenden. Ein
Bild des venezianischen Malers Francesco Maffei aus dem 17. Jahrhundert,
das eine hübsche junge Frau mit einem Schwert in ihrer Linken und einer
Schale in der Rechten darstellt, auf der der Kopf eines Enthaupteten liegt
(Abb.
3), wurde als Bildnis der Salome mit dem Kopf Johannes' des Täufers
veröffentlicht. (4) In der Tat erklärt die Bibel, der Kopf Johannes’ des
Täufers sei Salome auf einer Schüssel gebracht worden. Doch was ist mit
dem Schwert? Salome enthauptete Johannes den Täufer nicht eigenhändig. Nun
berichtet die Bibel aber von einer anderen hübschen Frau in Zusammenhang
mit der Enthauptung eines Mannes, nämlich von Judith. In diesem Fall liegt
die Situation genau umgekehrt. Das Schwert in Maffeis Bild wäre korrekt,
weil Judith den Holofernes eigenhändig enthauptete, doch die Schüssel
stimmt nicht mit dem Judith-Thema überein, weil der Text ausdrücklich
erklärt, der Kopf des Holofernes sei in einen Sack gesteckt worden. So
haben wir zwei mit gleichem Recht und mit gleicher Unstimmigkeit auf unser
Bild anwendbare literarische Quellen. Sollten wir es als Bildnis der
Salome interpretieren, würde der Text die Schüssel, aber nicht das Schwert
erklären; sollten wir es als Bildnis der Judith interpretieren, würde der
Text das Schwert, aber nicht die Schüssel erklären. Wir wären völlig
verraten und verkauft, müßten wir uns allein an die literarischen Quellen
halten. Glücklicherweise müssen wir das nicht. Ebenso wie wir unsere
praktische Erfahrung dadurch ergänzen und richtigstellen konnten, daß wir
die Art und Weise befragten, wie unter wechselnden historischen
Bedingungen Gegenstände und Ereignisse durch Formen ausgedrückt wurden,
nämlich die Stilgeschichte, so können wir unsere Kenntnis literarischer
Quellen dadurch ergänzen und richtigstellen, daß wir die Art und Weise
befragen, wie unter wechselnden historischen Bedingungen bestimmte Themen
oder Vorstellungen durch Gegenstände und Ereignisse ausgedrückt wurden,
nämlich die Typengeschichte. Im
vorliegenden Fall werden wir fragen müssen, ob es, ehe Francesco Maffei
sein Bild malte, unbestreitbare Judith-Bildnisse (unbestreitbar, weil sie
beispielsweise auch Judiths Diene-[47]rin zeigen) mit ungerechtfertigten
Schüsseln gab; oder unbestreitbare Salome-Bildnisse (unbestreitbar, weil
sie beispielsweise auch Salomes Eltern zeigen) mit ungerechtfertigten
Schwertern. Und siehe da, während wir keine einzige Salome mit einem
Schwert anführen können, begegnen wir in Deutschland und Norditalien
mehreren Gemälden aus dem 17. Jahrhundert, die Judith mit einer Schüssel
darstellen (5); es gab einen 'Typus' 'Judith mit Schüssel', aber es gab
keinen 'Typus' 'Salome mit Schwert'. Daraus können wir mit Sicherheit
schließen, daß auch Maffeis Bild Judith darstellt, und nicht, wie man
angenommen hat, Salome. Wir
können ferner fragen, warum sich Künstler berechtigt fühlten, das Motiv
der Schüssel von Salome auf Judith zu übertragen, aber nicht das Motiv des
Schwerts von Judith auf Salome. Diese Frage läßt sich, indem man abermals
die Typengeschichte befragt, mit zwei Gründen beantworten. Der eine ist,
daß das Schwert ein feststehendes und ehrenvolles Attribut der Judith,
vieler Märtyrer und solcher Tugenden war wie Gerechtigkeit,
Standhaftigkeit und so fort; deshalb ließ es sich schicklicherweise nicht
auf ein wollüstiges Mädchen übertragen. Der andere Grund ist, daß während
des 14. und 15. Jahrhunderts die Schüssel mit dem Kopf Johannes’ des
Täufers ein selbständiges 'Andachtsbild' geworden und besonders in den
nördlichen Ländern und in Norditalien populär war (Abb.
4); man hatte es aus einer Darstellung der Salome-Geschichte weithin
so herausgelöst, wie man die Gruppe des an der Brust des Herrn ruhenden
Evangelisten Johannes aus dem letzten Abendmahl oder die Jungfrau im
Kindbett aus der Geburt Jesu herausgelöst hatte. Das Vorhandensein dieses
Andachtsbildes etablierte eine feste Ideenverbindung zwischen dem Kopf
eines Enthaupteten und einer Schüssel, und daher ließ sich das Motiv einer
Schüssel leichter an die Stelle des Sack-Motives in einem Judith-Bild
setzen, als daß das Schwertmotiv hätte in ein Salome-Bild eingehen
können. Die ikonologische Interpretation schließlich
erfordert mehr als nur eine Vertrautheit mit bestimmten Themen und
Vorstellungen, wie sie durch literarische Quellen übermittelt wurden. Wenn
wir die Grundprinzipien erfassen möchten, die sowohl der Wahl und der
Darstellung von Motiven wie auch der Herstellung und Interpretation von
Bildern, Anekdoten und Allegorien zugrunde liegen und die sogar den
angewandten formalen [48] Anordnungen und technischen Verfahren Bedeutung
verleihen, können wir nicht darauf hoffen, einen einzelnen Text zu finden,
der mit jenen Grundprinzipien so übereinstimmt, wie Johannes 13, 21ff. mit
der Ikonographie des letzten Abendmahls übereinstimmt. Um diese Prinzipien
zu erfassen, benötigen wir eine geistige Fähigkeit, die derjenigen eines
Diagnostikers vergleichbar ist – eine Fähigkeit, die ich nicht besser
beschreiben kann als durch den ziemlich in Mißkredit geratenen Ausdruck
'synthetische Intuition' und die in einem begabten Laien besser entwickelt
sein kann als in einem belesenen Gelehrten. Je
subjektiver und irrationaler allerdings diese Interpretationsquelle ist
(denn jeder intuitive Ansatz wird durch die Psychologie und die
'Weltanschauung' des Interpreten geprägt sein), um so notwendiger ist die
Anwendung jener Korrektive und Kontrollen, die sich als unerläßlich
erwiesen, als es sich nur um ikonographische Analyse und
vorikonographische Beschreibung handelte. Wenn uns sogar unsere praktische
Erfahrung und unsere Kenntnis literarischer Quellen irreführen können,
falls sie unterschiedslos und unkritisch auf Kunstwerke angewandt werden,
um wieviel gefährlicher wäre es dann, rein und einfach unserer Intuition
zu vertrauen! Wie also unsere praktische Erfahrung durch eine Einsicht in
die Art und Weise zu korrigieren war, wie unter wechselnden historischen
Bedingungen Gegenstände und Ereignisse durch Formen ausgedrückt wurden
(Stilgeschichte), und wie unsere Kenntnis literarischer Quellen durch eine
Einsicht in die Art und Weise zu korrigieren war, wie unter wechselnden
historischen Bedingungen bestimmte Themen und Vorstellungen durch
Gegenstände und Ereignisse ausgedrückt wurden (Typengeschichte), so – und
noch mehr – ist unsere synthetische Intuition durch eine Einsicht in die
Art und Weise zu korrigieren, wie unter wechselnden historischen
Bedingungen die allgemeinen und wesentlichen Tendenzen des menschlichen
Geistes durch bestimmte Themen und Vorstellungen ausgedrückt wurden. Dies
meint etwas, was man eine Geschichte kultureller Symptome – oder 'Symbol'
im Sinn Ernst Cassirers – ganz allgemein nennen könnte. Der
Kunsthistoriker wird dasjenige, was seiner Meinung nach die eigentliche
Bedeutung des Werkes oder der Werkgruppe ist, der er sein Augenmerk
widmet, an dem zu messen haben, was seiner Meinung nach die eigentliche
Bedeutung so vieler anderer, historisch auf jenes Werk oder jene
Werkgruppe bezogener kultureller Dokumente ist, wie [49] er nur bewältigen
kann: von Dokumenten, die Zeugnis ablegen über die politischen,
poetischen, religiösen, philosophischen und gesellschaftlichen Tendenzen
der Person, der Epoche oder des Landes, die zur Debatte stehen.
