Globalisierung als Garant für den Frieden?

28.12.2017 -  

Seit Lebewesen unsere Erde besiedeln, konkurrieren sie um knappe Ressourcen. Wir Menschen haben dann – so die Lesart von Ökonomen – den Stoffwechsel mit der Natur um eine besondere soziale Komponente, den Tausch, erweitert und schlussendlich in Antike und Mittelalter den mehr oder weniger streng geregelten Handel auf Märkten erfunden, um vernunftgesteuert mit den begrenzten Mitteln umzugehen: Jeder macht das, was er am besten kann und parallel zur Arbeitsteilung organisieren wir den Austausch von Waren zum beiderseitigen Nutzen. Was in den lokalen Zentren sesshafter Kulturen, in der Dorfmitte mit Schneider, Schuster und Schmied begann, wuchs dank des Erfindungsreichtums des Menschen über Jahrtausende zu eng verzahnten globalen Märkten, führte zu einem weltweiten Wettbewerb um Ressourcen, Rohstoffe und Produkte, Waren und Dienstleistungen, Fachkräfte und Technologien.

Am Lehrstuhl für Internationale Wirtschaft der Universität Magdeburg erforscht der Wirtschaftswissenschaftler Prof. Dr. Karl-Heinz Paqué Ursachen, Mechanismen und Auswirkungen dieser weltwirtschaftlichen Verflechtungen. Sein Ziel ist es, Modelle für eine umfassende offene Volkswirtschaft zu entwickeln, die die Zusammenhänge zwischen Globalisierung und dem weltweiten Strukturwandel in nahezu allen Sektoren und Regionen abbilden und mit deren Hilfe die Politik die Rolle des internationalen Handels vor allem für die Schwellenländer analysieren kann.

Prof. Paqué

Prof. Dr. Karl-Heinz Paqué vor dem Kunstprojekt "Zeitmesser" der Pariserin Gloria Friedmann. (Foto: Harald Krieg)

Herr Prof. Paqué, gibt es ein Modell, quasi eine Blaupause, für den Umgang mit den Herausforderungen eines entgrenzten Handels in Zeiten der Globalisierung?

Da würden Sie zu viel verlangen! Ein Modell als Blaupause für die globale Entwicklung, das gab es nie, gibt es heute nicht und wird es nie geben. Modelle sind doch drastisch stilisierte Abbilder einer Wirklichkeit, die höchst komplex ist – und unvorhersehbar. Wer als Wissenschaftler behauptet, im Besitz einer Blaupause für die Realität zu sein, der leidet an Hybris. Modelle sind grobe Orientierungshilfen, mehr nicht. Die Wissenschaft muss bescheiden bleiben und so auch auftreten: Sie kann helfen, die Wirklichkeit sinnvoll zu strukturieren, und das ist für die Politik nützlich. Diese ersetzen kann sie nicht und darf sie nicht.

Globalisierung ist definiert als eine zunehmend arbeitsteilige Verflechtung der Welt. Ist die Diskussion darüber ein Phänomen des 21. Jahrhunderts?

Der Begriff „Globalisierung“ ist recht jung, er kam in den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts auf, das ist gerade mal eine Generation her. Das Phänomen gibt es aber – richtig interpretiert – seit dem 19. Jahrhundert, als mit den enormen Fortschritten in der Transport- und Kommunikationstechnologie die Welt zusammenwuchs. Mit der Erfindung der Dampfmaschine eroberte die motorisierte Schifffahrt die Weltmeere; und die Lokomotiven begannen auf neu gelegten Schienennetzen ihren Siegeszug in Europa und Amerika. In den 1860er Jahren wurde dann das erste transatlantische Telegraphenkabel gelegt. Alles schon lange her!

Welchen Vorteil bringt für den Ökonomen Handel in seiner reinsten Form, also im Sinne von friedlich und zwanglos „Knappheiten zu entgehen“, egal ob zwischen zwei oder 20 Partnern?

Es war der große britische Gentleman-Ökonom David Ricardo, der 1817 nachwies, dass Handel allseitig Vorteile bringt – seine Theorie lehren wir noch heute als Ricardo-Modell. Die Logik des Modells ist auch 200 Jahre nach dessen Entstehen richtig. Es geht darum, dass jeder das tut, was er relativ am besten kann. Das ist das Grundprinzip der Spezialisierung und Arbeitsteilung, was übrigens nicht nur zwischen Nationen, sondern auch unter Regionen und Personen gilt. Es ist auch, wie fast alle großen Theorien, intuitiv einleuchtend: Wer würde einem guten Freund schon empfehlen, einen Beruf zu wählen, in dem er relativ schlechtere Ergebnisse erzielt als andere?

Es gibt in Europa eine indifferente Zukunftsangst, eine Sehnsucht nach einer Welt, die es nicht mehr gibt. Protektionismus und Nationalstaatlichkeit erstarken. Sind wir Menschen mit der globalen Sicht auf die Dinge überfordert?

