Es geht nicht mehr allein um den Wissenstransfer von einem Kopf in den nächsten!

14.08.2019 -  

Die Digitalisierung verändert unsere Gesellschaft, unsere Kommunikation, unser Konsumverhalten, unsere Arbeitswelt, Mobilität und unser Zusammenleben. Was bedeutet dieser Wandel aber für eine Universität? Welche Folgen hat die zunehmende Verlagerung unseres Alltags in virtuelle Welten für Lehre und Forschung? Welche künftigen Fertigkeiten brauchen unsere Studierenden? Katharina Vorwerk hat darüber mit Prof. Dr. Philipp Pohlenz vom Lehrstuhl für Hochschulforschung und Professionalisierung der akademischen Lehre gesprochen.

Vorwerk und Pohlenz im GesprächProf. Dr. Philipp Pohlenz und Katharina Vorwerk im Gespräch. (Foto: Jana Dünnhaupt / Uni Magdeburg)

Herr Professor Pohlenz, in 20 Jahren rollen autonome Bikes vom Wissenschaftshafen zur Mensa; in der UB - Ältere kennen sie noch als Buchausleihe - wird an Bildschirmen 24/7 gelernt und die Frage nach der Präsenzpflicht löst Heiterkeit aus, richtig?

Nun, die autonomen Mobile wird es wahrscheinlich schon eher geben. Und eine Präsenzpflicht wird ja im Studium eigentlich nur ausgesprochen, um erbrachte Leistungen zu validieren. Diese Notwendigkeit wird es auch in einer stärker mobilen und digitalen Welt geben, auch wenn es vielleicht weniger notwendig sein wird, dass Studierende zur gleichen Zeit am gleichen Ort sein müssen, um Leistungen zu erbringen.

Studierende von heute treffen morgen auf eine digitalisierte Arbeitswelt. ‚Data-Literacy‘, also das Erfassen, Managen, Analysieren, Visualisieren und Interpretieren großer Datenmengen wird zum Alltag gehören. Kann die Uni sie darauf vorbereiten?

Das muss sie sogar! Daten werden zu einer wichtigen Ressource in unserer Gesellschaft. Und bei der Vermittlung dieser sogenannten ‚Future Skills‘ geht es eben nicht mehr nur um den Wissenstransfer von einem Kopf zum nächsten. Wir müssen Studierende von Studienbeginn an als wissenschaftlichen Nachwuchs begreifen. Und sie müssen verstehen, dass sie mit einem Lernmodus, der allein auf das Bestehen von Prüfungen ausgerichtet ist, in der universitären Welt nicht weit kommen werden. Fehler zu machen, ist geradezu erwünscht, solange sie als Fehler erkannt werden und sie Lerneffekte provozieren. Das steht vielleicht im Kontrast zu dem, was in der Schule das Lernen ausmachte. Wir müssen Studiengänge entwickeln, die Studierende dabei unterstützen, aus Situationen des Scheiterns zu lernen.

Wissenszuwachs gab es auch in der Vergangenheit, aber stoßen wir bei den vor uns stehenden Transformationsprozessen mit unserem Kanon der Wissensvermittlung Vorlesungen, Seminare, Hausarbeiten an Grenzen?

Entscheidend ist weniger das Format, als dass die Studierenden nicht nur Zahlen, Daten und Sachverhalte wiederholen, sondern auch lernen, kritisch zu denken und fachübergreifend Probleme zu lösen eine alte Forderung der Hochschuldidaktik, die im Zuge der Digitalisierung eine neue Dynamik bekommt. Das Wissenschaftssystem produziert in immer höherer Schlagzahl Wissen, mit der Folge, dass vermeintliche Gewissheiten schneller an Gültigkeit verlieren. Darum muss der Einzelne eher in der Lage sein, den Prozess der Wissensproduktion zu verstehen und an ihm teilzuhaben, als dass er oder sie die Ergebnisse präsentiert bekommt, um sie für eine Prüfung auswendig zu lernen.

Prof. Dr. Pohlenz arbeitet am Lehrstuhl für Hochschulforschung und Professionalisierung der akademischen Lehre. (Foto: Jana Dünnhaupt / Uni Magdeburg)

Wie können wir für eine zukunftsgerichtete Ausbildung die erwähnten ‚Future Skills‘ auch außerhalb der MINT-Fächer verankern?

‚Data Literacy‘ ist der souveräne Umgang mit Daten, eine notwendige Kulturtechnik im digitalen Zeitalter. Das bedeutet: Auch außerhalb von Informatikinstituten benötigt man ein informatisches Grundverständnis. Nehmen wir das Beispiel meiner eigenen Disziplin, die Soziologie. In der Forschung ist das Thema ‚computational social science‘ schon angekommen, also der analysierende Umgang mit großen Datenmengen, wie sie zum Beispiel als Nutzerdaten von Online-Services anfallen. Um diese Datenmengen zu beherrschen und für statistische, sozialwissenschaftliche Analysen zu nutzen, reichen die Statistikkenntnisse, die ich in den 1990er Jahren im Studium erworben habe, längst nicht mehr aus. Mittlerweile sollten empirische Sozialforscherinnen und -forscher auch statistische Auswertungsroutinen selbst programmieren können oder zumindest verstehen, welche neuen Anforderungen an das Datenmanagement bestehen. Ich kann mir auch gut vorstellen, dass Historiker die Digitalisierung von Quellen nicht allein den Informatikern überlassen wollen. Dafür müssen sie aber ein Verständnis dafür entwickeln, was da geschieht und welche Fehlerquellen berücksichtigt werden müssen.