Selbstredend sollte umgekehrt der Historiker des politischen Lebens, der
Poesie, der Religion, der Philosophie und der gesellschaftlichen
Situationen analogen Gebrauch von Kunstwerken machen. Gerade bei der Suche
nach der eigentlichen Bedeutung oder dem Gehalt treffen sich die
verschiedenen geisteswissenschaftlichen Disziplinen auf einer gemeinsamen
Ebene, statt sich gegenseitig als Handlanger zu dienen. Zum
Schluß: Wenn wir uns sehr streng ausdrücken wollen (was natürlich bei
unserem normalen Reden oder Schreiben, wo der allgemeine Kontext Licht auf
die Bedeutung unserer Wörter wirft, nicht immer nötig ist), müssen wir
zwischen drei Sujet – oder Bedeutungsschichten unterscheiden, deren
unterste gewöhnlich mit Form verwechselt wird und deren zweite das
spezielle Gebiet der Ikonographie im Gegensatz zur Ikonologie ist. In
welcher Schicht wir uns auch bewegen: Unsere Identifizierungen und
Interpretationen hängen von unserer subjektiven Ausrüstung ab, und aus
diesem Grund müssen sie durch eine Einsicht in historische Prozesse
ergänzt und korrigiert werden, deren Gesamtsumme man Tradition nennen
könnte. Ich habe in einer synoptischen Tabelle
zusammengefaßt, was ich bis hierher deutlich zu machen versucht habe. Aber
wir müssen in Erinnerung behalten, daß die säuberlich geschiedenen
Kategorien, die in dieser synoptischen Tabelle drei unabhängige
Bedeutungssphären anzuzeigen scheinen, sich in Wirklichkeit auf Aspekte
eines Phänomens beziehen, nämlich auf das Kunstwerk als Ganzes, so daß bei
der eigentlichen Arbeit die Zugangsmethoden, die hier als drei
unzusammenhängende Forschungsoperationen erscheinen, miteinander zu einem
einzigen organischen und unteilbaren Prozeß verschmelzen. [50]
Gegenstand der Interpretation |
Akt
der Interpretation |
Ausrüstung für die Interpretation |
Korrektivprinzip der Interpretation
(Traditionsgeschichte) |
I
Primäres, oder natürliches Sujet – (A)
tatsachenhaft, (B)
ausdruckshaft–, das die Welt
künstlerischer Motive bildet |
Vor-ikonographische Beschreibung (und
pseudoformale Analyse) |
Praktische Erfahrung (Vertrautheit mit
Gegenständen und Ereignissen) |
Stil-Geschichte (Einsicht in die Art und Weise, wie
unter wechselnden histori- schen
Bedingungen Gegenstände und Ereignisse durch
Formen ausgedrückt wurden) |
II Sekundäres oder konventionales
Sujet,
das die Welt von Bildern, Anekdoten und
Allegorien bildet |
Ikonographische Analyse |
Kenntnis literarischer Quellen
(Vertrautheit mit bestimmten Themen und
Vorstel- lungen) |
Typen-Geschichte (Einsicht in die Art und Weise, wie
unter wechselnden histo- rischen
Bedingungen bestimmte Themen oder Vorstellungen durch
Gegenstände und Ereignisse ausgedrückt
wurden) |
| III
Eigentliche Bedeutung oder Gehalt, der die Welt
'symbolischer' Werte bildet |
Ikonologische Interpretation |
Synthetische Intuition (Vertrautheit mit den
wesentlichen Tendenzen des menschlichen Geistes), geprägt
durch persönliche Psychologie und 'Weltanschauung |
Geschichte kultureller Symptome oder
'Symbole' allgemein (Einsicht in die Art und Weise, wie unter
wechselnden historischen Beding- ungen
wesentliche Tendenzen des menschlichen Geistes durch
bestimmte Themen und Vorstellungen ausgedrückt
wurden) |
[51] II Wenn wir uns nun von den Problemen der
Ikonographie und der Ikonologie im allgemeinen den Problemen der
Renaissance-Ikonographie und -Ikonologie im besonderen zuwenden, werden
wir natürlich am meisten an jenem Phänomen interessiert sein, von dem sich
schon der Name der Renaissance ableitet: an der Wiedergeburt der
klassischen Antike. Die
älteren italienischen kunstgeschichtlichen Autoren, wie etwa Lorenzo
Ghiberti, Leone Battista Alberti und vor allem Giorgio Vasari, waren der
Ansicht, die antike Kunst sei zu Beginn des christlichen Zeitalters
überwunden worden und sie habe sich nicht wiederbelebt, bis sie als
Grundlage des Renaissancestils gedient habe. Die Gründe für diese
Überwindung waren, wie jene Autoren es sahen, der Einfall barbarischer
Völkerstämme und die Feindseligkeit der frühen christlichen Priester und
Gelehrten. Indem sie so dachten, hatten die frühen Autoren
sowohl recht wie unrecht. Unrecht hatten sie insofern, als es im
Mittelalter keinen vollständigen Bruch mit der Tradition gab. Antike
literarische, philosophische, wissenschaftliche und künstlerische
Vorstellungen hatten sich die ganzen Jahrhunderte hindurch am Leben
erhalten, vor allem nachdem sie unter Karl dem Großen und seinen
Nachfolgern mit voller Absicht wiederbelebt worden waren. Die frühen
Autoren hatten allerdings insofern recht, als die allgemeine Einstellung
gegenüber der Antike sich fundamental änderte, als die
Renaissance-Bewegung einsetzte. Das
Mittelalter war für die visuellen Werte der antiken Kunst keineswegs
blind, und es interessierte sich intensiv für die geistigen und poetischen
Werte der antiken Literatur. Bedeutsam ist jedoch, daß gerade auf dem
Höhepunkt der mittelalterlichen Epoche (im 13. und 14. Jahrhundert) antike
Motive nicht zur Darstellung antiker Themen verwendet und daß umgekehrt
antike Themen nicht durch antike Motive ausgedrückt wurden. An
der Fassade von San Marco in Venedig kann man beispielsweise zwei große
Reliefs gleicher Größe sehen, das eine davon eine römische Arbeit aus dem
3. christlichen Jahrhundert, das andere fast genau ein Jahrtausend später
in Venedig ausgeführt (Abb.
5 und 6).