Das kommt drauf an. Dahinter steckt natürlich eine hochpolitische Frage, denn es geht um eine Herausforderung, und auf diese kann man ganz unterschiedlich reagieren: mit Mut oder mit Angst, also offen oder protektionistisch. Die Erfahrung der Wirtschaftsgeschichte lehrt ganz eindeutig, dass Mut und Offenheit sich langfristig auszahlen, während Angst und Protektionismus auf Dauer zu einem Niedergang führen. Der große liberale Philosoph des kritischen Rationalismus Karl Popper forderte die „offene Gesellschaft“, und dem schließe ich mich voll an. Allerdings müssen wir es schaffen, möglichst alle Menschen auf diesem Weg mitzunehmen.

Globalisierungskritiker argumentieren, dass die Früchte der Globalisierung nur den Starken in der Weltwirtschaft zugutekommen und nur wenigen Entwicklungsländern. Die hätten keine Chance, die globale Strukturpolitik mitzugestalten. Ist das auch Ihre Einschätzung?

Nein, die objektiven Fakten zeigen, dass diese Ansicht falsch ist und immer war. Der Grund: Gerade jene Entwicklungsländer, die sich für den Welthandel öffneten, erlebten anschließend ein beschleunigtes wirtschaftliches Wachstum. Gerade sie holten auf. Nehmen wir die beiden bevölkerungsreichsten Länder der Welt, China und Indien. Erst nach ihrer marktwirtschaftlichen Öffnung in den achtziger Jahren gelang es ihnen, den Hunger zu besiegen und großen Teilen ihrer Bevölkerung einen noch bescheidenen, aber doch zunehmenden Wohlstand zu sichern. Ländern, die sich abschotteten, wie Cuba, Nordkorea oder Venezuela, gelang das nicht.

Der Brexit muss nun organisiert werden und es gibt auch in anderen Ländern nationalstaatliche Tendenzen, ein Wiedererwachen der weltwirtschaftlichen Desintegration. Ist das ein rein ökonomisches Phänomen oder gehen die Auswirkungen von Protektionismus darüber hinaus?

Das ist eine gefährliche Entwicklung, wirtschaftlich und politisch. Wir haben doch schon einmal global eine Phase der Abschottung und des Protektionismus erlebt, und zwar in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen 1914 bis 18 und 1939 bis 45. Die Ergebnisse waren katastrophal: neben den Kriegen eine Weltwirtschaftskrise und das Zerbrechen der Zusammenarbeit zwischen den Nationen, ein vergiftetes Klima. Und dies nach einem Jahrhundert, also zwischen 1815 bis 1914, des weitgehenden Friedens und der einsetzenden Globalisierung! Es ist auch heute nicht sicher, dass die Vernunft siegt. Wir müssen deshalb für eine offene Gesellschaft kämpfen, auch als Wissenschaftler.

Sie beschäftigen sich in Ihrer Forschung vor allem mit der Verbindung zwischen Globalisierung und einem damit verbundenen ökonomischen Strukturwandel, vor allem in den Schwellenländern. Vor welchen besonderen Herausforderungen stehen Brasilien, Indien oder China?

Diese Länder haben durch ihre Öffnung große Fortschritte gemacht. Sie sind das geworden, was in der Wirtschaftswissenschaft „middle income countries“ genannt wird. Brasilien und China schon etwas reicher, Indien noch etwas ärmer. Sie stehen wirtschaftlich vor ähnlichen Problemen: Um an die Spitze der Weltwirtschaft zu kommen, müssen sie mehr eigenständige Innovationskraft hervorbringen, durch Forschung und Entwicklung. Sozial bringt natürlich das schnelle Wachstum Verwerfungen, etwa zwischen Stadt und Land sowie zwischen Gewinnern und Verlierern des Prozesses. Also: kein Paradies, aber Gott sei Dank keine bittere Armut mehr.

Welche Aufgabe kommt Ihrer Meinung nach dem Westen bei der Lösung globaler Herausforderungen wie Klimawandel, Finanzkrisen und internationalem Terrorismus zu?

Die Aufgabe, mit verantwortungsvoller Politik eine Vorreiterrolle zu spielen. Die Übernahme globaler Verantwortung fällt jenen Ländern leichter, die weltweit an der Spitze der Prosperität stehen – und dazu zählen vor allem die Nationen Europas und Nordamerikas, also politisch gesehen „der Westen“. Er muss Schrittmacher sein für eine kluge globale Politik, die Ressourcen und das Klima schont, Finanzkrisen vorbeugt und den Terrorismus bekämpft. Vorreiter sein heißt dabei nicht, die anderen zu bevormunden und mit rücksichtslosen Alleingängen in die Enge zu treiben. Die deutsche Energiepolitik zum Beispiel ist in dieser Hinsicht keineswegs vorbildlich.

