Der dritte Arm des Radiologen

14.08.2019 -  

Wer schon einmal in der Röhre eines Magnetresonanztomographen (MRT) lag, weiß: Viel Platz gibt es dort nicht. Es ist eng und noch viel weniger Platz bleibt, wenn während eines Eingriffs unter MRT-Bildgebung neben dem Patienten noch ein Radiologe mit in die Röhre muss. Ein „dritter“ Arm soll es künftig dem behandelnden Mediziner unter den beengten Bedingungen leichter machen, beispielsweise Gewebeentnahmen, sogenannte Biopsien, im Magnetresonanztomographen durchzuführen.

Erste Tests der Einweg-Nadelhalterung Flexline in klinischer Umgebung (c) Chris RößlerErste Tests der Einweg-Nadelhalterung Flexline in klinischer Umgebung. (Foto: Chris Rößler)

Der erste MRT-Assistent aus Kunststoff

FLEXIST heißt die Lösung, die die beiden Uni-Absolventen Juan Sebastián Sánchez López und Sinja Lagotzki dafür gefunden haben: ein mechanischer, MRT-kompatibler Haltearm, der dem menschlichen Arm nachempfunden wurde und künftig medizinische Interventionen schneller und präziser machen soll. Durch einen Aufsatz am Ende, quasi den Fingern, kann die Konstruktion dem Arzt oder der Ärztin verschiedene Instrumente abnehmen und an festgelegten Positionen halten. Haltearme, die den Radiologen die Arbeit erleichtern, sind an sich keine neue Idee. Sie werden bereits bei minimalinvasiven Eingriffen in Computertomographen CT eingesetzt. Die Anwendung in einem MRT ist indes neu und verlangt auch nach neuen Lösungen. Der Grund: Bisherige Haltearme enthalten Metalle und sind somit für die Verwendung im MRT nicht geeignet. FLEXIST besteht aus Kunststoff und funktioniert ausschließlich mechanisch. „Darum ist die Konstruktion auch universell verwendbar“, sagt Sinja Lagotzki. „Denn Werkzeuge, die im MRT genutzt werden können, sind auch kompatibel zu anderen Anwendungsbereichen, wie der Schmerztherapie, Radiofrequenzablation oder Drainagen.“ Ein weiterer Pluspunkt des Haltearms sei zudem der günstigere Preis im Vergleich zu robotergesteuerten Systemen.

Der in Magdeburg entwickelte „dritte Arm für den Radiologen“ ist laut seiner Erfinder der erste im Land Sachsen-Anhalt eingesetzte. „Im MRT gibt es bisher kaum Assistenzsysteme und das wollten wir ändern“, beschreibt Sinja Lagotzki ihre Geschäftsidee. „Dafür haben wir intensiv u. a. mit dem Universitätsklinikum Magdeburg zusammengearbeitet. Wir waren bei Operationen dabei, um eventuelle Probleme analysieren zu können und stellten im Gegenzug den Radiologen unsere Verbesserungsvorschläge vor“, erzählt sie weiter.

Arbeiten auf engem Raum in der MRT-Röhre mit Unterstützung des FLEXIST Haltearms (c) Chris RößlerArbeiten auf engem Raum in der MRT-Röhre mit Unterstützung des FLEXIST Haltearms. (Foto: Chris Rößler)

Das junge Gründerteam lernte sich während des Masterstudiums Medical Systems Engineering an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg kennen. Aus kleinen gemeinsamen Projekten folgt nun ihre größte Zusammenarbeit: Das eigene Start-up In-Line.

Für mehr Freiheiten im Beruf

Sinja Lagotzki, die ursprünglich aus Kiel stammt, arbeitete bereits während ihres Bachelorstudiums der Elektrotechnik- und Informationstechnik an der Uni in einer Firma für Medizintechnik und dem Magdeburger Universitätsklinikum. Juan Sebastián Sánchez López absolvierte in seiner Heimat Kolumbien den Bachelor Maschinenbau und arbeitete bereits während des Studiums in der Produktentwicklung. 2015 kam er für den Master nach Magdeburg. Die Idee des mechanischen Haltearms beschäftigte ihn schon in seiner Masterarbeit. Darin analysierte er die Probleme, die sich bei einer Prostatabiopsie im MRT für den Radiologen bzw. auch für den Patienten ergeben. Haupthindernis bei diesen Gewebeentnahmen ist die mangelnde Bewegungsfreiheit. Die behindert eine präzise Ausrichtung und Fixierung der Biopsienadel. Nach einer Analyse fand Juan Sebastián Sánchez López die Lösung: einen dritten Arm für den Radiologen. Jeder Eintrittswinkel wäre mit der Biopsienadel möglich und auch, die Nadel in beliebiger Position zu halten. Neben diesem Konstrukt entwickelte das Team auch eine im MRT-kompatible Einweg-Nadelhalterung, die FLEXLINE, die direkt auf die Haut des Patienten geklebt wird und die Position der Nadel in beliebigen Winkeln halten kann. Das Ergebnis: Der Radiologe hat beide Hände frei.

Im August 2017 beendete Juan Sebastián Sánchez López sein Studium an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, Sinja Lagotzki schloss ihr Studium im Frühsommer 2018 ab. Die Vorbereitungen für die kommende Gründung ihres Start-ups begannen. Mit dem EXIST-Gründerstipendium sind sie nun auf der Erfolgsspur. Auch dank der Unterstützung vom Transfer- und Gründerzentrum TUGZ der Universität Magdeburg und dem Leiter des Instituts für Intelligente Katheter (INKA) der Universität, Prof. Dr. Michael Friebe. Sinja Lagotzki und Juan Sebastián Sánchez López werden ihre Vision weiterverfolgen, die Einsatzmöglichkeiten eines MRT auch über die Diagnostik hinaus zu denken und ihn für weitere medizinische Eingriffe nutzbar zu machen.

Das In-Line-Team Juan Sebastian Sánchez López und Sinja Lagotzki (c) Harald KriegDas In-Line-Team Juan Sebastian Sánchez López und Sinja Lagotzki. (Foto: Harald Krieg)

Innerhalb ihres kleinen Teams finden die jungen Gründer neue Ideen gemeinsam. Und in Sachen Vorlieben und Fähigkeiten ergänzen sie sich: So ist Juan Sebastián Sánchez López vor allem für das Management und das Produktdesign zuständig, während Sinja Lagotzki die Logistik und den Kundenkontakt übernimmt. Auf den Schultern der beiden jungen Gründer liegt dennoch viel Verantwortung. Das macht ihnen aber keine Angst. Vielmehr schätzen sie die Vorteile des selbstbestimmten Arbeitens. „Mir meine Arbeitszeit frei einteilen zu können und morgens selbst zu entscheiden, an welchen Aufgaben ich heute arbeiten möchte, ist großer Luxus“, sagt Sinja Lagotzki. „Vermutlich arbeiten wir in Summe mehr, als unsere Freunde, die feste Arbeitszeiten haben. Aber das ist mir die Freiheit wert.“

 

von Friederike Steemann