(6) Die Motive sind so ähnlich, daß man zu der Annahme gezwungen ist, der
mittelalterliche Bildhauer habe die Arbeit absichtlich kopiert, um ein
Gegenstück dazu zu schaffen. Doch während das römische Relief Herkules
zeigt, wie er [52] den Erymantheischen Eber zu König Euristeus trägt, hat
der mittelalterliche Meister, indem er das Löwenfell durch ein gebauschtes
Tuch, den verängstigten König durch einen Drachen und den Eber durch einen
Hirsch ersetzte, die mythologische Geschichte in eine Allegorie der
Erlösung umgewandelt. In der italienischen und französischen Kunst des 12.
und 13. Jahrhunderts finden wir eine große Anzahl ähnlicher Fälle, nämlich
von unmittelbaren und absichtlichen Übernahmen antiker Motive, während die
heidnischen Themen in christliche verwandelt wurden. Es möge genügen, die
bekanntesten Exemplare dieser sogenannten Proto-Renaissance-Bewegung zu
erwähnen: die Skulpturen von St. Gilles und Arles; die berühmte
Heimsuchung in der Kathedrale von Reims, die man lange Zeit für ein
Werk des 16. Jahrhunderts gehalten hat; oder Niccolo Pisanos Anbetung
der Weisen, in der die Gruppe der Jungfrau Maria und des Jesuskindes
den Einfluß eines Phaedra-Sarkophages zeigen, der auf dem Camposanto von
Pisa noch immer erhalten ist. Noch häufiger jedoch als solche
unmittelbaren Kopien sind Beispiele eines kontinuierlichen und
traditionellen Weiterlebens antiker Motive, von denen einige nacheinander
für eine ganze Anzahl christlicher Bilder verwendet wurden. In
der Regel wurden derartige Uminterpretationen durch eine gewisse
ikonographische Verwandtschaft erleichtert oder sogar nahegelegt, so
beispielsweise, wenn die Gestalt des Orpheus für die Darstellung des David
verwendet oder wenn der Typus des den Zerberus aus dem Hades zerrenden
Herkules benützt wurde, um Christus abzubilden, wie er Adam aus der
Vorhölle zieht. (7) Es gibt jedoch auch Fälle, in denen die Beziehung
zwischen dem antiken Prototyp und seiner christlichen Übernahme rein
kompositionell ist. Wenn
andererseits ein gotischer Buchmaler die Laokoon-Geschichte zu
illustrieren hatte, wurde Laokoon zu einem wilden und kahlköpfigen alten
Mann in zeitgenössischem Gewand, der den Opferstier mit etwas angeht, daß
eine Axt sein soll, während die beiden kleinen Jungen unten im Bild
umherschwimmen und die Seeschlangen munter aus einem Wasserbecken
auftauchen. (8) Dido und Aeneas werden als elegantes mittelalterliches
Paar beim Schachspiel gezeigt, oder sie können als eine Gruppe erscheinen,
die an den Propheten Nathan vor David erinnert, nicht aber an einen
antiken Helden vor seiner Geliebten (Abb.
7). Und Thisbe erwartet Pyramus auf einem gotischen Grabstein, der die
[53] Inschrift „Hic situs est Ninus rex“ mit dem üblichen Kreuz davor
trägt (Abb.
8). (9) Fragen wir nach dem Grund für diese seltsame
Scheidung zwischen antiken Motiven im Gewand einer nicht-antiken Bedeutung
und antiken Themen, ausgedrückt durch nicht-antike Gestalten in einer
nicht-antiken Umgebung, scheint die offenkundige Antwort im Unterschied
zwischen darstellerischer und textlicher Tradition zu liegen. Die
Künstler, die das Motiv eines Herkules für ein Christus-Bild oder das
Motiv eines Atlas für die Evangelisten-Bilder verwendeten (Abb.
9 und 10),
(10) handelten unter dem Eindruck visueller Modelle, die sie vor Augen
hatten, sei es, daß sie ein antikes Denkmal unmittelbar kopierten oder daß
sie ein neueres Werk nachahmten, das über eine Reihe vermittelnder
Umwandlungen von einem antiken Prototyp abgeleitet war. Die Künstler, die
Medea als mittelalterliche Prinzessin oder Jupiter als einen
mittelalterlichen Richter darstellten, übersetzten eine bloße, in
literarischen Quellen gefundene Beschreibung in Bilder. Dies
ist in starkem Maß der Fall, und die textliche Tradition, durch welche die
Kenntnis antiker Themen, zumal der antiken Mythologie, ans Mittelalter
weitergegeben und in ihm erhalten wurde, ist von höchster Wichtigkeit
nicht nur für den Mediävisten, sondern auch für denjenigen, der sich mit
der Renaissance-Ikonographie befaßt. Denn selbst im Quattrocento bezogen
viele Menschen ihre Vorstellungen über antike Mythologie und verwandte
Gegenstände aus dieser komplexen und häufig verderbten Tradition, nicht
aus echten antiken Quellen.
Beschränken wir uns auf die antike Mythologie, so lassen sich die Wege
dieser Tradition folgendermaßen skizzieren: Die späteren griechischen
Philosophen hatten bereits begonnen die heidnischen Götter und Halbgötter
als bloße Personifikationen entweder von Naturkräften oder moralischen
Eigenschaften zu interpretieren, und einige von ihnen waren so weit
gegangen, sie zu gewöhnlichen menschlichen Wesen zu erklären, die in der
Folge vergöttlicht worden waren. Im letzten Jahrhundert des Imperium
Romanum nahmen diese Tendenzen erheblich zu. Während sich die Kirchenväter
zu beweisen mühten, daß die heidnischen Götter entweder Illusionen oder
bösartige Dämonen gewesen seien (wobei sie viele wertvolle Informationen
über sie überlieferten), hatte sich die heidnische Welt so sehr von ihren
Gottheiten entfremdet, daß sich die Gebildeten anhand von [54]
Enzyklopädien, didaktischen Gedichten oder Romanen, speziellen
Abhandlungen über Mythologie und Kommentaren zu den antiken Dichtern in
sie einarbeiten mußten. Wichtig unter diesen spätantiken Schriften, in
denen die mythologischen Gestalten auf allegorische Weise interpretiert
oder – um den mittelalterlichen Ausdruck zu gebrauchen – 'moralisiert'
wurden, waren Martianus Capellas Nuptiae Mercurii et Philologiae,
Fulgentius' Mitologiae und vor allem Servius' bewundernswerter
Virgil-Kommentar, der drei- oder viermal so lang wie der Text ist und
vielleicht einen breiteren Leserkreis hatte als dieser.
Während des Mittelalters wurden diese Schriften und andere ihrer Art
gründlich verwertet und weiterentwickelt. Dadurch erhielt sich die
mythologische Information am Leben und wurde für mittelalterliche Dichter
und Künstler zugänglich. Erstens in den Enzyklopädien, deren Entwicklung
mit so frühen Autoren wie Beda und Isidor von Sevilla begann die von
Hrabanus Maurus (9. Jahrhundert) fortgesetzt wurde, und die einen
Höhepunkt in den gewaltigen mittelalterlichen Werken des Vincentius von
Beauvais, des Brunetto Latini, des Bartholomaeus Anglicus und so fort
erreichte. Zweitens in den mittelalterlichen Kommentaren zu antiken und
spätantiken Texten, zumal zu Martianus Capellas Nuptiae, die von
irischen Gelehrten wie Johannes Scotus Erigena mit Anmerkungen versehen
und von Remigius von Auxerre (9. Jahrhundert) (11) maßgeblich kommentiert
wurden. Drittens in speziellen Traktaten über Mythologie wie den
sogenannten Mythographi I und II, die noch ziemlich frühen
Datums sind und sich hauptsächlich auf Fulgentius und Servius stützen.
