Die Energiewende zwischen Bürgerwillen und Bürgerprotest

Der Plan war gut. Er war umweltfreundlich, zukunftsweisend, ressourcenschonend und nachhaltig. Aber der breitangelegte Aus- und Aufbau von Windrädern in der Region Brandenburg stieß auf erbitterten Widerstand der Bürger. Ein Volksbegehren scheiterte, aber die Initiative „Rettet Brandenburg“ will ihr Ziel weiter verfolgen: Zu den 3.400 Windkraftanlagen im Land sollen keine weiteren hinzukommen. Die dpa-Meldung in der Magdeburger Volksstimme vom 1. September 2016 beschreibt eher nüchtern und sachlich einen emotional sehr aufgeladenen Prozess, an dessen Ende sich eine ganze Region gegen den Ausbau von Windparks organisiert. Die Menschen, auf deren Feldern, in deren Dörfern oder Sichtachsen die Insignien zukunftsweisender Technologien aufgestellt werden sollen, weigern sich, diese zu akzeptieren.

Dabei stehen die Bundesbürger der Energiewende und ihren Zielen im Großen und Ganzen ausgesprochen positiv gegenüber. Repräsentative Umfragen, wie der Energiekompass des Innovationsforums Energiewende 2015, zeigen, dass 67 Prozent der Bevölkerung der Zielsetzung der Energiewende zustimmen. Eine Befragung der Agentur für Erneuerbare Energien 2015 ergab darüber hinaus, dass 68 Prozent der Bevölkerung den Ausbau von Erneuerbaren-Energien-Anlagen am eignen Wohnort eher gut bis sehr gut finden. Nach einem kurzen „Zustimmungseinbruch“ 2014 weist die aktuelle Datenlage auf einen deutlichen Konsens zu Zielen der Energiewende hin, vor allem, was den Klimaschutz und die Verringerung des CO2-Ausstoßes angeht. Aber: Die Umsetzung der Energiewende durch Maßnahmen der Bundesregierung wurde in der Bevölkerung eher negativ bewertet.

Regionale Unterschiede kennen

Energieunternehmen, Kommunen oder Netzbetreiber tun gut daran, zu prüfen, welche Formen der erneuerbaren Energiegewinnung von den Menschen einer Region akzeptiert werden. Aber wie kommt es, dass in manchen Landstrichen die Energiegewinnung aus Photovoltaikanlagen oder Biomasse geschätzt wird, der Aufbau von Windrädern aber auf energischen Widerstand trifft?

Wie tickt eine Region? Welche Wege nehmen Kundinnen und Kunden in Kauf, um Glasflaschen oder gebrauchte Handys zu entsorgen? Was gewinnt langfristig Oberhand, das Flaschenpfand oder das intrinsische Bedürfnis, der Umwelt Gutes zu tun? Kurz: Wie kommen Mensch und Technologie einvernehmlich zusammen, und wie kann die von der großen Mehrheit gewollte Energiewende gelingen?

Portrait_Proffesor Matthies
Portrait Prof. Matthies

Das sind gesellschaftlich, aber vor allem auch wirtschaftspolitisch relevante Fragen, denen sich die Umweltpsychologin Prof. Ellen Matthies und ihr Team der Abteilung Umweltpsychologie an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg widmen. In großangelegten regionalen und überregionalen Studien setzen sie sich mit den Menschen, deren Bedürfnissen und Anschauungen, Perspektiven und Möglichkeiten auseinander, analysieren ihr Nutzerverhalten und definieren die sich daraus ergebenden Chancen und Risiken für klimarelevante Vorhaben. Diese Forschungsergebnisse der noch jungen Disziplin Umweltpsychologie bilden dann – im Idealfall – die Grundlage für umwelt- und energiepolitische Entscheidungen auf kommunaler, Landes- oder Bundesebene. So lieferte das Team um Professorin Matthies 2014 erstmals sozialwissenschaftlich fundierte Erkenntnisse über die Akzeptanzlage von Wind-, Sonnen- und Bioenergie. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler fanden zum Beispiel heraus, dass der Sachsen-Anhalter mit Windrädern relativ einvernehmlich und gut leben kann, sich hingegen mit Photovoltaikanlagen nicht so gut arrangiert wie der Bundesdurchschnitt.

Wenn Technologie auf Psychologie trifft

Die Akzeptanz der Bürger von Windparks und anderen raumgreifenden Infrastrukturen für die Energiewende sei entscheidend für ihr Gelingen, so Ellen Matthies. Mindestens genauso wichtig sei aber der Umgang Millionen bundesdeutscher Haushalte mit dem Thema Energie. Wie reagieren wir, wenn zukunftsweisende Technologien unseren privaten Alltag verändern, liebgewordene Gewohnheiten in Frage stellen oder von uns ein Umdenken im Umgang mit Ressourcen verlangen, kurz: wenn Technologie auf Psychologie trifft?

An dieser Schnittstelle liege ein Potenzial für Reibungsverluste und Konflikte, so die Verhaltensforscherin. „Der Mensch steht ja bei der Neugestaltung der Energieinfrastruktur mitten im Spannungsfeld zwischen gewollten Zielen, den technischen Möglichkeiten und möglichen sozialen Folgen. Eine schnelle Dekarbonisierung zum Beispiel tangiert viele Lebensbereiche, bis hin zu unserem kulturell und sozial stark bestimmten Umgang mit Lebensmitteln.“ Ein wichtiger Aspekt beim nationalen Energiesparen ist für die Wissenschaftlerin auch die Frage der sozialen Gerechtigkeit: Werden Stromkosten extrem verteuert, um den Verbrauch zu senken, werden Haushalte mit schwächerem Einkommen massiv betroffen.

So umschreibt Matthies die Triebfeder ihrer Forschung. Seit 2011 beschäftigen sie und ihr Team sich im Rahmen des vom Bund getragenen Projektes Helmholtz-Allianz ENERGY-TRANS mit den sozialen Aspekten und Folgen der Energiewende in ganz Europa. Sie untersuchen wissenschaftlich, was Bürgerinnen und Bürger davon abhält oder gegebenenfalls auch darin bestärkt, im Großen, aber auch im Kleinen nachhaltig und umweltfreundlich zu agieren, zum Beispiel durch den Kauf eines Elektroautos.

 

Sie möchten mehr über die Forschung von Prof. Matthies und ihrem Team erfahren? Dann lesen Sie den vollständigen Beitrag in der multimedialen App Guericke mag - dem digitalen Pendant zum Forschungsmagazin der Universität. 

Letzte Änderung: 13.04.2017 - Ansprechpartner:

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