Unsere Studierendenschaft wird immer heterogener. Liegt im digitalen Zeitalter der Schlüssel eines umfassenden Studienerfolges in personalisierten Studienplänen und Studiengängen?

Das Konzept des individuellen Lernens ist ja gar nicht so neu und aus der Schulbildung als Binnendifferenzierung bekannt. Und ja, digitale Medien ermöglichen vielleicht individualisierte Lerngeschwindigkeiten, können unterschiedliche Lebenssituationen berücksichtigen. Aber: Das akademische Lernen ist dadurch gekennzeichnet, dass es im Austausch und Diskurs stattfindet. Fortschritt in der Wissenschaft entsteht unter anderem durch Disput. Entscheidend wird daher sein, inwieweit es gelingt, digitale Medien mit ihren Vorteilen für eine möglichst große Individualität des Lernens zu nutzen und gleichzeitig die konstitutiven Merkmale universitärer Lehre und Forschung, also Diskussion, Reflexion und Gemeinschaft, nicht zu verlieren.

Befragungen des Stifterverbandes besagen, dass innerhalb der nächsten 5 Jahre mehr als 2,4 Millionen Erwerbstätige in Schlüsselqualifikationen wie dem digitalen Lernen und ähnlichem weitergebildet werden müssen. Wird die OVGU im Land dabei eine Rolle spielen?

Das will ich doch hoffen. Es passiert ja auch schon viel: Es wurden Strukturen für Weiterbildungsstudiengänge aufgebaut und entsprechende Angebote entwickelt. Weiterbildung ist eine hoheitliche Aufgabe, die der Gesetzgeber von uns verlangt. Gleichzeitig wird sie dadurch, dass es nur sehr begrenzte Anreize für ein Engagement in der Weiterbildung gibt, etwas stiefmütterlich behandelt. Dies betrifft unter anderem die Anrechenbarkeit von Leistungen in der Weiterbildung auf das Lehrdeputat.

Werden auf dem Unicampus künftig akademische und berufliche Programme gleichberechtigt angeboten? Und gilt dann das Universitäten prägende Prinzip ‚Bildung versus Ausbildung‘ nicht mehr?

Angesichts der wachsenden Komplexität unserer Arbeitswelten scheint es mir eher so zu sein, dass sich berufliche und akademische Bildung in eine Richtung entwickeln: Menschen zu ertüchtigen, situationsangemessen auf komplexe Problemsituationen zu reagieren. Der Gegensatz von Bildung und Ausbildung ist dabei wenig hilfreich und hat sich vielleicht überholt. Aus meiner Sicht hat das aber gar nicht so viel mit der digitalen Transformation zu tun, sondern eher mit der Entwicklung zur Informationsgesellschaft, in der immer mehr Menschen wissensbasiert arbeiten.

Prof. Pohlenz im Gespräch mit Katharina Vorwerk (c) Jana DünnhauptProf. Pohlenz im Gespräch mit Katharina Vorwerk (Foto: Jana Dünnhaupt / Uni Magdeburg)

Auch das Forschungs- und Innovationssystem wandelt sich, nicht zuletzt durch ‚open access‘, dem freien und kostenlosen Online-Zugang zu wissenschaftlicher Literatur, sodass im Internet neue Bildungsräume entstehen. Was heißt das für die Uni Magdeburg?

Wir können schon jetzt beobachten, dass Wissenschaft in der Gesellschaft anders wahrgenommen wird als noch vor 20 Jahren. Es gibt eine starke Forderung nach konkreten Ergebnissen und ein ausgeprägtes mediales Interesse, was sich nicht zuletzt in populärwissenschaftlichen Sendeformaten ausdrückt. Gleichzeitig aber sinkt die Akzeptanz für die Verfahren und Regeln der Wissensproduktion, Stichwort „Fake News“. Der Wissenschaft wird vorgeworfen, dass sie nur wenig konkreten Anwendungsnutzen stiftet. Es ist aber weniger Aufgabe der Wissenschaft, konkrete Probleme zu lösen, sondern Wissen zu produzieren, das idealerweise dafür genutzt werden kann, gesellschaftlichen Herausforderungen zu begegnen. Was konkret gebraucht wird, sind Übersetzungsleistungen zwischen Wissenschaft und Gesellschaft, um Verständnisschwierigkeiten, Transparenz- und Akzeptanzprobleme zu lösen. Und dafür brauchen wir auch an der Uni Magdeburg eine glaubhafte Kommunikation unserer Forschungsverfahren, -methoden und -ergebnisse.

Auf dem Campus gibt es bereits 12 ego.-Inkubatoren, Brutkästen für Ideen, Ausgründungen und Technologien. Braucht die OVGU auch für Innovationen in Studium und Lehre Inkubatoren?

Wenn man die Metapher mag, kann man auch jetzt schon sagen, dass die Universität Magdeburg ein großer Brutkasten ist. In der Lehre haben wir in den zurückliegenden Jahren viel in den Aufbau von Strukturen investiert, die ein reformfreudiges Umfeld schaffen, denken sie nur an die Systemakkreditierung und das durch sie zertifizierte Qualitätsmanagementsystem. In der Forschung ist die OVGU an vielen Stellen profiliert und sehr erfolgreich. Die OVGU stimuliert grundsätzlich das Lernen und ermöglicht es den Lernenden, dass sie ihren Weg finden. Das heißt ja nicht, dass jeder ein Daniel Düsentrieb werden muss.

Herr Professor Pohlenz, vielen Dank für das Gespräch.

 

von Katharina Vorwerk