(12) Das wichtigste Werk dieser Art, der sogenannte Mythographus
III, wurde versuchsweise einem Engländer, dem großen Scholastiker
Alexander Neckham (gest. 1217) zugeschrieben (13); sein Traktat, ein
eindrucksvoller Überblick über alles, was um 1200 an Informationen
zugänglich war, verdient das abschließende Kompendium
hochmittelalterlicher Mythographie genannt zu werden und wurde selbst von
Petrarca benutzt, als er in seinem Gedicht Africa die Bilder
heidnischer Götter beschrieb.
Zwischen der Zeit des Mythographus III und Petrarca war ein
weiterer Schritt in der Moralisierung antiker Gottheiten getan worden. Die
Gestalten der antiken Mythologie wurden nicht nur auf allgemeine
moralisierende Weise interpretiert, sondern ganz eindeutig auf den
christlichen Glauben bezogen, so daß beispielsweise Pyramus als Christus,
Thisbe als die menschliche Seele und [55] der Löwe als der seine Kleidung
beschmutzende Böse interpretiert wurden; Saturn hingegen diente, sowohl im
guten wie im üblen Sinn, als Beispiel für das Verhalten von Klerikern.
Beispiele dieses Schriftentypus sind der französische Ovide Moralisé
(14), John Ridewalls Fulgentius Metaforalis (15), Robert
Holcotts Moralitates, die Gesta Romanorum und vor allem der
Moralisierte Ovid in Latein, um 1340 von einem französischen
Theologen namens Petrus Berchorius oder Pierre Bersuire geschrieben, der
persönlich mit Petrarca bekannt war. (16) Seinem Werk geht ein spezielles
Kapitel über die heidnischen Götter voraus, das sich hauptsächlich auf den
Mythographus III stützt, aber durch spezifisch christliche
Moralisierungen angereichert ist, und diese Einführung ohne die um der
Kürze willen weggelassenen Moralisierungen gewann unter dem Namen
Albricus, Libellus de Imaginibus Deorum (17) große
Beliebtheit. Einen neuen und höchst bedeutsamen Anfang machte
Boccaccio. In seiner Genealogia Deorum (18) gab er nicht nur einen
neuen Überblick über das Material, das sich seit etwa 1200 erheblich
erweitert hatte, sondern er versuchte auch bewußt, auf die echten antiken
Quellen zurückzugreifen und sie sorgfältig miteinander zu vergleichen.
Seine Abhandlung markiert den Beginn einer kritischen oder
wissenschaftlichen Einstellung gegenüber der klassischen Antike und kann
ein Vorläufer von solch wahrhaft gelehrten Renaissanceabhandlungen wie
De diis gentium...Syntagmata von L. G. Gyraldus genannt
werden, der, unter seinem Blickwinkel, vollauf berechtigt war, auf seinen
populärsten mittelalterlichen Vorläufer als einen »proletarischen und
unzuverlässigen Autor« hinabzusehen. (19) Man
wird bemerken, daß bis hin zu Boccaccios Genealogia Deorum der
Brennpunkt der mittelalterlichen Mythographie eine Region war, die weitab
von der unmittelbaren mediterranen Tradition lag: Irland, Nordfrankreich
und England. Dies gilt auch für den trojanischen Stoffkreis, das
wichtigste epische Thema, das die klassische Antike an die Nachwelt
überliefert hat; seine erste maßgebliche mittelalterliche Bearbeitung, der
Roman de Troie, der häufig gekürzt, zusammengefaßt und in andere
Sprachen übersetzt wurde, geht auf den aus der Bretagne stammenden Benoit
de Sainte-More zurück. Wir sind in der Tat berechtigt, von einer im
nördlichen Europa konzentrierten proto-humanistischen Bewegung zu
sprechen, nämlich von einem aktiven Interesse an antiken Themen ohne
Rücksicht auf antike Mo-[56]tive, und zwar im Gegensatz zu einer
Proto-Renaissance-Bewegung, nämlich einem aktiven, in der Provence und in
Italien konzentrierten Interesse an antiken Motiven ohne Rücksicht auf
antike Themen. Es ist eine bemerkenswerte Tatsache, die wir in Erinnerung
behalten müssen, um die Renaissancebewegung angemessen zu verstehen, daß
Petrarca, als er die Götter seiner römischen Vorfahren beschrieb, ein von
einem Engländer verfaßtes Kompendium zu Rat ziehen mußte und daß die
italienischen Buchmaler, die im 15. Jahrhundert Virgils Aeneis
illustrierten, auf die Miniaturen in den Manuskripten des Roman de
Troie und seiner Nachkömmlinge zurückgreifen mußten. Denn diese,
Lieblingslesestoff adeliger Laien, waren lange vor dem virgilschen Text
selber, der von Gelehrten und Schuljungen gelesen wurde, reichlich
illustriert worden und hatten die Aufmerksamkeit berufsmäßiger Buchmaler
auf sich gezogen. (20) Es
ist in der Tat leicht zu erkennen, daß die Künstler, die vom Ende des 11.
Jahrhunderts an versuchten, jene proto-humanistischen Texte in Bilder zu
übersetzen, sie nicht anders wiedergeben konnten als in einer Weise, die
sich völlig von den antiken Traditionen unterschied. Eines der frühesten
Beispiele gehört zu den frappierendsten: Eine Miniatur von etwa 1100, die
wahrscheinlich in der Regensburger Schule angefertigt wurde, zeigt die
antiken Gottheiten entsprechend den Beschreibungen in Remigius‘
Kommentar zu Martianus Capella (Abb.
11). (21) Apollo fährt in einem Bauernwagen und hält eine Art
Blumenstrauß mit den Büsten der drei Grazien in der Hand. Saturn sieht
eher wie eine romanische Gewändefigur aus als wie der Vater der
olympischen Götter, und der Rabe des Jupiter ist wie der Adler des
Evangelisten Johannes oder die Taube des heiligen Georg mit einem winzigen
Heiligenschein ausgestattet.
Nichtsdestoweniger kann der Gegensatz zwischen darstellerischer und
textlicher Tradition allein, so wichtig er auch ist, nicht die seltsame
Dichotomie antiker Motive und antiker Themen erklären, wie sie für die
hochmittelalterliche Kunst charakteristisch ist. Denn selbst wenn es für
bestimmte Bereiche der antiken Bildwelt eine darstellerische Tradition
gegeben hatte, wurde sie doch absichtlich zugunsten von Darstellungen
völlig unantiken Charakters preisgegeben, sobald das Mittelalter einen ihm
völlig eigentümlichen Stil erreicht hatte.
Beispiele dieses Prozesses finden sich erstens in antiken Bildern
(images), die gelegentlich in Darstellungen christlicher Sujets
auf-[57]treten, etwa in den Personifikationen von Naturkräften,
beispielsweise im Utrechter Psalter, oder im Fall von Sonne und Mond bei
der Kreuzigung. Während karolingische Elfenbeinarbeiten noch immer die
völlig antiken Typen der Quadriga Solis und der Biga Lunae
zeigen (22), werden in romanischen und gotischen Darstellungen diese
antiken Typen durch nicht-antike abgelöst. Die Personifikationen der Natur
tendierten dazu, zu verschwinden; nur die häufig in Szenen des Martyriums
zu findenden heidnischen Idole behielten länger als andere Bilder (images)
ihr antikes Aussehen, weil sie die Symbole par excellence des Heidentums
waren. Zweitens, und das ist viel wichtiger, tauchen echte antike Bilder
(images) in den Illustrationen solcher Texte auf, die bereits in
spätantiken Zeiten illustriert worden waren, so daß den karolingischen
Künstlern visuelle Modelle zur Verfügung standen: z.B. die Komödien des
Terenz, die in Hrabanus Maurus’ De Universo aufgenommenen Texte,
die Psychomachia des Prudentius und wissenschaftliche Schriften,
besonders Abhandlungen über Astronomie, wo mythologische Bilder (images)
sowohl unter den Sternbildern (wie Andromeda, Perseus, Cassiopeia) wie
auch als Planeten auftreten (Saturn, Jupiter, Mars, Sol, Venus, Merkur,
Luna). In all diesen Fällen können wir beobachten, daß
die antiken Bilder (images) getreulich, wenngleich häufig plump, in
karolingischen Manuskripten kopiert wurden und sich in deren Abkömmlingen
erhielten, daß sie aber spätestens im 13. und 14. Jahrhundert aufgegeben
und durch völlig andere ersetzt wurden. In
den Illustrationen eines astronomischen Textes aus dem 9. Jahrhundert sind
derartige mythologische Gestalten wie Boötes (Abb.