Zeitmesser

Das Kunstprojekt "Zeitmesser" der Pariserin Gloria Friedmann steht am Elbufer von Magdeburg und zeigt als Weltzeituhr die Zeiten an den längsten Flüssen der Welt auf allen Kontinenten an. (Foto: Harald Krieg)

Ein wesentliches Merkmal der durch Technologien hervorgerufenen Globalisierung ist die weltweit zunehmende Arbeitsmigration. Gut ausgebildete Fachkräfte verlassen ihre Heimatregion mit der Hoffnung, ihre Bildung anderswo für ein besseres Leben einsetzen zu können. Was können Ökonomen, was kann Politik diesem brain drain ganzer Kontinente entgegensetzen?

Die Frage ist: Aus welchen Ländern kommen die meisten Migranten? Die Antwort ist einfach: Es sind jene Länder, denen es eben nicht wie China und Indien gelingt, die eigene Wirtschaft erfolgreich in die Globalisierung einzufügen. Nordafrika und der Nahe Osten sind die klassischen Beispiele dafür. Es sind Regionen mit zahlreichen Kriegen und Konflikten, wenig politischer Stabilität sowie viel Intoleranz, Gewalt und Hass. Dafür gibt es keine einfachen Lösungen. Das Ziel aber ist eindeutig: Europa und Amerika müssen helfen, diese Länder ökonomisch auf einen Wachstumspfad zurückzuführen. Die Hauptarbeit muss aber in den Ländern selbst erledigt werden.

America first!, so die Devise des US-amerikanischen Präsidenten Donald Trump. Welche Gefahren birgt ein Protektionismus à la Trump und Putin im globalen Verteilungskampf? Was sind weitere Folgen, wenn der wirtschaftliche Austausch zwischen Staaten unterbrochen wird?

„America First“, das ist eine sehr kurzsichtige populistische Devise. Sollte Donald Trump sie als protektionistische Leitlinie ernsthaft weiterverfolgen, so wird er vor allem seinem eigenen Land schaden. Denn auch die USA leben vom internationalen Handel. Sie sind eine Hightechnation, die viel exportiert. Schlimmer noch wären die Folgen für die Welthandelsordnung: Wenn sich die USA nicht an die Regeln halten, wird es keiner mehr tun. Deshalb muss vor allem Europa den liberalen Status Quo verteidigen. Was Russland betrifft, hängt vieles von der Einhaltung des Völkerrechts ab: Nur, wenn das Land sich an frühere Verträge hält, kann es auch ein guter Handelspartner werden.

Welche Rolle kann Politik spielen, um die Herausforderungen der Globalisierung wie Klimawandel, Finanzkrisen und internationaler Terrorismus anzugehen? Können Gesetze und Rahmenbedingungen Märkte und einen fairen Ausgleich regional divergierender Interessen friedlich steuern?

Oft wird gesagt, der Nationalstaat sei völlig machtlos gegenüber den Kräften der Globalisierung. Das stimmt nicht. Allerdings kann der Kampf gegen Klimawandel, Finanzkrisen, Terrorismus und weitere Herausforderung nur erfolgreich sein, wenn es eine internationale Zusammenarbeit in diesen Fragen gibt. Alleingänge helfen nicht weiter. Das Entstehen einer kooperativen politischen Atmosphäre ist deshalb von zentraler Bedeutung. Da haben wir leider in den letzten Jahren schwere Rückschläge erlebt – mit dem Brexit und Trump, aber vor allem mit Putin, Erdogan und vielen autokratischen und nationalistischen Kräften, die Aufwind bekamen.

Ob Klimapolitik, Steuerpolitik, Sozial- oder Bildungspolitik: In allen Bereichen gibt es Sachverständigenräte, Wirtschaftsweise, Beratungsgremien und Kommissionen. Kommen wissenschaftliche Forschungsergebnisse auf diesem Wege in Zeiten der „Alternativen Fakten“ in der Politik an?

Wir dürfen uns nicht entmutigen lassen, gerade als Wissenschaftler. Wir müssen den „fake news“ unerschrocken und unermüdlich die wahren Fakten entgegensetzen. Wir müssen das sachlich tun – in Fachgremien und Kommissionen. Aber vielleicht ist es noch wichtiger, dass wir die Öffentlichkeit emotional ansprechen. Die Wahrheit – „the truth“, das ist doch nicht irgendein Luxus, den sich ein paar Intellektuelle leisten. Es geht um viel mehr, nämlich den Geist der Aufklärung in einer freiheitlichen Gesellschaft. Dafür müssen wir als Wissenschaftler draußen in der rauen Wirklichkeit geradestehen. Also: Raus aus dem Elfenbeinturm und rein ins Meinungsgetümmel.

Herr Professor Paqué, vielen Dank für das Gespräch!

Letzte Änderung: 05.02.2018 - Ansprechpartner: M.A. Katharina Vorwerk