15), Perseus, Herkules oder Merkur in perfekt antiker Weise
wiedergegeben, und das gleiche gilt für die heidnischen Gottheiten, die in
der Enzyklopädie des Hrabanus Maurus vorkommen. (23) Bei all ihrer
Plumpheit, die hauptsächlich auf das Unvermögen des kläglichen Kopisten
des verschollenen karolingischen Manuskripts aus dem 11. Jahrhundert
zurückgeht, sind die Gestalten in den Hrabanus-Illustrationen
offensichtlich nicht aus bloßen literarischen Beschreibungen ertüftelt,
sondern über eine darstellerische Tradition mit antiken Prototypen
verknüpft (Abb. 12
und 13).
Einige Jahrhunderte später allerdings waren diese originalen Bilder in
Vergessenheit geraten und wurden durch andere – zum Teil neu erfundene,
zum Teil Ableitungen aus orientalischen [58] Quellen – ersetzt, die kein
moderner Betrachter jemals als antike Gottheiten erkennen könnte. Venus
wird als elegante junge Dame gezeigt, die Laute spielt oder an einer Rose
riecht, Jupiter als Richter mit Handschuhen in der Hand und Merkur als ein
alter Gelehrter oder sogar als Bischof (Abb.
14). (24) Erst mit der eigentlichen Renaissance nahm Jupiter wieder
das Aussehen des antiken Zeus an und erlangte Merkur wieder die
jugendliche Schönheit des antiken Hermes. (25) All
dies zeigt, daß die Trennung antiker Themen von antiken Motiven nicht nur
aus Mangel an einer darstellerischen Tradition stattfand, sondern sogar
trotz einer darstellerischen Tradition. Wo immer in der karolingischen
Epoche der fieberhaften Assimilation ein antikes Bild (image), also eine
Verschmelzung eines antiken Themas mit einem antiken Motiv kopiert worden
war, wurde dieses antike Bild (image) aufgegeben, sobald die
mittelalterliche Kultur ihren Höhepunkt erreicht hatte, und nicht vor dem
italienischen Quattrocento wieder zum Leben erweckt. Es war das Privileg
der eigentlichen Renaissance, antike Themen nach dem, was man eine Stunde
Null nennen könnte, wieder mit antiken Motiven zu vereinigen. Für
das mittelalterliche Denken war die klassische Antike zu weit entfernt,
gleichzeitig aber auch zu nachdrücklich gegenwärtig, um als historisches
Phänomen verstanden zu werden. Einerseits empfand man eine ungebrochene
Kontinuität der Tradition insofern, als beispielsweise der deutsche Kaiser
als der direkte Nachfolger Caesars und Augustus’ galt, während die
Sprachforscher Cicero und Donatus als ihre Vorväter betrachteten und die
Mathematiker ihre Ahnenreihe auf Euklid zurückführten. Andererseits spürte
man, daß eine unüberbrückbare Kluft zwischen einer heidnischen und einer
christlichen Zivilisation bestand. (26) Diese beiden Tendenzen konnte man
noch nicht so zum Ausgleich bringen, daß das Gefühl der historischen
Distanz möglich gewesen wäre. In vielen Köpfen nahm die antike Welt einen
entfernten, märchenhaften Charakter an wie der zeitgenössische heidnische
Osten, so daß Villard de Honnecourt ein römisches Grabmal „la sepouture
d’un sarrazin“ nennen konnte, während man Alexander den Großen und
Virgil für orientalische Zauberer hielt. Für andere war die antike Welt
der grundlegende Quell äußerst geschätzten Wissens und altehrwürdiger
Institutionen. Doch kein mittelalterlicher Mensch konnte die Kultur der
Antike als ein eigenständiges Phänomen erkennen, das schon der
Ver-[59]gangenheit angehörte und historisch von der zeitgenössischen Welt
entfernt war: als einen Kulturkosmos, den es zu erforschen und, wenn
möglich, wieder einzugliedern galt, anstatt sie als eine Welt lebendiger
Wunder oder als ein Reservoir an Informationen zu nehmen. Die
scholastischen Philosophen konnten die Gedanken des Aristoteles verwenden
und sie mit ihrem eigenen System verschmelzen, und die mittelalterlichen
Dichter konnten frei Entlehnungen bei den antiken Autoren machen, doch
kein mittelalterlicher Kopf vermochte sich eine antike Philologie
vorzustellen. Die Künstler konnten, wie wir gesehen haben, die Motive
antiker Reliefs und antiker Statuen verwerten, doch kein mittelalterlicher
Kopf vermochte sich eine antike Archäologie vorzustellen. Ebenso, wie es
dem Mittelalter unmöglich war, das moderne System der Perspektive zu
erarbeiten, das auf der Erkenntnis einer feststehenden Entfernung zwischen
dem Auge und dem Gegenstand beruht und es so dem Künstler ermöglicht,
umfassende und folgerichtige Bilder sichtbarer Dinge herzustellen, war es
ihm unmöglich, die moderne Idee der Geschichte zu entwickeln, die auf der
Erkenntnis einer intellektuellen Entfernung zwischen der Gegenwart und der
Vergangenheit beruht und es dem Gelehrten ermöglicht, umfassende und
folgerichtige Vorstellungen vergangener Epochen zu etablieren.
Wir können mühelos einsehen, daß eine Epoche, die außerstande und nicht
willens war zu erkennen, daß antike Motive und antike Themen strukturell
zusammengehörten, es in der Tat vermied, die Gemeinsamkeit der beiden zu
wahren. Sowie das Mittelalter seine eigenen kulturellen Standards
festgelegt und seine eigenen Methoden des künstlerischen Ausdrucks
begründet hatte, wurde es unmöglich, ein Phänomen zu genießen oder auch
nur zu verstehen, das mit den Phänomenen der zeitgenössischen Welt keinen
gemeinsamen Nenner hatte. Der hochmittelalterliche Betrachter konnte eine
schöne antike Figur würdigen, wenn sie ihm als Jungfrau Maria präsentiert
wurde, und er konnte eine Thisbe würdigen, die als ein neben einem
gotischen Grabstein sitzendes Mädchen des 13. Jahrhunderts abgebildet war.
Doch eine Venus oder eine Juno in antiker Form wie in antiker Bedeutung
wäre ein abscheuliches heidnisches Idol gewesen, während eine Thisbe in
antikem Gewand und neben einem antiken Grabmal sitzend eine archäologische
Rekonstruktion gewesen wäre, die jenseits der mittelalterlichen
Vorstellungsmöglichkeiten gelegen hätte. Im 13. Jahrhundert empfand man
selbst die antike [60] Schrift als etwas völlig 'Fremdes': Die erklärenden
Inschriften im karolingischen Cod. Leydensis Voss. lat. 79, in
einer schönen Capitalis Rustica geschrieben, wurden weniger
gebildeten Lesern zuliebe in eckiger hochgotischer Schrift kopiert (Abb.
15). Dieses Unvermögen, die innere 'Einheit' antiker
Themen und antiker Motive zu erkennen, läßt sich jedoch nicht nur aus
einem Mangel an historischem Empfinden, sondern auch aus der emotionalen
Ungleichartigkeit von christlichem Mittelalter und heidnischer Antike
erklären. Während das hellenische Heidentum – zumindest in seiner
Spiegelung in der antiken Kunst – den Menschen als eine integrale Einheit
von Körper und Seele ansah, gründete sich die jüdisch-christliche
Vorstellung vom Menschen auf die Idee vom 'Erdklumpen', der gewaltsam oder
sogar wunderbarerweise mit einer unsterblichen Seele vereint ist. Unter
diesem Blickwinkel schienen die bewundernswerten künstlerischen Formeln,
die in griechischer und römischer Kunst organische Schönheit und
animalische Leidenschaften ausgedrückt hatten, nur zulässig zu sein, wenn
sie mit einer mehr als organischen und mehr als natürlichen Bedeutung
ausgestattet, das heißt, wenn sie biblischen oder theologischen Themen
dienstbar gemacht waren. In weltlichen Szenen hingegen waren diese Formeln
durch andere zu ersetzen, die, mit der mittelalterlichen Atmosphäre
höfischen Benehmens und konventionaler Empfindungen in Einklang standen,
so daß von Liebe oder Grausamkeit besessene heidnische Gottheiten und
Heroen als elegante Prinzen und Jungfrauen auftraten, deren Aussehen und
Verhalten mit den Kanons mittelalterlichen gesellschaftlichen Lebens
harmonisierten. In einer Miniatur aus einem Ovide Moralisé
des 14. Jahrhunderts wird der Raub der Europa von Gestalten ausgeführt,
die ganz sicher wenig leidenschaftliche Erregung ausdrücken (Abb.
16). (27) Die in ein spätmittelalterliches Gewand gekleidete Europa
sitzt auf ihrem harmlosen kleinen Stier wie eine junge Dame beim
morgendlichen Ausritt, und ihre ähnlich gewandeten Gefährtinnen bilden
eine ruhige kleine Gruppe von Zuschauerinnen. Natürlich sind sie so
gedacht, daß sie Qualen empfinden und weinen, aber sie tun es nicht, oder
zumindest überzeugen sie uns nicht davon, daß sie es tun, weil der
Buchmaler weder fähig noch geneigt war, animalische Leidenschaften
sichtbar zu machen. Eine Zeichnung
Dürers, die er nach einem italienischen Prototyp vermutlich während seines
ersten Venedig-Aufenthaltes anfertigte, betont die emotionale Vitalität,
die in mittelalterlichen [61] Darstellungen fehlte (Abb.
65). Die literarische Quelle für Dürers Raub der Europa war kein
weitschweifiger Text mehr, in dem der Stier mit Christus und Europa mit
der menschlichen Seele verglichen wurde, sondern es waren die heidischen
Verse des Ovid selber, die Angelo Politiano in zwei köstlichen Stanzen zu
neuem Leben erweckt hatte: „Du kannst Jupiter bewundern, wie ihn die Kraft
der Liebe in einen prächtigen Stier verwandelt hat. Er stürmt mit seiner
süßen, erschreckten Last davon, und sie wendet das Gesicht zurück zu der
verlorenen Küste, das schöne, goldene Haar flatternd im Wind, der ihr
Gewand nach hinten wellt. Mit einer Hand faßt sie das Horn des Stieres,
während sie sich mit der anderen an seinem Rücken festhält. Sie zieht die
Beine an, als fürchte sie, das Meer könne sie naß machen, und so vor
Schmerz und Furcht hingekauert, ruft sie vergeblich um Hilfe. Denn ihre
lieblichen Gefährtinnen bleiben an der blumigen Küste zurück, und jede von
ihnen ruft: 'Europa, komm zurück'. Die ganze Küste hallt wider von
'Europa, komm zurück', und der Stier blickt sich um [oder 'schwimmt
weiter'] und küßt ihr die Füße.“ (28)
Dürers Zeichnung verleiht dieser sinnlichen Beschreibung tatsächlich
Leben. Die kauernde Haltung der Europa, ihr flatterndes Haar, ihr vom Wind
nach hinten gewehtes Gewand, das so ihren reizvollen Körper enthüllt, die
Gebärden ihrer Hände, die verstohlene Bewegung des Stierkopfes, die Küste
mit den verstreuten Gefährtinnen: All das ist getreulich und lebendig
abgebildet; mehr noch, der Strand selber wimmelt von aquatici
monstriculi, um mit den Worten eines anderen Autors aus dem
Quattrocento zu sprechen (29), während Satyrn dem Entführer
zujubeln. Dieser Vergleich illustriert die Tatsache, daß die
Wiedervereinigung antiker Themen mit antiken Motiven, die charakteristisch
für die italienische Renaissance im Gegensatz zu zahlreichen sporadischen
Wiederbelebungen antiker Tendenzen im Mittelalter zu sein scheint, nicht
nur ein humanistisches, sondern auch ein humanes Ereignis ist. Sie ist ein
höchst wichtiges Element dessen, was Burckhardt und Michelet „die
Entdeckung sowohl der Welt wie des Menschen“ nannten.
Andererseits leuchtet von selber ein, daß diese Wiedervereinigung nicht
eine einfache Rückkehr zur antiken Vergangenheit sein konnte. Die
dazwischenliegende Epoche hatte das Denken der Menschen verändert, so daß
sie sich nicht wieder in Heiden [62] verwandeln konnten; und sie hatte
ihren Geschmack und ihre produktiven Neigungen verändert, so daß ihre
Kunst nicht einfach die Kunst der Griechen und Römer erneuern konnte. Sie
mußten nach einer neuen Ausdrucksform suchen, die sich stilistisch und
ikonographisch von der antiken wie von der mittelalterlichen unterschied
und doch auf beide bezogen und beiden verpflichtet war.
[63]
Anmerkungen
(1) Bilder,
die die Idee, nicht von konkreten und individuellen Personen oder Objekten
(wie des heiligen Bartholomäus, der Venus, Mr. Jones' oder von Schloß
Windsor) vermitteln, sondern von abstrakten und allgemeinen Begriffen wie
des Glaubens, der Verschwendung, der Weisheit und so fort, werden entweder
Personifikationen oder Symbole (nicht im Sinn Cassirers, sondern im
gewöhnlichen Sinn, zum Beispiel des Kreuzes oder der Jungfräulichkeit)
genannt. So lassen sich Allegorien im Gegensatz zu Anekdoten als
Kombinationen von Personifikationen und/oder Symbolen definieren.
Natürlich gibt es viele dazwischenliegende Möglichkeiten. Eine Person A
mag in der Verkleidung einer Person B porträtiert werden (Bronzinos Andrea
Doria als Neptun; Dürers Lucas Paumgärtner als St. Georg) oder im
gewohnten Aufputz einer Personifikation (Joshua Reynolds' Mrs. Stanhope
als 'Kontemplation'); Porträts konkreter und individueller Personen,
menschlicher wie mythologischer, können mit Personifikationen kombiniert
sein, wie es bei zahllosen lobpreisenden Darstellungen der Fall ist. Eine
Anekdote mag zusätzlich eine allegotische Idee vermitteln, wie im Fall der
Illustrationen zum Ovide Moralisé, oder sie ist als die
'Präfiguration' einer anderen verstanden, so in der Biblia Pauperum
oder im Speculum Humanae Salvationis. Derartig überlagerte
Bedeutungen gehen entweder überhaupt nicht in den Gehalt des Werks ein,
wie es bei den Illustrationen des Ovide Moralisé der Fall ist, die
visuell nicht von nicht-allegorischen Miniaturen nach denselben ovidschen
Sujets unterscheidbar sind; oder sie bewirken eine Doppeldeutigkeit des
Gehalts, die sich jedoch überwinden oder sogar in einen zusätzlichen Wert
verkehren läßt, falls die widersprüchlichen Bestandteile in der Glut eines
starken künstlerischen Temperamentes zusammengeschmolzen werden wie in
Rubens' 'Galerie de Medicis'. (2) G. Leidinger:
Das sogenannte Evangeliar Ottos III. München 1912, Tafel 36
(3) Die
Interpretation eines einzelnen Kunstwerkes durch eine 'Stilgeschichte' zu
korrigieren, die sich ihrerseits nur durch die Interpretation einzelner
Werke erstellen läßt, mag als Circulus vitiosus erscheinen. Es ist
in der Tat ein Zirkel, wenngleich kein fehlerhafter, sondern ein
methodischer (vgl. E. Wind: Das Experiment und die Metaphysik.
Tübingen 1934; ders.: Some Points of Contact between History and Natural
Science. In: Philosophy and History. Essays Presented to Ernst Cassirer.
Oxford 1936, S. 255 ff.). Ob wir es mit historischen oder natürlichen
Phänomenen zu tun haben, die einzelne Beobachtung nimmt den Charakter [64]
einer 'Tatsache' nur dann an, wenn sie sich auf andere, analoge
Beobachtungen dergestalt beziehen läßt, daß die ganze Reihe 'einen Sinn
ergibt'. Dieser 'Sinn' ist daher vollständig als Kontrolle auf die
Interpretation einer neuen Einzelbeobachtung innerhalb desselben
Phänomenbereichs anwendbar. Weigert sich jedoch diese neue
Einzelbeobachtung eindeutig, sich entsprechend dem 'Sinn' der Reihe
interpretieren zu lassen, und erweist sich ein Irrtum als unmöglich, ist
der 'Sinn' der Reihe so umzuformulieren, daß er die neue Einzelbeobachtung
mit umschließt. Dieser Circulus methodicus trifft natürlich nicht
nur auf die Beziehung zwischen der Motivinterpretation und der
Stilgeschichte zu, sondern auch auf die Beziehung zwischen der
Interpretation von Bildern, Anekdoten und Allegorien und der
Typengeschichte, und ebenso auf die Beziehung zwischen der Interpretation
eigentlicher Bedeutungen und der Geschichte kultureller Symptome
allgemein. (4) G. Fiocco: Venetian Painting of the Seicento and the
Settecento. Florenz und New York 1929, Tafel 29 (5) Eines der
norditalienischen Bilder wird Romanino zugeschrieben und befindet sich im
Berliner Museum, wo es früher trotz des Mädchens, eines schlafenden
Soldaten und der Stadt Jerusalem im Hintergrund als Salome geführt
wurde (Nr. 155); ein anderes wird Romaninos Schüler Francesco Prato da
Caravaggio zugeschrieben (angeführt im Berliner Katalog), und ein drittes
stammt von Bernardo Strozzi, der in Genua geboren wurde, aber etwa zur
selben Zeit wie Francesco Maffei in Venedig tätig war. Es ist sehr wohl
möglich,daß der Typ 'Judith mit Schüssel' seinen Ursprung in Deutschland
hatte. Eines der frühesten bekannten Beispiele (von einem anonymen, mit
Hans Baldung Grien verwandten Meister um 1530) wurde veröffentlicht von G.
Poensgen: Beiträge zu Baldung und seinem Kreis. In: Zeitschrift für
Kunstgeschichte. 6 (1937), S. 36 ff. (6) Abgebildet in
E. Panofsky und F. Saxl: Classical Mythology in Mediaeval Art. In:
Metropolitan Museum Studies. 4 (1933), Nr 2, S. 228 ff., S. 231
(7) vgl. K.
Weitzmann: Das Evangelion im Skevophylakion zu Lawra. In: Seminarium
Kondakovianum. 8 (1936), S. 83 ff. (8) Cod. Vat. lat.
2761, abgebildet in Panofsky und Saxl (vgl. Anm. 6), S. 259 (9) Paris,
Bibliothèque Nationale, MS. lat. 15158, datiert 1289, abgebildet in
Panofsky und Saxl (vgl. Anm. 6), S. 272 (10) C. de Tolnay:
The Visionary Evangelists of the Reichenau School. In: Burlington
Magazine. 69 (1936), S. 257 ff., hat die wichtige Entdeckung gemacht, daß
die eindrucksvollen Bilder der auf einer Erdkugel sitzenden und eine
himmlische Gloriole tragenden Evan-[65]gelisten (die erstmals in Cod. Vat.
Barb. lat. 711 auftreten; unsere Abb.
9) die Züge eines Christus in der Majestas mit denen einer
griechisch-römischen Himmelsgottheit kombinieren. Allerdings tragen, wie
Tolnay selber ausführt, die Evangelisten in Cod. Barb. 711 "mit
offensichtlicher Mühe eine Wolkenmasse, die nicht im mindesten wie eine
spirituelle Aura aussieht, sondern wie ein materielles Gewicht, bestehend
aus mehreren, abwechselnd blauen und grünen Kreissegmenten, wobei der
Umriß des Ganzen einen Kreis bildet ... Es ist eine mißverstandene
Darstellung des Himmels in der Gestalt von Sphären.« (Kursiv von E.
P.) Daraus können wir folgern, daß der antike Prototyp dieser Bilder nicht
Coelus war, der mühelos eine gebauschte Draperie (den Weltenmantel)
trägt, sondern Atlas, der sich unter dem Gewicht der Himmel abmüht (vgl.
G. Thiele: Antike Himmelsbilder. Berlin 1898, S. 19 f.). Der heilige
Matthäus in Cod. Barb. 711 (Tolnay Tafel 1, a) mit dem unter dem
Gewicht der Kugel gebeugten Kopf und der noch immer an der linken Hüfte
liegenden Hand erinnert besonders an den antiken Typus des Atlas, und ein
weiteres eindrucksvolles Beispiel der auf einen Evangelisten angewandten
charakteristischen Atlas-Haltung findet sich in Clm. 4454, fol. 86, v.
(abgebildet in A. Goldschmidt: German Illumination. Florenz und Rom 1928.
Bd. 2, Tafel 40). Tolnay (Anm. 13 und 14) ist diese Ähnlichkeit nicht
entgangen, und er führt die Darstellungen von Atlas und Nimrod in Cod.
Vat. Pal. lat. 1417, fol. 1, an (abgebildet in F. Saxl: Verzeichnis
astologischer und mythologischer Handschriften des lateinischen
Mittelalters in römischen Bibliotheken. 1915 [Sitzungsberichte der
Heidelberger Akademie der Wissenschaften, phil.-hist. Klasse. 6, Tafel XX,
Abb. 42]; unsere Abb.
10); aber er hält den Atlas-Typus offenbar für eine bloße Ableitung
des Coelus-Typus. Doch selbst in der antiken Kunst haben sich die
Darstellungen des Coelus offenbar aus denjenigen des Atlas entwickelt, und
in der karolingischen, ottonischen und byzantinischen Kunst (besonders in
der Reichenau-Schule) tritt die Gestalt des Atlas in ihrer echten antiken
Form unendlich häufiger auf als diejenige des Coelus, sowohl als
Personifikation kosmologischen Charakters wie als eine Art Karyatide. Auch
unter ikonographischem Blickwinkel sind die Evangelisten eher mit Atlas
vergleichbar als mit Coelus. Coelus wurde für den Beherrscher der Himmel
gehalten; von Atlas meinte man, er trage und 'kenne' sie in einem
allegorischen Sinn; man hielt ihn für einen großen Astronomen, der die
scientia coeli an Herkules weitergegeben habe (Servius, Comm. in
Aen., VI, 395; später beispielsweise Isidorus, Etymologiae,
III, 24, 1; Mythographus III, 13, 4, in Bode [vgl. Anm. 12], S. 248).
Daher war es folgerichtig, den Coelus-Typus für die Darstellung Gottes zu
verwenden (vgl. Tolnay, [66] Tafel I, c), und gleicherweise
folgerichtig war es, den Atlas-Typus für die Evangelisten zu benutzen,
die, wie er, den Himmel 'kannten', ihn aber nicht beherrschten. Während
Hibernus Exul von Atlas sagt: Sidera quem coeli cuncta notasse
volunt. (In: Monumenta Germaniae, Poetarum latinorum medii aevi.
Berlin 1881–1923. Bd 1, S. 410), apostrophiert Alcuin den Evangelisten
Johannes so: Scribendo penetras caelum tu, mente, Johannes (ebd. S.
293). (11) vgl. H. Liebeschütz: Fulgentius Metaforalis ... Leipzig
1926, S. 15 und S. 44 ff. (Studien der Bibliothek Warburg. 4.); vgl auch
Panofsky und Saxl (vgl. Anm. 6), besonders S. 253 ff. (12) G. H. Bode:
Scriptorum rerum mysthicarum tres Romae nuper reperti. Celle 1834, S. 1
ff. (13) Bode: Ebd., S. 152ff. Zur Frage der Urheberschaft
vgl. H. Liebeschütz (vgl. Anm. 11), S. 16f. und passim (14) Hrsg. von C.
de Boer. In: Verhandelingen der kon. Akademie van Wetenschapen, Afd.
Letterkunde, N.S. 15 (1915), 21 (1920), 30 (1931/32) (15) Hrsg. von H.
Liebeschütz (vgl. Anm. 11) (16) Thomas
Walleys (oder Valeys): Metamorphosis Ovidiana moraliter explanata. Hier
nach der Pariser Ausgabe von 1515 (17) Cod. Vat.
Reg. 1290. Hrsg. von H. Liebeschütz (vgl. Anm. 11), S. 117ff., mit
dem vollständigen Illustrationensatz (18) Hier nach der
venezianischen Ausgabe von 1511 (19) L. G.
Gyraldus: Opera Omnia. Leyden 1696. Bd 1, Sp. 153: Ut scribit
Albricus, qui auctor mihi proletarius est, nec fidus satis.
(20) Das
gleiche gilt für Ovid: aus dem Mittelalter gibt es kaum illustrierte
lateinische Ovid-Manuskripte. Was Virgils Aeneis anlangt, so kenne
ich nur zwei wirklich 'illustrierte' lateinische Manuskripte zwischen dem
Codex in der Vatikanischen Bibliothek aus dem 6. und dem Riccardianus aus
dem 15. Jahrhundert: Aus dem 10. Jahrhundert, Neapel, Bibl. Nazionale,
Cod. olim Vienna 58 (mir bekannt geworden durch Professor Kurt Weitzmann,
dem ich auch für die Genehmigung zu Dank verpflichtet bin, eine Miniatur
in Abb.
7 zu reproduzieren); und aus dem 14. Jahrhundert Cod. Vat. lat. 2761
(vgl. R. Förster: Laokoon im Mittelalter und in der Renaissance. In:
Jahrbuch der Königlich Preußischen Kunstsammlungen. 27 [1906], S. 149ff.).
[Ein weiteres Manuskript aus dem 14. Jahrhundert (Oxford, Bodleian
Library, MS. Can. Class. lat. 52, beschrieben in F. Saxl und H. Meier:
Catalogue of Astrological and Mythological Manuscripts of the Latin Middle
Ages. Bd 3. Manuscripts in English Libraries. London 1953, S. 320 ff.) hat
nur einige mit Figuren verzierte Initialen.] (21) Clm. 14271,
Abb. in Panofsky und Saxl (vgl. Anm. 6), S. 260 [67] (22) A.
Goldschmidt: Die Elfenbeinskulpturen aus der Zeit der karolingischen und
sächsischen Kaiser. Berlin 1914–1926. Bd 1, Tafel XX, Nr 40, abgebildet in
Panofsky und Saxl (vgl. Anm. 6), S. 257 (23) vgl. A. M.
Amelli: Miniature sacre e profane dell'anno 1023, illustranti
l'enciclopedia medioevale di Rabano Mauro. Montecassino 1896 (24) Clm. 10268
(14. Jahrhundert), abgebildet in Panofsky und Saxl (vgl. Anm. 6), S. 251,
und die ganze Gruppe weiterer Illustrationen auf der Grundlage des Textes
von Michael Scotus. Zu den orientalischen Quellen dieser neuen Typen vgl.
ebd., S. 239 ff., und F. Saxl: Beiträge zu einer Geschichte der
Planetendarstellungen in Orient und Occident. In: Der Islam. 3 (1912), S.
151 ff. (25) Über ein interessantes Vorspiel zu dieser Wiedereinsetzung
(der Wiederaufnahme karolingischer und archaischer griechischer Modelle)
vgl. Panofsky und Saxl (vgl. Anm. 6), S. 247 und 258. (26) Ein ähnlicher
Dualismus ist charakteristisch für die mittelalterliche Einstellung zur
aera sub lege: einerseits wurde die Synagoge als blind dargestellt
und mit Macht, Tod, Teufel und unreinen Tieren assoziiert; andererseits
galten die jüdischen Propheten als vom Heiligen Geist inspiriert, und die
Gestalten des alten Testamentes verehrte man als Vorfahren Christi.
(27) Lyon,
Bibl. de la Ville, MS. 742, fol. 40; abgebildet in Panofsky und Saxl (vgl.
Anm. 6), S. 274 (28) L. 456, auch abgebildet in Panofsky und Saxl (vgl.
Anm. 6), S. 275. Die Stanzen Angelo Polizianos (Giostra I, 105, 106)
lauten folgendermaßen: "Nell'altra in un
formoso e bianco tauro Si vede Giove per
amor converso Portarne il dolce suo ricco tesauro, E lei volgere il
viso al lito perso In atto paventoso:
e i be' crin d'auro Scherzon nel petto
per lo vento avverso: La veste ondeggia
e in drieto fa ritorno: L'una man tien al
dorso, e l'altra al corno.
Le ignude
piante a se ristrette accoglie Quasi temendo il
mar che lei non bagne: Tale atteggiata di
paura e doglie Par chiami in van le sue dolci compagne; Le qual rimase tra
fioretti e foglie Dolenti 'Europa'
ciascheduna piagne. 'Europa', sona il
lito, 'Europa, riedi' – E'l tor nota, e
talor gli bacia i piedi.« (29) vgl. Kapitel
6, Anm. 22
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